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Feind im Spiegel

Worte: 40.911
Inhalt: Nach Iantos Verrat glaubt Jack die Kontrolle über sein Team verloren zu haben. Er versucht, die mentalen Wunden zu heilen, obwohl er selbst nicht in der Lage ist, Ianto vollständig zu vergeben. Als das Team dann scheinbar von jemandem bedroht wird, der über Gedankenkontrolle Zugang zu Torchwood sucht, ahnen sie nicht, dass der Feind bereits unter ihnen ist …
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Owen Harper, Toshiko Sato, Gwen Cooper, Rhys Williams, Myfanwy, OCs
Pairing: Jack/Ianto, Gwen/Rhys, Tosh/OC, Owen/OC
Rating: PG-13
Spoiler: Tag Eins, Cyber Woman
Setting: nach Cyber Woman
Warnungen: Kraftausdrücke, wirklich kurze Dub-Con Kussszene
Anmerkungen: Geschrieben für den Torchwood-Big Bang 2010. Das Lied, das Ianto zitiert, heißt Myfanwy und wurde von Joseph Parry geschrieben. Die Übersetzung lautet “Warum, oh Myfanwy, schaust du mich so wütend an?”.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Beta: Vistin, die mir vor allem mit der deutschen Version geholfen hat und danian , die sich um die englische Fassung gekümmert hat. Alle beide haben die unterschiedlichsten Schwächen im Plot ausgemerzt, was die Story eindeutig besser gemacht hat. Vielen Dank dafür!
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Zu dieser Story gehört Artwork der talentierten nedsagirl .
Coverart

Masterliste

***
***


1.


Es war still in den Archiven, als Jack Harkness eintrat. Er blickte sich in dem großen, schwach beleuchteten Raum mit den in Beton gegossenen Wänden um. Sein Blick glitt über endlose Reihen aus Regalen und Aktenschränken, deren Inhalte seit langer Zeit hier verstaubten. So viele Jahre, so viele Geheimnisse – alle beschriftet und eingelagert. Einige der Kisten würden nie wieder das Tageslicht erblicken. Jack war nicht oft hier unten. Das hier war Iantos Reich, wo er jede freie Minute während der Arbeit verbrachte, um die Akten zu sortieren und ein System zu etablieren, nachdem der Raum über Jahrzehnte vernachlässigt worden war. Jack erinnerte sich, dass sie sich hier vor vielen Wochen das erste Mal geküsst hatten, als Suzie noch bei ihnen und Lisa nicht mehr als Iantos dunkles und gefährliches Geheimnis im Keller des Untergrundkomplexes gewesen war.

Jack schob das Gefühl das Verrats weg, das ihn jedes mal befiel, sobald er an das Cyberwesen dachte, das sie beinahe alle getötet hätte, und konzentrierte sich darauf, seinen vermissten Archivar zu finden.

Ianto kauerte zwischen zwei Regalen und studierte den Inhalt einiger verstaubter Kisten. Jack schob seine Hände in die Hosentaschen und ließ seinen Blick über Iantos müde gebeugten Schultern gleiten; über die angespannte Haltung und die Erschöpfung auf dem attraktiven Gesicht. Seit Jack dem Torchwood-Team befohlen hatte, Lisa zu erschießen, verschwand Ianto in den Schatten. Natürlich war er schon immer dort gewesen. Der perfekte Assistent, ruhig, pflichtbewusst und schnell. Aber er hatte immer gelächelt und war immer auf die Scherze eingegangen, die das Team teilte. Nun war er einfach nur hier und tat seine Arbeit, nicht mehr und nicht weniger – trauerte noch immer um seine Freundin. Jack hätte nie gedacht, dass Ianto eine so gequälte Seele unter seinem höflichen Verhalten und seinen trockenen Scherzen verbarg. Natürlich hatte er angenommen, dass nach der Zerstörung von Torchwood 1 mentale Narben zurückgeblieben waren. So viele seiner Kollegen und Freunde waren gestorben. Es war ein Wunder, dass er überlebt hatte. Aber er hatte das Team nie zuvor sehen lassen, wie sehr die Erinnerungen ihn mitnahmen.

