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Sherlock: Offene Türen (Fanfiction)

Offene Türen

Worte: ~ 6.400
Inhalt: Es war nur ein betrunkener Fehler während des Junggesellenabschieds, aber nun lebt John im Schlafzimmer von Sherlocks Erinnerungspalast und Sherlock kann nicht mehr nachdenken … und John bemerkt es.
Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson
Pairing: Sherlock/John (unerwidert?), John/Mary, Sherlock/Irene Adler (Vergangenheit)
Rating: PG-13
Spoiler: The Reichenbach Fall, The Empty Hearse, The Sign Of Three, His Last Vow
Setting: während His Last Vow
Warnungen: Untreue
Beinhaltet: Slash
Beta: tardisjournal, die einen wundervollen Job gemacht hat!
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Sherlock und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Komplette Fanfiction Masterlist

***
***


Sie störte ihn.

Verspottete ihn beinahe.

Sherlock starrte die Tür zum Schlafzimmer seines Erinnerungspalastes wütend an. Hier draußen stehend – im Korridor, umgeben von hölzernen Wandverkleidungen und dem roten, weichen Teppich – kam er sich wie ein Idiot vor. Das hier war seine Welt, es waren seine Gedanken, es war seine Bibliothek an Erinnerungen, seine, seine, seine … und sie verriet ihn schändlich. Diese Tür sollte eigentlich geschlossen sein. Er hielt alle Türen immer geschlossen, es sei denn, er musste einen der Räume betreten. Ordentlich, organisiert … perfekt.

Normalerweise.

Heute nicht. Heute stimmte etwas nicht. Er wusste allerdings genau, was es war. Das machte es einfacher. Nun musste er nur herausfinden, wie er es stoppte oder würde sich nie auf das eigentliche Problem konzentrieren können. Das Problem, wegen dem er seine riesige Festplatte konsultierte.

Er blickte hinunter, zu Boden. Dort, auf dem Teppich, lag der Grund für seine Ablenkung. Der Grund für das merkwürdige Benehmen seines Unterbewusstseins: Ein Buch – in Leder gebunden, dick, oft gelesen. Er runzelte die Stirn, während seine Augen dem eingebrannten Schriftzug auf der Vorderseite folgten: John Hamish Watson. Es sollte nicht hier sein. Eigentlich war sein Platz im Wohnzimmer bei den anderen Büchern – jede einzelne Person, die er je getroffen hatte stand dort in säuberlich beschrifteten Regalen. Das Buch über John sollte sich auf dem kleinen Regal befinden, dessen Etikett Freunde verkündete und John stand normalerweise zwischen G... Lestrade und Molly Hooper. Die Tatsache, dass das Buch hier auf dem Teppich vor seinem Schlafzimmer lag war geradezu beleidigend.

Sherlock hob es auf, strich mit den Fingern über das weiche Leder und den Namen. ”Was soll das?”, fragte er. ”Du lenkst mich ab.”

***

“Oh, entschuldige”, sagte John und schreckte Sherlock damit endgültig aus seinen Gedanken.

Er fand sich wieder auf der Couch in ihrem … in seinem, korrigierte Sherlock sich bitter. In seinem Wohnzimmer. Es war nur vorübergehend wieder zu ihrem geworden – nur, bis John und Mary sich wieder vertragen würden.

John hatte es sich in dem Sessel bequem gemacht, der wohl immer seiner bleiben würde. Sein Laptop ruhte offen auf seinen Beinen. Er lächelte Sherlock etwas verlegen an. Der Anblick sorgte dafür, dass sich Sherlocks Magen schmerzhaft zusammenzog – nur ein kleines bisschen. An dieses Bild hatte er sich geklammert, während er weg gewesen war. Auf dieses Bild hatte er sich gefreut, als er erfuhr, dass er zurückkehren konnte. Wer hätte gedacht, dass es so viel Schmerz und Verwirrung kosten würde, es wiederzusehen, John wieder in ihrer Wohnung zu haben – als Mitbewohner und nicht nur als Besucher? Und es tat weh, dass es enden würde, sobald John und Mary zur Vernunft kommen würden. Es war nicht so, dass Sherlock das nicht wollte. Er wollte, dass sie sich vertrugen! Es fiel ihm nur schwer … loszulassen.

Er drehte den Kopf weg und starrte an die Decke. Er wollte John nicht mehr so sehen. ”Nicht du”, antwortete er verärgert. Verdammter Erinnerungspalast … jetzt konnte er nicht mal mehr die Konzentration aufbringen, so lange darin zu verweilen, wie er wollte.

”Ich bin die einzige andere Person hier”, erwiderte John.

Die Augen fest schließend wandte Sherlock sich der Rückenlehne der Couch zu und zog den Bademantel fester um sich. Er musste zurückgehen und das Durcheinander bereinigen. Er wusste genau, was mit seinem Erinnerungspalast nicht stimmte. Er musste nur herausfinden, wie er es korrigieren konnte. Wenn er nur etwas Ruhe und Frieden bekäme …

”Du hast also mal wieder vor, einfach meine Existenz zu ignorieren?”, fragte John. ”Wirklich?” Er seufzte tief. Sherlock hasste dieses Seufzen. Es bedeutete, dass John ihn innerlich mit einem nervtötenden Kleinkind verglich und Sherlock fand das äußerst ungerecht, denn immerhin war John Schuld an dem Durcheinander in seinem Erinnerungspalast.

Sherlock weigerte sich einfach, darauf zu reagieren und drückte stattdessen das Gesicht in die Rückenlehne, atmete den Geruch von Leder ein und versuchte, sich zu konzentrieren … doch das Geräusch von Johns Tippen lenkte ihn ab. Sherlock zog die Beine enger an den Körper, machte sich kleiner. Er hasste das. John war nie so eine große Ablenkung gewesen – damals, als alles noch gut und perfekt gewesen war, nur sie beide gegen den Rest der Welt. Vor Verlobten und Hochzeiten und Schwangerschaften. Schuld grub sich in sein Gewissen, als er bei diesen Gedanken verweilte … er mochte Mary, sehr sogar, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass er gerne alles so vorgefunden hätte, wie er es zurückgelassen hatte. Es war nun so schwierig, seinen Platz in Johns Leben zu bestimmen.

