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Firefly: Ritual (Fanfiction)

Ritual

Worte: ~1.300
Inhalt: Hierauf war Simon nicht vorbereitet worden. Also begann er zu betteln – stumm, verzweifelt … immerzu.
Charaktere: Simon Tam, River Tam
Rating: PG
Setting: während der ersten Staffel
Anmerkungen: Geschrieben für hc_bingo und den Prompt 'betteln'.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Firefly und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Komplette Fanfiction Masterlist

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Es war wie ein konstantes Summen in seinen Gedanken. Er konnte nicht schlafen, starrte die ganze Nacht nur an die Decke, verlor die Konzentration und seine Selbstsicherheit, bis er nur noch ein Schatten des Mannes war, der ihn noch vor wenigen Monaten im Spiegel angelächelt hatte. Doch er hatte keine Zeit für seine eigenen Gefühle. Er konnte sich nicht um sich selbst sorgen. Simon hatte nur Zeit für River und seinen Job auf dem Schiff und das Mantra, das er in einer Endlosschleife in seinem Kopf ablaufen ließ.

Bitte, bitte, bitte … bitte lass alles wieder in Ordnung kommen. Bitte hilf ihr, Frieden zu finden.

Bitte hilf mir. Ich weiß nicht, was ich tun soll.

Bitte, bitte, bitte …


Er wusste nicht einmal, wen er anflehte, aber es half, sich vorzustellen, dass ihn irgendjemand hören konnte. Er war niemals ein religiöser Mann gewesen oder hatte sich zu sehr auf andere verlassen. Er hatte es von Kindesbeinen an vorgezogen, selbständig zu sein. So war er erzogen worden. Allerdings hatte er auch beigebracht bekommen, wie man in der besseren Gesellschaft lebte, ein guter Gastgeber und freundlicher Gast war, hart arbeitete und nichts als selbstverständlich ansah.

Diese Lehren halfen ihm nun nicht mehr, denn das war nicht länger sein Leben.

Sein Leben war die Sorge um River und das Schiff, das er mit Kriminellen teilte. Er vertraute Menschen, die er nicht kannte und die immer auf der Suche nach leicht verdientem Geld waren. Sein Leben war nun gefährlich und unberechenbar. Darauf war er nicht vorbereitet worden. Also begann er zu betteln – stumm, verzweifelt … immerzu.

Doch es gab Zeiten, in denen das stumme Betteln nicht half, in denen er es aussprechen musste. ”River, bitte”, sagte er und hob die Hände, versuchte, sie zu beruhigen und zu lächeln.

"Ich will das nicht!", schrie River ihn an und drängte sich Schutz suchend in eine Ecke der Krankenstation. Als er nähertrat, schubste sie ihn schwach zurück und er blieb stehen. Ihr Gesicht verzog sich zu einer Schmerz erfüllten Grimasse und Tränen liefen über ihre Wangen. Simon glaubte, sein Herz brechen zu spüren. Seine River hatte nie wegen ihm geweint. Seine River hatte immer nur mit ihm oder für ihn und in seinen Armen geweint. Niemals so. Niemals, weil sie Angst vor ihm hatte. Sie saß am Boden und zog ihre Beine näher, um sich kleinzumachen und barg ihr Gesicht in ihren Händen. "Bitte, bitte, bitte …" Das einzige, was sie noch gemeinsam hatten, war das Mantra.

Simon schluckte seine Tränen, erinnerte sich selbst daran, warum er das hier tat: Um ein Medikament zu finden, das ihr helfen würde, das sie ruhig und friedlich machte, das dem Captain beweisen würde, dass Simon die Situation unter Kontrolle hatte. Dass er ihn nicht ansehen musste, als hätte er ein Raubtier an Bord gebracht … er hockte sich hin. ”River”, sagte er leise und zeigte ihr die Spritze, "es tut mir leid. So leid. Aber das hier ist nötig. Es ist Medizin."

”Es ist Gift”, murmelte sie, starrte die klare Flüssigkeit wütend an, bevor sie ihr Gesicht wegdrehte und sich weiter in ihre Ecke drängte. ”Gift, um mich zu töten. Du willst mich los werden.”

”Das ist nicht wahr”, erwiderte er, erinnerte sich daran, dass es ihr nicht gut ging und sie nun oft verletzende Dinge sagte, die sie nicht meinte. Sie war nicht länger seine kleine River. Doch er liebte sie nicht weniger.

Sie schluchzte und hob die Hände, um sie in ihren Haaren zu vergraben, über ihre Ohren gelegt. ”Du hasst mich.”