Jack wollte glauben, dass Ianto wusste, warum er Lisa getötet hatte. Dass er wusste, dass die Frau, in die er sich verliebt hatte, bereits während des Falls von Torchwood London gestorben war, während der Schlacht von Canary Wharf. Dass er wusste, dass dieses halb umgewandelte Ding, das er heimlich im Keller von Torchwood 3 gepflegt hatte, ein Mörder war, eine Maschine, die sich hinter dem Gesicht von Lisa Hallett verborgen hatte.

Jack räusperte sich leise.

“Du hast das Mittagessen vergessen.“

Ianto blickte zu ihm hoch – keine Überraschung über Jacks Auftauchen in den blauen Augen. Er musste ihn kommen gehört haben.

“Nein. Ich habe es für euch abgeholt.“

Jack verdrehte die Augen.

“Du hast aber nicht mit uns gegessen.“

Ianto stand auf und schenkte Jack ein falsches Lächeln.

“Ich war hier unten beschäftigt.“

“Sag mir bitte, dass du gegessen hast.“

“Habe ich, Sir.“

“Gut“, antwortete Jack.. “Es bringt dir überhaupt nichts, deine Gesundheit zu vernachlässigen.“

Ianto senkte den Blick und seufzte tief.

“Ich weiß.“

“Dich hier unten zu verstecken ebenfalls nicht.“

Ianto sah ihn mit einem Gesichtsausdruck an, den Jack nicht deuten konnte. Seine blauen Augen waren ebenso verschlossen wie der Rest seines blassen Gesichts.

“Ich hätte nicht gedacht, dass man mich vermisst.“

“Haben wir nicht“, antwortete Jack kurz angebunden. “Aber wir müssen weiter zusammen arbeiten.“

“Wirklich?“, fragte Ianto. “Es ist fünf Wochen her. Wann werde ich diszipliniert?“

“Du warst suspendiert, Ianto.“

Ianto lächelte.

“Das war deine Bestrafung. Ich spreche von dem Disziplinarverfahren, das UNIT anstrengen wird.“

Jack zuckte mit den Schultern. UNIT war ihm relativ gleichgültig. Schon immer gewesen. Sie schienen zu glauben, dass Torchwood ihnen gehöre. Verträge zwangen Jack dazu, mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber er vermied es so gut wie möglich.

Er blickte sich neugierig um.

“Also, wie sieht's hier unten aus?“

Ianto blickte zu den Kisten hinunter, die neben ihm standen, und akzeptierte Jacks stumme Bitte, das Thema zu wechseln. Sie waren vorsichtig freundlich miteinander seit Lisa. Aber das war es auch schon. Jack flirtete nicht mehr mit ihm und er berührte Ianto auch nicht mehr. Berührungen waren für Jack so selbstverständlich wie Worte. Er drückte sogar mehr mit ihnen aus, als er jemals sagte. Er beruhigte, tröstete und lobte mit seinen Händen ebenso sehr wie er mit ihnen bestrafte, kämpfte … und ausschloss. Jack berührte Gwen und Tosh – er legte einen Arm um ihre Schultern, wenn er ihre Arbeit mit ihnen durchging oder umarmte sie, wenn sie sich nicht wohl fühlten – und selbst Owen akzeptierte die beiläufigen Berührungen seiner Schultern, wenn Jack an ihm vorbei ging.

Es war schon so lange her, seit Jack eine Hand auf Iantos Rücken gelegt und ihn in sein Büro geführt hatte, um seine Termine durchzugehen.

Nachdem Lisa versucht hatte, Torchwood zu erobern, hatten die Berührungen aufgehört. Ianto hätte nie gedacht, dass er Jacks Zuneigung so vermissen würde. Aber er wusste, dass er es verdiente. Er hatte Jack auf die schlimmste Art benutzt. Dabei hatte alles so unschuldig angefangen mit ein bisschen flirten und lächeln … und ehe Ianto wusste, wie ihm geschah, fand er sich in einem ungeschickten und zu schnellem Blowjob wieder, um Jack davon abzuhalten die Stromleitungen im Keller zu überprüfen. Die Technik war ausgefallen, weil Ianto eine Woche nachdem er Lisa in die Basis gebracht hatte zu viel Strom in ihren Raum geleitet hatte.