Er hörte John eine Weile beim Tippen zu, setzte unbewusst Hinweise und sein Wissen über John zu einem Bild zusammen und konnte sich schließlich nicht davon abhalten, zu fragen: ”Du schreibst also an Harry?”

Das Tippen verstummte und dann stieß John die Luft aus. ”Okay, das kannst du unmöglich nur deshalb wissen, weil du mit beim Schreiben zugehört hast.”

Sherlock winkte ab. ”Natürlich ist das möglich. Du tippst zögernd, langsam, machst lange Pausen zwischen den Sätzen. Du gibst dir außergewöhnlich viel Mühe bei der Formulierung. Das machst du nur bei Harry.”

”Ich könnte an Mary schreiben.”

”Könntest du nicht. Du verweigerst jeglichen Kontakt zu ihr.”

”Woher willst du das wissen?”

Sherlock öffnete die Augen und starrte die Falten im Leder an. ”Ich verweigere den Kontakt zu ihr nicht.”

John lachte – kurz und wütend. ”Natürlich”, murmelte er. ”Sie ist ja jetzt deine Klientin.”

”Du hast sie abgewiesen.”

”Also machst du das aus Ehrgefühl?”, fragte John und Sherlock musste ihn nicht sehen, um zu wissen, dass er die Augenbrauen gehoben hatte, das Kinn und die Schultern herausfordernd steif. ”Du erfüllst nur deinen Schwur?” Es klang spöttisch.

Sherlock biss die Zähne zusammen. ”Muss ich dich daran erinnern, dass du um diesen Schwur gebeten hast? Und Mary ist eine Freundin von mir.”

”Du hast keine Freunde”, erwiderte John und hustete einen Moment später leicht verlegen, bevor er sagte: ”Nein, tut mir leid, das war … unnötig.”

Sherlock nahm die Entschuldigung nicht an, da er wusste, dass John nur so bemerken würde, wie sehr die Worte tatsächlich wehgetan hatten.

John seufzte wieder, dieses Mal traurig. ”Verdammt! Hör zu, ich bin … nicht gut drauf, okay? Und hungrig.” Er lachte leise und es klang, als würde es schmerzen. “Ich hole uns etwas zum Abendessen. So kann ich frische Luft schnappen und du kannst das beenden, was du in deinem Erinnerungspalast getrieben hast.”

Er hörte Stoff rascheln, als John aufstand und dann seine Schritte näher kommen. Er erwartete wohl eine Antwort.

Die Stille zwischen ihnen wuchs, bis John schließlich fragte: ”Okay, Sherlock? Hast du mir zugehört?”

”Ruf Mary an”, antwortete Sherlock. ”Sie hatte heute einen Ultraschall und es gibt Bilder vom Baby.” Er hatte sie bereits gesehen, bei Kaffee und Kuchen. Wenn er ehrlich war, sah es wie ein Zellhaufen aus, aber Mary hatte darauf bestanden, dass Kopf und Arme bereits zu sehen seien. Sherlock war nicht ihrer Meinung. Allerdings musste er zugeben, dass es der hübscheste Zellhaufen war, den er jemals zu Gesicht bekommen hatte und er hatte während seiner Studien zur Entwicklung des menschlichen Fötus so einige gesehen. Vielleicht lag das daran, dass ihm etwas an dem Baby lag. Möglicherweise machte Liebe so etwas mit Menschen: Sie glaubten, dass ein Haufen aus Zellen und ungeformten Extremitäten hübsch war.

”Essen wir erst was, okay?”, fragte John leise.

”Du kannst nicht so tun, als würde es nicht existieren.”

”Tue ich gar nicht … ich bin …” John hielt inne. “Ich weiß nur noch nicht, was ich machen soll.” Damit ging er.

***

Es geschah nicht das erste Mal. Sherlock hatte bereits zuvor die Kontrolle über seinen Erinnerungspalast verloren. Allerdings war es sehr selten das Schlafzimmer, das ihm Probleme bereitete. Darin ging er sicher, seit ihn die bittere Erfahrung mit einem anderen Studenten an der Universität gelehrt hatte, dass dieser Raum der gefährlichste werden konnte. Seitdem war das Schlafzimmer nur ein weiteres Mal das Problem gewesen ...

'Ich habe keinen Hunger. Wie wär's mit Abendessen?', drang Irene Adlers Stimme durch die geöffnete Tür, begleitet vom leisen Spiel einer Violine.

Er drehte den Kopf weg, schloss fest die Augen und die Musik verstummte, der Geruch nach dem Parfum der Frau verschwand. Irene Adler hatte im Schlafzimmer gelebt, seine Komposition für sie gespielt, ihn ständig angestarrt, vollkommen nackt. Sobald er jedoch ihre Anwesenheit akzeptiert hatte, hatte sie ihn nicht weiter gestört. Sie hatte ihn nie abgelenkt, hatte nie die Tür aufgelassen und er hatte sie oft besucht, bis er eines Tages eingetreten war und das Zimmer leer vorfand. Das Buch über sie, beinahe nur aus leeren Seiten bestehend, lag allerdings noch immer auf dem Nachttisch.

Er holte tief Luft und steckte das Buch über John entschlossen unter den Arm, bevor er näher an die Tür herantrat. Niemand sollte in diesem Raum sein. Diese Albernheiten würden jetzt enden. Mit einem nachdrücklichen Knall zog er die Tür zu, ignorierte den Geruch nach Tee und das Geräusch von langsamen Fingern auf einer Tastatur, die noch draußen drangen.

Er drehte den Schlüssel und trat zurück.