”Ich liebe dich.” Er schenkte ihr ein angespanntes Lächeln, als sie ihn misstrauisch anblickte. ”Bitte, River. Bitte.”

Sie sah die Spritze an. ”Das wird mich ändern?”

”Es wird dir helfen, dich besser zu fühlen.”

”Warum willst du mich ändern, wenn du mich liebst?” Sie versteckte ihr Gesicht wieder, zog die Beine näher und drückte ihre Stirn an die Wand.

”Ich will nur, dass du ...” Er biss sich auf die Lippe, plötzlich unsicher.

”Dummkopf”, murmelte River. Sie klang beinahe wie seine kleine Schwester von damals.

Simon schloss die Augen und ließ sich zurückfallen, saß mit gesenktem Kopf auf dem Boden. ”Was soll ich nur tun?”, flüsterte er. ”Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll.” Er hob den Arm, um die Spritze auf der Arbeitsfläche abzulegen.

River beobachtete die Bewegung mit einem skeptischen Stirnrunzeln. ”Keine Medizin?”

Simon strich sich müde über das Gesicht. ”Nein. Jetzt nicht.” Er fühlte sich ausgesaugt und flach. Ihm war bewusst, dass er wahrscheinlich nicht genug Schlaf bekam, aber River brauchte ihn nachts und am Tag und der Captain verlangte, dass er Dinge auf dem Schiff erledigte und das Heimweh schmerzte. ”Ich wollte das hier nie für dich”, sagte er langsam. ”Tut mir leid.” Er senkte den Kopf und schloss seine brennenden Augen. Nur für einen Moment.

Er spürte Rivers Finger in seinem Haar, zögernd und vorsichtig, bevor sie plötzlich die Arme um ihn legte und sich in einer ungeschickten Umarmung an seine Seite drückte. ”Armer Simon.”

Simon küsste ihren Kopf und erwiderte die Umarmung, denn dass River ihn von sich aus berührte, geschah so gut wie nie seit der Akademie. Also nutzte er jede Gelegenheit, die sich ihm bot. Nicht nur, weil es River war, sondern auch, weil er sonst niemanden hatte.

Als sie wieder sprach, hatte sich ihre Stimme verändert und der übliche, kindliche Unterton war von etwas ruhigem verdrängt worden, das ihm völlig neu war. River war viele Dinge gewesen. Ruhig hatte nie dazu gezählt. Doch der Tonfall hatte eine gute Wirkung auf Simons angespannte Nerven, verankerte ihn in der Realität, wenn er kurz davor war, seinen Halt zu verlieren. ”Das Feuer im Kamin ist wärmer als künstliches Licht.”

Er schloss die Augen und holte tief Luft. Er verstand selten, was diese Persönlichkeit seiner Schwester ihm sagen wollte. Er war zu müde, um darüber nachzudenken. ”Du hast sicher Recht, mei-mei.”

”Es ist eine Tatsache.” Sie sah ihn an, ihre blauen Augen ernst und ohne jede Angst. ”Ich bin klüger als du. Du kannst mir glauben.”

Er lachte leise und strich ihr das Haar aus der Stirn. ”Ich weiß, mei-mei. Das warst du immer.”

”Such nicht nach Dingen, die nicht länger existieren. Die Frau ist nun hier. Du brauchst das Mädchen nicht.”

Die Art, auf die sie das sagte, jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

Doch dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck und ihre Augen leuchteten auf. ”Kann ich mich zu Wash setzen?” Sie klang wieder kindlich, unschuldig, als wäre ihr Streit vergessen.

Simon überlegte, ob er es wieder ansprechen sollte. Er wusste, dass er das früher oder später musste. Die Medizin konnte nur Resultate zeigen, wenn er sie regelmäßig verabreichte … aber Wash war gut zu ihr, weniger unhöflich und scheu als andere, und River schien im Cockpit der Serenity glücklich zu sein. Und er war müde. Vielleicht – nur vielleicht – könnte er sich für eine Stunde hinlegen und die Kraft sammeln, die er brauchen würde, um ihr die Spritze zu verabreichen. ”Wenn es ihm Recht ist.”

Damit rannte sie los, ihre Stiefel laut auf dem Metall des Gangs. Simon stand langsam auf und lehnte sich an den Tisch zurück, packte die Spritze für später vorsichtig zur Seite. Er würde heute noch dazu kommen, sie River zu verabreichen. Das tat er immer.

Die Dinge würden besser werden. Das mussten sie.

Er schloss die Augen.

Bitte, bitte, bitte


ENDE
06/14

Komplette Fanfiction Masterlist


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