Ein paar Tage später, nachdem alle anderen nach Hause gegangen waren, hatte Jack ihn geküsst und vorgeschlagen, dass Ianto über Nacht bleiben solle. Ianto hatte nicht abgelehnt, weil er wusste, dass es die perfekte Ablenkung war.

Das einzige Problem war, dass er sich nach ein paar Wochen wiederholter One Night Stands wirklich zu Jack hingezogen fühlte, der ein viel zärtlicherer Liebhaber war, als Ianto ihm zugetraut hatte. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass Ianto ihn benutzt hatte.

Ianto starrte in die Kisten.

“Tatsächlich sind hier einige Dinge, die nicht korrekt beschriftet wurden, und die Akten sind unvollständig.“

Jack kam näher und blickte ebenfalls in die Kisten hinunter. Dann hockte er sich hin und betrachtete die Alien-Geräte näher, die Ianto gefunden hatte, ehe er auch die Akten durchblätterte.

“Hm … ich denke nicht, dass ich eins davon schon mal gesehen habe.“

“Ich habe UNITs Datenbank und die Backup-Dateien, die sie von Torchwood 1 haben, durchgesehen. Ich konnte ein paar der Geräte identifizieren, aber nicht alle. Vielleicht könnte Tosh sie sich mal ansehen.“

Jack nickte zustimmend.

“Gut. Bist du hier fertig?“

Ianto nickte.

“Beinahe, Sir.“

Jack richtete sich auf und schob wieder die Hände in die Taschen.

“Bring das Zeug zu Tosh, wenn du fertig bist. Ich sage ihr Bescheid. Owen hilft dir heute mit Myfanwy.“

“Ich bin sicher, das wird ihn freuen“, sagte Ianto und senkte den Blick. Der Arzt des Teams schien es als eine Art Sport anzusehen, Ianto an seinen Verrat zu erinnern.

“Na ja“, sagte Jack mit gehobenen Augenbrauen, “egal, was passiert ist, er hat noch immer einen Job hier zu erledigen. Und dieser Pteranodon ist genauso sehr sein Wachhund wie unserer. Wenn er dir Probleme bereitet, sag mir Bescheid.“

Ianto nickte. Als Jack sich umdrehte, um zu gehen, rief Ianto ihm nach: “Captain.“

Jack hielt inne und legte den Kopf schief, um zu zeigen, dass er zuhörte.

“Ich verspreche, dass ...-“

“Nicht“, unterbrach Jack ihn. Er drehte sich mit wütenden Augen zu Ianto um. “Nicht! Du hast es mir bereits gesagt und ich will es nicht hören. Noch nicht.“

“Gut“, nickte Ianto langsam.

Als Jack weg war, seufzte Ianto tief und fuhr mit einer Hand durch seine kurzen Haare. Er flüsterte: “Es tut mir leid.“

***

Der riesige Hauptraum der Basis warf das Gelächter seines Teams von Wand zu Wand, als er von den Archiven hoch kam. Im Gegenteil zum Rest des großen Untergrundkomplexes war der Raum hell erleuchtet. Die Lampen waren an der Collage aus Ziegel-, Beton- und Kachelwänden installiert. Jack mochte diesen Teil der Basis am liebsten, da er zeigte, wie alt Torchwood tatsächlich war. Es war beinahe, als hätten die verschiedenen Jahrhunderte ihre Zeichen in der Architektur und Einrichtung hinterlassen.

Gwen spielte Basketball mit Owen, während Tosh sie von ihrem unordentlichen Schreibtisch aus beobachtete. Als die Asiatin Jack sah, konzentrierte sie sich schnell wieder auf einen ihrer vier Computerbildschirme. Owen und Gwen bemerkten ihren Chef nicht.

”In Ordnung, Kinder!”, rief Jack und trat zu ihnen. Gwen lächelte ihn an. Er fing den Ball, den sie ihm zuwarf, aber er spielte nicht.