Einen Moment lang dachte er, es hätte funktioniert und er wollte sich gerade abwenden und das Buch dorthin zurückstellen, wo es hingehörte, als er das leise Quietschen der Scharniere hörte und die Tür sich langsam wieder öffnete. Nur einen Spalt. Gerade weit genug, um ihn zu verärgern.

Sherlock verabscheute die Situation von ganzem Herzen. Alles war wunderbar gewesen. Perfekt sogar. Er hatte geglaubt, dass er alles im Griff hatte, aber scheinbar hatte er sich geirrt. Verdammter Junggesellenabschied, verdammter Alkohol … verdammter John Watson, der einfach wieder bei ihm einzog.

Er hatte jetzt ein echtes Problem.

***

John hatte Essen mitgebracht. Der Geruch nach chinesischen Gerichten durchdrang langsam das Wohnzimmer und fand Sherlock, der noch immer auf der Couch verweilte und versuchte, seinen Hunger zu ignorieren.

"Kommst du?", rief John aus der Küche.

Sherlock gab weder eine Antwort, noch regte er sich.

"Du hast weder gefrühstückt, noch zu Mittag gegessen, Sherlock. Außerdem solltest du Schmerzmittel nicht auf leeren Magen nehmen."

Da er wusste, dass John nicht so bald mit der Bemutterung aufhören würde, stand Sherlock widerwillig auf und stapfte in die Küche, wo er sich auf seinen Stuhl fallenließ.

John stellte einen der kleinen Kartonbehälter vor ihm ab. "Mach nicht so ein Gesicht. Du wirst essen. Du hast gerade keinen Fall."

"Zufällig arbeite ich an etwas", erwiderte Sherlock und stupste den Behälter an. John hielt ihm so lange eine Gabel hin, bis Sherlock sie ergriff und einen Blick in den Behälter warf. "Da ist kein-"

"Doch. Ich bin nicht von gestern, Sherlock. Ich habe es genau so bestellt, wie du es gern hast."

Sherlock stieß die Luft aus und gab nach, zog den Behälter näher.

John räusperte sich und setzte sich auf seinen eigenen Stuhl, schob ein Mikroskop zur Seite, um sich etwas Platz zu verschaffen. "Also … du hast einen Fall? Wie wär's mit ein paar Details?"

Nachdem er den ersten Bissen genommen hatte, schien Sherlocks Körper zu realisieren, dass er tatsächlich ziemlich hungrig war. Sein Magen knurrte laut und er aß schnell drei weitere Bissen, bevor er antwortete: "Die Sache wäre nicht interessant für dich."

John stand auf und holte zwei Flaschen Wasser aus dem Kühlschrank. "Erzähl's mir und wir werden's erfahren."

"Ich brauche dich für diesen Fall nicht", sagte Sherlock und leerte schnell seinen Behälter. Essen war die reinste Zeitverschwendung.

"Okay", sagte John und nippte an seinem Wasser. "Okay."

Sherlock hielt inne und beobachtete ihn, bemerkte, dass John seinen Blick mied – entweder hatte ihn Sherlocks Antwort verletzt oder etwas vollkommen anderes machte ihn nervös. Es war schwer zu sagen. Vor zwei Jahren war es ihm leichter gefallen, John zu lesen. Sherlock fühlte sich momentan aus der Übung. Als John weiterhin auf sein Essen starrte, beschloss Sherlock, dass er wohl verletzt war, weil Sherlock ihn nicht länger in seine Arbeit einschloss. Er konnte die Erleichterung über diesen Gedanken kaum zurückhalten. In den letzten Wochen hatten sie kaum Kontakt zueinander gehabt und es war Sherlock schwerer gefallen, als er zugeben wollte. Die Angst, dass John das häusliche Leben zu sehr genießen würde, um ihm weiterhin bei Fällen zu helfen, hatte sich unerwartet angeschlichen. Es war zu bedauerlich, dass er John gerade in diesen Fall nicht einbinden konnte. "Es ist persönlich", murmelte er.

John schenkte ihm ein kurzes Lächeln. "Mach dir darüber keine Gedanken. Wirklich." Er rieb sich die Stirn, nippte am Wasser und räusperte sich, rutschte unruhig auf seinem Stuhl nach vorne. Sherlock hob eine Augenbraue. Wohl doch Nervosität. Interessant. John blickte ihn mit plötzlicher Entschlossenheit an. "Um ehrlich zu sein, muss ich mit dir über etwas anderes sprechen."

Sherlock nickte.

John legte seine Gabel ab und räusperte sich wieder. "Ich weiß nicht ganz, wie die nächsten Monate werden. Im Bezug auf mich und Mary."

"Was meinst du?"

John starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. "Im Moment sieht es nicht gerade gut für uns aus."

Sherlock lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Aber auch nicht zu schlecht. Du musst ihr nur vergeben, dass sie dich angelogen hat."

"Richtig", sagte John mit einem Nicken. Das begleitende Lächeln war bitter. "Danke für den Ratschlag." Er grub die Blisterpackung mit Sherlocks Schmerzmitteln aus seiner Jeanstasche und ließ sie auf den Tisch fallen. "Das ist leicht gesagt, nicht wahr? Von dem Mann, der sich mit der Assistentin eines psychopathischen Verrückten verlobt hat, um in dessen Büro zu gelangen."

Sherlock nahm gehorsam seine Tablette und beobachtete, wie John die Packung zurück in seine Jeanstasche schob, während er antwortete: "Was ist die Alternative? Scheidung?"

John wurde plötzlich ganz still und biss sich auf die Lippe.

Sherlock faltete die Hände auf dem Tisch. "Du denkst darüber nach."

"Sie hat mich belogen!", antwortete John scharf. "Von Anfang an! Jedes Mal, wenn ich sie etwas über ihre Vergangenheit gefragt habe, hat sie mir glatt ins Gesicht gelogen. Und das Schlimmste ist, dass ich ..." Er schluckte. "Ich habe ihr Dinge anvertraut. Über den Krieg und Harry und … dich. Solche Dinge fallen mir nicht leicht und das weißt du besser als jeder andere."