Owen zog eine Grimasse.

”Zurück an die Arbeit also”, sagte er und kehrte zu seinem Schreibtisch zurück. Jack nickte und Gwen seufzte tief, bevor sie sich an ihren Computer zurück zog. Sie ging die Polizeiberichte der letzten zehn Jahre durch und versuchte, Hinweise darauf zu finden, ob manche der Verbrechen von Aliens oder mit außerirdischer Technologie begangen worden waren. Jack hatte es ihr nicht gesagt, aber einer der Gründe für diese Aufgabe war, dass sie ihre Instinkte verbessern sollte. Es könnte eine Zeit kommen, in der er nicht mehr hier war und sein Team musste dann selbst in der Lage sein, ein alltägliches Verbrechen von einem Zwischenfall zu unterscheiden, der mit Aliens und somit Torchwood zu tun hatte. Owen war sein Vertreter, aber er hatte das Gefühl, dass Gwen ebenso gut wie der Arzt sein könnte. Vielleicht sogar besser. Manchmal ließ Owen sich zu sehr von seinem Stolz leiten. Gwen war sensibler und etwas ruhiger.

Jack ließ den Ball fallen und er rollte in eine Ecke. Es war nun ruhig in der Basis und seine Schritte hallten. Das einzige andere Geräusch war das Plätschern des Wassers, das die turmartige Skulptur hinunter in das Becken am Boden lief. Das Wasser kam vom Roald Dahl Plass über dem Torchwood-Komplex, wo der Turm sich ebenso weit in den Himmel erstreckte wie in die Erde hinunter, und roch nach Regen.

Jack blickte zur hohen Decke und versuchte, Myfanwys Nest weit über ihnen auszumachen, aber er konnte den Pteranodon nicht sehen. Als er sich wegdrehte, um in sein Büro zu gehen, fing er den Blick aus Owens dunklen Augen. Der Arzt sah Jack direkt an, seine Turnschuhe auf dem Schreibtisch, seine Tastatur auf dem Schoß und die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er wirkte locker, aber seine Augen zeigten Anspannung und Jack vermutete, dass gleich ein Streit beginnen würde. Schon seit Tagen braute sich etwas zusammen. Das Team hatte hinter seinem Rücken miteinander diskutiert und geflüstert, wann immer er den Raum verließ. Er hatte sie nicht darauf angesprochen – da er glaubte, sie sollten zu ihm kommen, wenn sie ein Problem hatten.

Owen schien genau das zu beabsichtigen.

”Jack, was passiert hier?”

”Passieren?”, fragte der Captain und blickte über Toshs Schulter auf ihren Computerbildschirm. Sie arbeitete noch immer an einem Übersetzungsprogramm, das ihnen helfen würde, Alien-Sprachen zu lesen. Jack war – mal wieder – von ihrer Brillanz beeindruckt.

”Mit Ianto.”

Ianto, natürlich. Jack hatte schon vermutet, dass es um ihn ging. Er war nicht der einzige, der das Vertrauen in den Archivar verloren hatte.

”Nun ja”, antwortete er und drehte sich mit verschränkten Armen zu Owen, ”er wird die Aktenablage machen, dann kommt er hier hoch, räumt auf, wäscht ab und ehe du nach Hause gehst, wirst du ihm helfen, Myfanwy zu versorgen.”

”Okay”, Owen runzelte die Stirn. ”Das war's dann, ja?”

Jack bemerkte, dass Gwen sie neugierig beobachtete und Tosh Owen warnend anblickte.

”Das war's”, nickte er.

”Versteh das nicht falsch, Jack. Die ganze Cyberwesen-Sache war ziemlich traumatisch und Ianto wurde suspendiert. Aber er ist wieder hier, seine Wunden sind verheilt und er arbeitet. Sollte UNIT nicht langsam die Initiative ergreifen?”

Jacks Augen verengten sich. ”Seit wann interessierst du dich für UNIT?”

”Seit ich beinahe von einem Cyberwesen getötet wurde, das Ianto in unserem Keller versteckt hat”, antwortete Owen kalt. ”Und ich bin nicht der einzige, der sich fragt, was als nächstes passieren wird. Suspendierung ist etwas … harmlos für das, was er getan hat, denkst du nicht?”

Jack schaute zu Gwen, die den Blick senkte und ihr Gesicht somit hinter einem Vorhang aus lange, dunklen Haaren verbarg. Sie konzentrierte sich auf ihren Bildschirm. Tosh erwiderte Jacks fragenden Blick und lächelte, also nahm er an, dass sie nichts gegen Iantos Anwesenheit hatte. Er wusste, dass die beiden befreundet waren. Tosh arbeitete immer bis spät in die Nacht – Ianto auch. Jack hatte sie mehr als ein Mal spät abends zusammen sitzend gefunden. Hinzu kam, dass Tosh mal eine Gefangene von UNIT gewesen war. Sie hasste die Organisation seitdem. Sie vertraute jedoch Jack, ohne seine Entscheidungen in Frage zu stellen, und das schloss Iantos Bestrafung mit ein.

”Es ist nicht meine Aufgabe, zu entscheiden, wie UNIT vorgehen will.”

”Okay”, stimmte Owen zu. Er blickte zu Tosh und nun senkte sie den Blick, eindeutig beschämt. Owen schaute wieder zu Jack. ”Aber wie der Zufall es so will, wissen wir, dass du den Vorfall nie gemeldet hast. Wie können sie also etwas machen, wenn sie nicht mal was davon wissen?”

Jack starrte zu Tosh. Sie schüttelte den Kopf.

”Tut mir leid. Er hat mich darum gebeten, nachzusehen-”

”Entschuldige dich verdammt nochmal nicht bei ihm!” Owen starrte sie wütend an. Er stand auf und knallte seine Tastatur auf den Schreibtisch. ”Ausnahmsweise muss er sich mal entschuldigen.”

Jack hob bei dem Ausbruch die Augenbrauen. Owen Harper war vom ersten Tag an eine Herausforderung gewesen. Der junge Mann war ein brillanter Arzt und ein leidenschaftlicher Wissenschaftler, aber seine Einstellung war ein Problem. Er forderte Jack konstant heraus und er wusste nicht, wann er lieber still sein sollte. Jack wusste, dass Owen seine Autorität nicht wirklich in Frage stellte, aber manchmal siegte sein aufbrausendes Temperament über seine Logik.

Der Arzt starrte Jack entschlossen an.

”Du hast es nicht mal gemeldet. Du wolltest einfach Gras über die Sache wachsen lassen. Als ob nichts gewesen wäre. Ich bin sicher, du hättest nicht dasselbe getan, wenn ich derjenige gewesen wäre, der seine verrückte Cyber-Freundin im Keller versteckt hätte, richtig? Wir wären fast gestorben. Er hat uns verraten. Und nur, weil ihr Sex habt, meldest du es nicht?”

”Owen, mein Büro.” Jack war schon auf dem Weg dorthin.

Owen schüttelte den Kopf.

”Oh, nein, wir werden genau hier und genau jetzt darüber reden.”

Jack drehte sich zu ihm um, verschränkte die Arme und reckte das Kinn vor. Tosh duckte sich unwillkürlich vor dem Glühen in seinen Augen.

Owen schien einen Moment lang zu zögern, doch dann sagte er: ”Er könnte es wieder tun. Genau jetzt könnte er dort unten sitzen und den nächsten Anschlag planen. Wir wissen doch nicht mal, wer er ist. Er hat diese Basis aufs Spiel gesetzt, unsere Leben. Und er muss nur 'Tut mir leid' sagen und alles ist okay. Das ist nicht richtig.”

”Dann melde es”, antwortete Jack. ”Melde Ianto. Melde mich. Und sieh zu, was passiert. Ich weiß, dass du im Moment nicht gut auf ihn zu sprechen bist ...”

Owen schnaubte über diese Untertreibung.

”... aber glaub mir, du würdest deinem schlimmsten Feind nicht wünschen, was UNIT ihm antut, wenn ich es melde.”

Es waren nicht die Worte, sondern Jacks ruhige Stimme, die Owen dazu brachte, zu schlucken und an seiner Meinung zu zweifeln. Aber er wollte sich durchsetzen.