"Wegen deinem Problem, anderen zu vertrauen, ja", erwiderte Sherlock. "Nur hast du mir vom ersten Moment an vertraut. Und wie du schon angemerkt hast: Mary und ich ähneln uns sehr."

"Halt die Klappe, Sherlock, das ist nicht dasselbe. Außerdem habe ich dir in den ersten Monaten nichts Persönliches erzählt. Du hast mich nur angesehen und Bescheid gewusst."

Sherlock seufzte. "Du bist einfach zu lesen."

John schien die Bemerkung nicht einmal zu hören. "Noch dazu hat sie auf dich geschossen. Sie hat dein Leben riskiert. Du hättest sterben können."

Unbewusst berührte Sherlock seine Brust, wo die Kugel ihn getroffen hatte. Die Wunde schmerzte noch immer etwas, aber es war bereits viel besser geworden und die Medikamente, die John ihm regelmäßig aushändigte, brachten auch die letzten Schmerzen unter Kontrolle. "Ich bin nicht gestorben."

"Du hättest sterben können!"

"Bin ich nicht! Wirklich, John, aus Loyalität zu mir die Scheidung einzureichen ist unnötig und übertrieben!" Die Worte klangen harscher als er beabsichtigt hatte, aber er war nie jemand gewesen, der sich zurückhielt, also biss er sich nur auf die Lippe und hielt Johns Blick stand.

"Richtig", meinte John langsam. Es war schwer zu sagen, was er darüber dachte. "Kommen wir zurück zum Thema, okay?", fragte er schließlich.

Sherlock nickte erleichtert. "Wie du willst."

John rutschte auf seinem Stuhl etwas nach vorne, näher an den Tisch heran. "Sagen wir – theoretisch –, dass … Mary und ich uns trennen." Allein der Gedanke schien ihm wehzutun, bemerkte Sherlock, aber er erwähnte es nicht. John hielt einen Moment inne, bevor er sich selbst zunickte und fortfuhr: "Sie bekommt das Baby. Wie problematisch wäre es für dich, mit einem Teilzeit-Vater und seinem Kind zu leben?"

Sherlock wusste, dass er nicht zögern durfte und er hatte diese Frage bereits erwartet, darüber nachgedacht und war zu einer Entscheidung gekommen, also meinte er nur: "Überhaupt nicht problematisch."

John hob die Augenbrauen. "Ich werde ein Baby haben, Sherlock. Sie weinen und brauchen Aufmerksamkeit und Ruhe, wenn sie schlafen wollen. Experimente, die in der Mikrowelle explodieren, helfen dabei nicht."

Sherlock nickte. "Babys sind die einfachsten aller Kreaturen, John. Sie brauchen nur jemanden, der ihre Grundbedürfnisse stillt."

Johns Mundwinkel zuckten leicht nach oben. “Ich rede hier mit dem Mann, der einem Kind Fotos von Tatorten gezeigt hat … sag nicht, das stimmt nicht. Ich weiß es besser.”

Sherlock lehnte sich vor und betrachtete John genau. ”Ich bekomme das Gefühl, du willst, dass ich Nein sage, John, weil du glaubst, dass ich nicht mit einem Baby leben kann.”

John schloss die Augen. "Ich bin nur überrascht." Er klang müde. Mit einem warmen Lächeln sah er wieder zu Sherlock auf. "Tut mir leid. Ich wollte bestimmt nicht andeuten, dass ich dir mein Kind nicht anvertrauen würde."

"Würdest du das denn? Mir dein Kind anvertrauen, wenn du kurzfristig in die Klinik musst und weder Mary noch Mrs. Hudson erreichbar wären?" Auf einmal war es sehr wichtig, die Antwort auf diese Frage zu kennen. Sherlock klang nicht gerne wie jemand, der nach Bestätigung suchte … dann wiederum war es immer so zwischen ihnen gewesen: John war ungewöhnlich offen und vertrauensselig, Sherlock war ungewöhnlich rücksichtsvoll und anhänglich.

John zögerte nicht einmal. "Ja", sagte er. "Natürlich, Sherlock, jederzeit."

Die Worte ließen Sherlocks Herz einen Schlag auslassen … und das war einfach nur albern. Er wich Johns Blick aus. "Kann ich dann wieder an die Arbeit gehen?" Ohne auf eine Antwort zu warten stand er auf und wandte sich wieder dem Wohnzimmer zu.

”Also wäre es okay, wenn wir hier leben würden?”, fragte John.

Sherlock stoppte, starrte Johns Reflexion im Fenster des Wohnzimmers an. ”So weit wird es nicht kommen.”

”Aber es wäre okay?”

”John”, sagte Sherlock etwas verärgert, ”ich sage nichts, was ich nicht auch meine.” Nur eine Sekunde später wünschte er, er hätte das nicht gesagt. Eine Erinnerung kam in ihm hoch, ausgelöst von seinen eigenen Worten ...

Der dämmrige Flur von 221B, John eng an ihn gepresst, seine Hände in Sherlocks Haar, seine geflüsterten Worte das einzige Geräusch. ”Versprich es, Sherlock. Versprich's mir.”

Sherlocks Hände klammerten sich an das furchtbare Jackett, das John trug, halfen ihm, seine Balance auf den Zehenspitzen zu halten, obwohl Sherlocks Gleichgewicht ebenfalls nicht mehr sonderlich gut war. ”Ich kann nicht. Ich kann nichts versprechen, das ich nicht halten kann.”


”Okay”, sagte John, zog Sherlock zurück zu ihrer Wohnung und chinesischem Essen und allem, das ihm so viel bedeutete. ”Okay.” Johns Stuhl kratzte über das Parkett, als er mit einem tiefen Seufzen aufstand. ”Tee?”

”Bitte”, antwortete Sherlock.

***

Sherlock starrte die Tür zum Schlafzimmer an. Sie war halb geöffnet und Licht fiel durch den Spalt auf den Teppich. Er hatte sie nun drei Mal fest verschlossen, aber wann immer er sich abwandte, um zu gehen, öffnete sie sich nur wieder. Er schluckte und blickte auf das Buch in seinen Händen.