”Es muss mehr als eine Suspendierung geben.”

”Da ist mehr”, antwortete Jack. ”Er muss sich unser Vertrauen zurück verdienen. Er hat seine Freundin verloren, die Frau, die er geliebt hat. Die Frau, für die er alles riskiert hat, nur, um zu entdecken, dass sie schon lange tot war. Dass alles, was von ihr übrig war, nur eine gefühllose Maschine war. Und zum Teil ist es meine Schuld. Ich hätte ahnen müssen, dass etwas nicht stimmt. Das ist meine Basis und er hat es geschafft, mich abzulenken.” Jack sagte ihnen nicht, wie Ianto ihn abgelenkt hatte. Es ging das Team nichts an, obwohl zumindest Owen bereits richtig vermutete, wenn er sagte, dass Jack und Ianto miteinander geschlafen hatten.

Er erwiderte Owens dunklen Blick.

”Zum Teil sind wir alle Schuld, weil wir ihm nicht zugehört und ihn ignoriert haben. Damit hatte er Recht. Das weißt du auch.”

Owen wich seinem Blick aus. Das war es. Die eine Sache, mit der Ianto vollkommen im Recht lag. Sie hatten ihn ignoriert, es als selbstverständlich angesehen, dass er ihre Unordnung beseitigte, Kaffee kochte und die meiste ihrer Papierarbeit erledigte … neben so vielen anderen Dingen. Niemand hatte ihn nach seinem Leben gefragt, ob er eine Freundin hatte oder Familie ... oder aber, wie viele seiner Kollegen und Freunde während der Schlacht gestorben waren, die Lisa zu einem Cyberwesen gemacht hatte. Sie gingen abends zusammen etwas trinken und fragten Ianto nie, ob er mitkommen wolle, weil er kurz nach seiner Einstellung ein oder zwei Mal abgelehnt hatte. Scheinbar ein Grund, ihn nie wieder zu fragen oder aber kein Grund, sich zu wundern, warum er nicht mitkam. Jack hätte sich am liebsten selbst ins Gesicht geschlagen für seine Dummheit. Ein paar Fragen über Iantos Leben, ein bisschen Interesse an seiner Person und nicht nur seinem Körper und er hätte es verhindern können. Vielleicht hätte Ianto ihm von Lisa erzählt. Vielleicht … er ließ den Gedanken fallen. Es war zu spät.

”Melde es und sieh zu, was passiert. Oder melde es nicht und lass ihn daran arbeiten, unser Vertrauen zurück zu gewinnen. Gib ihm die Chance. Weil ich weiß, dass er uns nicht mehr verraten wird. Warum sollte er? Er hat nichts mehr, wofür er kämpfen könnte.” Damit drehte er sich um und ging in sein Büro. Die Tür schloss sich leise.

Toshiko räusperte sich.

”Er hat Recht. UNIT … ist keine Lösung.”

”Woher willst du das wissen?”, schnappte Owen.

”Ich weiß es”, antwortete sie und ihre Stimme zitterte nicht einmal.

Owen blickte zu Gwen, die unentschlossen mit den Schultern zuckte.

”Er ist kein schlechter Mensch, Owen. Er hat nur die falschen Entscheidungen getroffen.”

Owen fiel zurück in seinen Stuhl und blickte zu Jack, der an seinem Schreibtisch saß und Papierarbeit erledigte.

Gwen fügte hinzu: ”Vielleicht sollten wir ihm die Chance geben. Ich glaube, dass jeder eine zweite Chance verdient.”

”Warst du nicht diejenige, die ihn in eine Zelle stecken wollte?”, fragte Owen.

Sie nickte und strich sich die Haare hinter die Ohren.

”Aber Jack hat Recht. Ich weiß nicht … vielleicht hätte ich dasselbe für Rhys getan. Denkst du nicht, dass du dasselbe für jemanden tun würdest, den du liebst?”

Owen schaute auf seinen Bildschirm.

Hätte er dasselbe für Katie getan?

Er wusste es nicht.