John Hamish Watson

Sherlock setzte sich auf den Teppich, hielt das Buch in den Händen und starrte die Tür an. Er wusste, dass er diese Ablenkung stoppen konnte, indem er einfach Johns Platz in seinem Erinnerungspalast anerkannte. Es war so einfach … theoretisch. Es hatte bereits mit Irene Adler funktioniert, als er ihr die SMS am Silvesterabend geschickt hatte. Aber die Frau war anders. Sie war nicht wie John, nicht so wichtig für sein Leben. Wenn Sherlock John die Wahrheit erzählen würde, dann würde John vermutlich fliehen … und die Struktur, die er Sherlocks Leben geschenkt hatte, würde zerfallen.

Am Ende musste er also doch die eine Entscheidung fällen, die er niemals fällen wollte: Zwischen der Arbeit und einer anderen Person zu wählen.

Nun war er neugierig. Er wollte es nur kurz ansehen, wollte John ansehen – oder die Art, wie sein Erinnerungspalast ihn darstellte. Sherlock lehnte sich vor, bis seine Fingerspitzen das polierte, glatte Holz der Tür gerade so erreichen konnten und schubste sie etwas weiter auf.

John saß im Schneidersitz auf dem Bett, sein Laptop vor ihm und eine Tasse Tee in der Hand. Er blickte auf und lächelte. "Kommst du endlich?", fragte er.

"Was?", fragte Sherlock.

***

"Ich habe gefragt, ob du deinen Tee überhaupt trinken willst", antwortete John.

Sherlock drehte den Kopf und sah ihn an. John saß wieder in seinem Sessel. Statt dem Laptop studierte er die Zeitung.

"Ich habe aber eigentlich nicht mit dir geredet", fuhr John fort. "Ich hätte nicht gedacht, dass du mich hören würdest." Ein besorgtes Stirnrunzeln legte sich auf sein Gesicht. "Was ist los? Du benimmst dich etwas merkwürdig."

"Ich kann mich nicht konzentrieren", erwiderte Sherlock und ging sicher, dass die drei Nikotinpflaster, die er vor ein paar Stunden aufgeklebt hatte, noch immer auf seinem Unterarm hafteten.

John nippte an seinem Tee. "Lenkt dich etwas ab?"

"Du", antwortete Sherlock ohne nachzudenken, abgelenkt von den Mustern, die die Lichter der vorbeifahrenden Autos an die Decke malten.

"Soll ich vielleicht verschwinden?", fragte John und Sherlock drehte den Kopf, um ihn anzusehen. Johns Gesichtszüge erschienen im sanften Licht der Lampen weicher. Dennoch konnte Sherlock sehen, dass die letzten beiden Jahre ihre Spuren hinterlassen hatte. Die Falten der Trauer hatten sich tiefer um seine Lippen und Augen gegraben und die Probleme in seiner Ehe machten ihn müde. Sherlock fragte sich, ob sie heute in derselben Situation wären, wenn er London nie verlassen hätte. Ob John und Mary verheiratet wären. Ob sie sich überhaupt begegnet wären … John räusperte sich. "Ich könnte zu Greg gehen. Oder Molly."

Sherlock verzog das Gesicht. "Nein."

"Was stimmt dann nicht? Ich mache mir etwas Sorgen. Wenn du mir nicht sagst, was los ist ..." Seine Augen weiteten sich und Sherlock konnte sehen, dass er die richtigen Punkte verbunden und ein falsches Bild herausbekommen hatte. "Es geht um … es geht um den Kuss, oder? Du hast doch ein Problem damit." Er drehte sich in seinem Sessel, um Sherlock besser ansehen zu können. Als er wieder sprach, hatte er die Stimme gesenkt, als würde er nicht belauscht werden wollen. "Wir waren betrunken. Es hat nichts bedeutet, Sherlock, es-"

"Sei still", sagte Sherlock, hauptsächlich, weil er nicht hören wollte, wie John die Erfahrung herunterspielte, die Sherlock so fundamental aus der Bahn warf. "Du liegst falsch." Er seufzte und sagte dann langsam: "Ich sagte, dass ich verstehe, dass es dir nichts bedeutet. Natürlich hast du das absichtlich missverstanden."

John starrte ihn an, holte Luft. "Sherlock-"

"Aber es war in Ordnung, bis ich feststellte, dass ich … keine Kontrolle mehr darüber habe, was du hier drin treibst." Er zeigte vage auf seinen Kopf.

John faltete seine Zeitung, um Sherlock seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. "Okay."

Sherlock drehte sich wieder auf den Rücken und schloss die Augen.

”Versprich es, Sherlock. Versprich's mir.”

”Ich kann nicht. Ich kann nichts versprechen, das ich nicht halten kann.”


Sherlock rieb sich das Gesicht und gab ein frustriertes Geräusch von sich. John starrte ihn noch immer an und Sherlock erwiderte den Blick verärgert. "Es ist nicht von Bedeutung! Ich muss nur die Kontrolle zurückbekommen." Er blickte zur Küche. "Noch ein Nikotinpflaster, vielleicht zwei."

"Du hast schon genug", erwiderte John. "Mehr würde dich nur noch zappeliger machen. Ich denke, wir sollten vernünftig über diese Sache reden."

"Sie werden mir beim Nachdenken helfen", antwortete Sherlock. "Und du willst nicht darüber reden, John, das kann ich sehen. Du willst nicht mal darüber nachdenken, denn du kannst den Gedanken nicht ertragen, dass es passiert ist … und dass du es initiiert hast!" Er stieg über den Kaffeetisch, auf dem Weg zur Küche, und konnte plötzlich die Wut in sich nicht mehr zurückhalten. "Du willst dem Alkohol und mir die Schuld geben und es vergessen, kein ernsthaftes Gespräch darüber führen, wie sehr du wünschst, dass die Dinge anders wären." Er blickte John böse an, als er an ihm vorbeiging. "Bitte sprich nicht darüber, nur weil du glaubst, ich brauche es, John. Du weißt, dass ich es hasse, wenn du mich wie ein Kind behandelst." Damit riss er die Tür des Küchenschranks auf und suchte nach seinen Nikotinpflastern, versuchte, die Erinnerungen zu ignorieren, die nun immer nachdrücklicher wurden.

John war eng genug an ihn gepresst, dass Sherlock seine Körperwärme durch die Schichten ihrer Kleidung spüren konnte. Er stand auf den Zehenspitzen, atmete gegen Sherlocks Lippen, seine Finger in Sherlocks Haar, seine Stimme kaum lauter als ein Flüstern, aber klar hörbar in der Stille von 221Bs Flur. ”Versprich es, Sherlock. Versprich's mir.”

Sherlock wusste nicht ganz, wie sie an diesen Punkt gekommen waren. Sie waren noch lachend durch die Tür gestolpert und jetzt das hier: Tödlicher Ernst, schwerer Atem, ein erstickendes Gefühl in Sherlocks Kehle, Tränen in Johns Augen und ihre Hände einander festhaltend. Seine Finger hatten Fäuste in dem steifen Stoff von Johns Jackett geformt und er starrte in seine Augen hinunter. ”Ich kann nicht. Ich kann nichts versprechen, das ich nicht halten kann.”

Sherlock fühlte sich verpflichtet, sich zu erklären, den Schmerz zu lindern. ”Ich habe es für euch getan. Ich würde es wieder tun.”

”Tu's nicht!”, erwiderte John heiser. ”'s nicht richtig.”

Alkohol ließ ihre Worte leicht verschwimmen und senkte Johns Selbstkontrolle, machte ihn zu dieser unsicheren Person, die ein Versprechen von dem Mann forderte, der niemals etwas versprach. Aber Alkohol senkte auch Sherlocks Selbstkontrolle und er konnte John nicht vollkommen abweisen, selbst, wenn er sich dadurch selbst kompromittierte. ”Ich denke drüber nach.”

Für einen Moment lehnte John seine Stirn an Sherlocks Schulter, schien zu erkennen, dass er nicht mehr verlangen konnte. Er zitterte. Sherlock konnte es spüren, zog ihn näher, ließ seine Hände um Johns Hüfte gleiten. Der raue Stoff des Jacketts prickelte an seiner Haut und er fragte sich, ob der Alkohol seine Nervenenden sensibler machte oder ob es mit Johns Nähe zu tun hatte … und dann drückte John seinen Mund gegen Sherlocks. Nur eine Sekunde später gab John ein kurzes Keuchen von sich, als wäre er selbst überrascht, dass er das gewagt hatte und dann hörte Sherlock so etwas wie ein unterdrücktes Schluchzen. John bewegte sich nicht, verharrte mit seinen Lippen nur Millimeter von Sherlocks entfernt und Sherlock versuchte, zu verstehen, doch seine Gedanken waren träge. Schließlich beschloss er, dass er nicht mehr nachdenken wollte, er wollte nur mehr hiervon.

Er festigte den Griff um John und presste seine Zunge gegen Johns Lippen, bis sie sich öffneten, vertiefte den Kuss ungeschickt. Sie stolperten, der Kuss wurde unterbrochen. Sherlock ließ sich an die Wand in seinem Rücken fallen und zog John wieder näher, um den Kuss zu wiederholen. Er schmeckte Bier und Erdnüssen. Johns Finger gruben sich in Sherlocks Haar und zogen leicht daran und einer von Johns Armen legte sich auf Sherlocks Schulter, um sich daran hochzuziehen.

Und dann zog John sich plötzlich zurück – nicht weit, nur weit genug, um den Kuss zu brechen – und starrte in Sherlocks Augen. "Ich weiß nicht, wieso ich …", flüsterte er. "Das hier ist ..."

Weil er nicht hören wollte, wie unangebracht und unmöglich diese Situation war, küsste Sherlock ihn erneut und drehte sie herum, sodass er John an die Wand drücken konnte. Irgendwo in seinen Gedanken schrie er sich selbst an, dass das hier eine schlechte Idee war. Das hier sollte nicht passieren, zumindest nicht unter diesen Umständen. In einer Sekunde würde John ihn entweder weg stoßen oder schlagen … aber er konnte sich nicht stoppen. Das her war so einzigartig, so unwahrscheinlich … und John hörte auch nicht auf, seine Hände legten sich auf Sherlocks Hinterkopf, seine Finger strichen durch Sherlocks Haar. Der Kuss war tief und leidenschaftlich, Sherlock keuchte gegen Johns Lippen und schluckte Johns Stöhnen und John zitterte und murmelte zusammenhangslos, wann immer er konnte … und dann beruhigte sich alles von selbst wieder, ließ sie atemlos und benommen zurück, die Wangen gerötet und miteinander verschlungen. Und Sherlock wollte nicht, dass es jemals endete, wollte John für immer so nah sein ...

John zuckte zusammen und murmelte: "Ich werde heiraten." Seine Augen fokussierten auf Sherlock und er sah aus wie damals, als er die Bombe getragen hatte – etwas ängstlich, definitiv entschlossen. "Ich … schwöre bei Gott, ich liebe sie. Ich liebe sie." Er schloss die Augen. "Sherlock." Er holte zittrig Luft. "Sherlock." Ein weiterer Atemzug. "Was machen wir hier?" Der Griff seiner Hände um Sherlocks Kopf wurde fester. "Was mache ich hier?"

Es gab keine gute Antwort darauf, nichts, das Sherlock sagen konnte, um die Situation irgendwie besser erscheinen zu lassen. Er konnte nur Schadensbegrenzung ausüben. Was bedeutete, dass er das hier beenden und John nach oben schaffen würde, wo der sündhaft teure Scotch wartete, den er Mycroft mal gestohlen hatte. Mit etwas Glück könnten sie wieder die betrunkene Albernheit finden, die sie irgendwo verloren hatten. Er wusste, das war genau das, was er jetzt tun musste. Doch zuerst … zuerst würde er das hier ausnutzen, diesen Moment in das Schlafzimmer seines Erinnerungspalastes sperren, denn das hier durfte nie, nie wieder passieren. Und wenn ihn das egoistisch machte … nun, John hatte oft genug gesagt, dass Sherlock egoistisch sei.

Also nahm er Johns Gesicht in seine Hände und lehnte sich vor, um ihre Lippen aneinanderzupressen. Er hielt den Kuss zunächst flüchtig, eine Begrüßung zwischen Liebhabern. John atmete überrascht ein, aber als er nichts tat, um Sherlock zu stoppen, zog Sherlock ihn näher und in eine feste Umarmung … dann vertiefte er den Kuss. Trotz der Leidenschaft, die noch vor ein paar Minuten geherrscht hatte, blieb dieser Kuss vorsichtig und zärtlich und perfekt … und mit einem letzten kurzen Treffen ihrer Lippen ließ Sherlock schließlich von John ab. Seine Hände glätteten den Kragen von Johns Jackett, bevor er sie in seine eigenen Manteltaschen steckte.

John starrte ihn traurig an. ”Verdammt, Sherlock ...”

”Nicht”, erwiderte er leise. ”Nichts von Bedeutung ist passiert.”

”Nichts von Bedeutung?”, wiederholte John ungläubig. ”Niemand … hat je-”

Sherlock unterbrach ihn rasch. ”Es liegt am Alkohol. Beeinflusst die Selbstkontrolle. Du bist nur glücklich, dass ich zurück bin. Ich verstehe, dass es dir nichts bedeutet.” John sah ihn an und Sherlock lächelte leicht, trat einen Schritt zurück. ”Du wirst heiraten."

John lehnte sich zurück an die Wand und rutschte daran herunter, bis er auf der untersten Stufe der Treppe saß. ”Keine Selbstkontrolle”, murmelte er.

Sherlock setzte sich neben ihn und bestätigte: ”Alkohol. Eine Menge.” Er lächelte bitter. ”Oben ist noch mehr.”

”Werde ich brauchen”, antwortete John.

Sie bewegten sich eine Weile nicht von der Stelle.


Sherlock fuhr mit dem Daumen über das fünfte Nikotinpflaster auf seinem Arm und ließ die Packung auf dem Küchentisch zurück.

”Du könntest falsch liegen”, sagte John in die Stille. ”Ich möchte vielleicht doch darüber reden.”

Sherlock blickte ihn an. Seine Augen lasen alles in Johns Gesicht, das er wissen musste. ”Ich liege richtig.”

”Schließ mich nicht aus. Wenn wegen … wegen mir etwas mit deinem Erinnerungspalast oder deiner Konzentration nicht stimmt, dann will ich, dass du darüber redest. Das muss aufhören.”

Sherlock schnaubte. ”Das ändert doch gar nichts!”

”Vielleicht ändert es nichts, aber es könnte helfen”, sagte John fest. ”Du wirst es erst wissen, wenn du es versuchst. Also, bitte, bevor du dir eine Überdosis Nikotinpflaster verpasst ...”

Die Schultern gestrafft starrte Sherlock ihn an. ”Na schön”, antwortete er angespannt. John stand auf und stemmte die Hände die Hüften, sein Kinn nach vorne geschoben. Sherlock wies ihn bewusst nicht darauf hin, dass er zum Kampf bereit wirkte … oder als würde er wegrennen wollen. Dennoch hatte John in einer Sache recht: Das hier musste aufhören. Keine Ablenkungen. Nicht mehr.

Er trat näher, ließ die Stille noch einen Moment hängen und sagte dann nüchtern: "Du wohnst in meinem Schlafzimmer."

John starrte ihn an, blinzelte. "Wie meinst du das?"

"Du lebst in meinem Schlafzimmer und die Tür lässt sich nicht mehr schließen. Ich mag das nicht. Es ist kontra-produktiv und eine Ablenkung."

John verschränkte die Arme. "Ich lebe im Schlafzimmer deines Erinnerungspalasts?"

"Ich kann weder nachdenken noch arbeiten, solange du die Tür geöffnet lässt."

John stieß die Luft aus. "Okay … wo lebe ich normalerweise?"

"Nirgendwo. Du bist ein Buch im Wohnzimmer, auf dem Regal Freunde. Zwischen Lestrade und Molly. Zumindest warst du das. Jetzt bist du im Schlafzimmer und hältst meinen Erinnerungspalast als Geisel, bis ich dich dort akzeptiere. Was ich gerade getan habe."

Er wandte sich der Couch zu, aber John griff seinen Arm. "Okay, einen Moment noch."

Sherlock presste die Lippen zusammen. "Was?"

"Wir müssen darüber reden."

"Warum?"

John starrte ihn an, kämpfte um eine Antwort. "Weil … wir es müssen."

Sherlock seufzte ungeduldig und schüttelte Johns Hand ab. "Dann sprich."

John schluckte sichtbar, etwas überrascht. Er räusperte sich. "Das Schlafzimmer." Er rieb sich die Stirn. "Okay … gut ..."

'Kampf oder Flucht?', fragte Sherlock sich. 'Kampf oder Flucht?'

John nickte und sah wieder zu ihm auf. "Okay … Sherlock … das hat also mit dem Kuss zu tun?"

"Inzwischen dürfte das offensichtlich sein."

"Gut." John verzog das Gesicht. "Oder … ich weiß nicht. Du musst … ich muss wissen, was du in deinem Schlafzimmer aufbewahrst."

Die Augenbrauen gehoben schob Sherlock seine Hände in die Taschen des Bademantels. "Wozu dient das Schlafzimmer für gewöhnlich?", fragte er.

"Nun, ist es ..." John schloss die Augen und öffnete sie wieder mit einem deutlich entschlosseneren Gesichtsausdruck. Er trat näher an Sherlock heran und fragte: "Geht es nur um Sex oder mehr?"

Sherlock verengte die Augen, etwas verärgert. "Ich neige nicht zu kurzlebigen Fantasien." Und John sollte das wissen. Das sollte er wirklich. Oder vielleicht war er manchmal ebenso verwirrt wie Sherlock nach zwei Jahren der Trennung.

"Also hat das vor dem Kuss angefangen?"

"Es begann mit der Jagd nach einem Taxi."

Bei der Erinnerung stahl sich ein Lächeln auf Johns Gesicht und Sherlock lächelte kurz zurück. John fuhr fort: "Und der Kuss ...”

"Hat es nur beschleunigt. Früher oder später wärst du ohnehin in das Schlafzimmer gezogen." Es wurde einfacher, darüber zu sprechen, je länger sich Sherlocks anfängliche Sorgen nicht bewahrheiteten. Vielleicht war er John gegenüber zu streng gewesen. Immerhin hatte sich Johns Verärgerung jeder Andeutung auf eine Beziehung mit Sherlock – jeder Andeutung darauf, er könnte nicht heterosexuell sein – immer nur auf sich selbst bezogen. Niemals Sherlock. Er verdrehte die Augen und fügte hinzu: "Deine Rückkehr hierher macht es mir nur unmöglich, dich länger zu ignorieren. Wahrscheinlich wegen der ständigen Nähe. Das ist etwas unpraktisch."

Stille hüllte sie ein, beruhigte die blank gescheuerten Nerven der letzten Wochen und heilte die Risse, die ihre Freundschaft wegen Johns Eheproblemen und Sherlocks Loyalität zu Mary bekommen hatte.

Schließlich lachte John. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

"Warum solltest du etwas sagen?"

John stieß die Luft aus. "Keine Ahnung. Ich nehme an, es ist nur … gutes Benehmen so etwas zu sagen wie 'Ich fühle mich geehrt'."

“Seit wann lege ich Wert auf gutes Benehmen?"

John lachte leise, dann wurde er wieder ernst. "Aber du bist okay, oder?"

Sherlock seufzte und kehrte zur Couch zurück, worauf er sich mit einem geübten Hüpfer fallen ließ. Er streckte die Beine aus und faltete die Hände unter seinem Kinn. "Ich kann mich endlich auf Magnussen konzentrieren."

"Das ist keine Antwort."

"John, meine romantischen Gefühle für dich sind unwichtig, da du sie nicht erwidern kannst. Dafür kann ich dir keine Schuld geben, ebenso wenig kannst du mir die Schuld dafür geben, dass ich so empfinde. Du hast mich geküsst – wahrscheinlich in einem ungeschickten, alkoholisierten Versuch, mir zu zeigen, dass ich dir viel bedeutete – und ich habe den Kuss erwidert. Von diesem Punkt an hast du einfach auf das reagiert, was ich getan habe. Vollkommen normal zwischen zwei Freunden, die so eng miteinander verbunden sind wie wir."

"Denkst du?", fragte John und Sherlock hörte den Zweifel in seiner Stimme.

Sherlock gab sich Mühe, seinen eigenen Zweifel nicht so offensichtlich durchscheinen zu lassen, als er antwortete: "Ich weiß es."

"Natürlich."

"Kann ich jetzt wieder arbeiten?"

"Sicher."

Sherlock entspannte sich bewusst und begann, sich von der Außenwelt abzukapseln, um seinen Erinnerungspalast zu betreten … doch er wurde unterbrochen, als eine Hand durch seine Haare fuhr und Lippen seine Stirn berührten. Er öffnete die Augen und sah überrascht zu John auf.

Johns Finger zogen leicht an ein paar Haarsträhnen. "Es ist okay, weißt du. Vollkommen okay." Er lächelte traurig. ”Und es tut mir leid.”

”Muss es nicht”, erwiderte Sherlock. ”Wie du schon sagtest, es ist okay.”

John nickte und richtete sich auf, kehrte zu seinem Sessel zurück.

Sherlock sah ihm nach.

***

Der Raum war nicht groß, aber in warmen Farben gehalten, die im Licht der einfallenden Sonne nur noch heller wirkten. John saß noch immer auf dem Bett und grinste ihn an, als wäre er stolz. "Hat ja lange genug gedauert.”

Sherlock schloss die Schlafzimmertür – von innen. Sie blieb geschlossen er lächelte darüber, bevor er sich John zu wandte, der mit dem Rücken am Kopfende des Bettes lehnte, den Laptop offen auf seinen Beinen und eine Tasse Tee auf dem Nachttisch. Sherlock trat näher und setzte sich auf die Kante auf der anderen Seite des Bettes – seine Seite. Auf dem Nachttisch lag ein Buch: Irene Adler. Sie hatte mehrere Monate hier gelebt. Auf gewisse Art war sie noch immer hier. Das würde sie wahrscheinlich immer sein.

John schloss den Laptop. ”Ich denke, ich bleibe eine Weile”, sagte er.

Sherlock drehte den Kopf und sah ihn über die Schulter hinweg an. "Das fände ich schön." Nachdenklich fügte er hinzu: "Solange du mich arbeiten lässt."

John lachte leise. ”Das versteht sich von selbst.” Sein Lächeln wurde sanft und warm, einladend. Sherlock drehte sich etwas, legte sich auf die Seite mit dem Gesicht zu John und den Beinen ausgestreckt, sein Kopf auf einem seiner Arme. John legte sich ebenfalls hin. ”Musst du nicht arbeiten?”, fragte er sehr leise, beinahe flüsternd, als wollte er ihn nicht wecken.

Sherlock streckte die Hand aus, fuhr die Lachfalten um Johns Augen mit den Fingerspitzen nach. Er dachte an Magnussen und Marys Geheimnisse und Johns gebrochenes Herz … und entschied, dass das alles noch einen Tag warten konnte. "Ich denke, ich bleibe eine Weile."


ENDE
02/14


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