***

Es war beinahe fünf und Gwen war gegangen, um Rhys in einem Restaurant zu treffen. Jack war noch immer in seinem Büro und so sehr mit Papierarbeit beschäftigt, dass er noch nicht mal aufblickte, um nach seinem Team zu sehen. Owen hatte schon vor einer Weile seinen Stuhl zu Toshs Schreibtisch bewegt und sah sich den Inhalt der Kiste an, die Ianto vor einer Weile hoch gebracht hatte.

Ianto war im Konferenzraum ein Stockwerk über ihnen und räumte auf, wie jeden Abend. Durch die großen Fenster konnte Owen ihn ein paar Akten zusammen sammeln sehen, die nach einem Meeting auf dem Tisch zurück geblieben waren.

”Es ist nicht fair”, sagte er und nahm einen trüb-weißen Stein aus der Kiste. Er betrachtete ihn, dann nahm er Toshs roten Radiergummi und eine Schachtel mit Büroklammern von ihrem Schreibtisch und begann zu jonglieren.

”Owen, lass es einfach”, seufzte Tosh genervt. Sie untersuchte das Gerät in ihren Händen – für Owen sah es wie eine sehr komplizierte Fernbedienung aus – und versuchte, Einträge über ähnliche Geräte in der Datenbank von Torchwood 1 zu finden, obwohl Ianto ihr gesagt hatte, dass er das schon getan hatte. Sie war unkonzentriert, deshalb nahm Owen an, dass sie sich nur beschäftigen wollte. Vielleicht wartete sie darauf, dass er ging, damit sie mit Ianto reden konnte, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.

”Jack und er haben Sex. Garantiert! Auch wenn sie versuchen, es zu verstecken. Deshalb hat Jack ihn überhaupt nur eingestellt. Sogar Suzie hat das gesagt.”

”Wann denn bitte? Als du mit ihr geschlafen hast?”, fragte Tosh spitz und mit einem Hauch von Eifersucht. Überrascht ließ Owen die Büroklammern fallen und starrte sie an. Er hatte gedacht, dass er und Suzie Erfolg gehabt hatten, ihre Affäre zu verheimlichen.

Tosh schnaubte nur.

”Bitte”, sie verdrehte die Augen. ”Als ob ich es nicht gemerkt hätte. Jack wusste es auch. Du bist der letzte, der sich über diese Art von Arbeitsbeziehung beschweren sollte.”

”Das war was anderes. Jack ist unser Chef. Wenn er Sex mit Ianto hat, beeinflusst das seine Entscheidungen.”

Tosh legte das Gerät zurück in die Kiste und drehte sich mit ernsten Augen zu ihm.

”Owen, ich werde dir jetzt was sagen, das Jack nicht erwähnen wollte.”

Er blickte sie neugierig an.

”Und was wäre das?”

”Ich weiß ein bisschen was über UNIT und ihre Art, Gefangene zu behandeln.”

”Die Sache, die ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen würde?”

Tosh nickte.

”Sie würden ihn einsperren, foltern, um sicherzugehen, dass er keine anderen Cyberwesen versteckt hält, und ihn dann exekutieren.”

Owen blickte nach oben durch die Fenster in den Konferenzraum, wo Ianto den Tisch abwischte.

”Das glaube ich dir nicht.”

”Solltest du. Ich habe mich mal in ihr System eingehackt und nach der Schlacht von Canary Wharf gab es ein geheimes Memo. Es ging an alle mit der nötigen Sicherheitsfreigabe. Jack hat diese Sicherheitsfreigabe. Er hat es gelesen. Deshalb hat er es nicht gemeldet.”

Owen biss sich auf die Unterlippe.

”Exekution. Das ist etwas hart.”

”Es ist nicht die Exekution, um die du dir Gedanken machen solltest. Sie wissen, wie man foltert. Glaub mir.” Tosh senkte den Blick und konzentrierte sich wieder auf die Kiste. Sie wollte nicht, dass Owen wusste, wie groß ihr Angst vor UNIT war. Manchmal hatte sie noch immer Albträume über die Zeit, in der sie dort gefangen gewesen war.

Owens Zeigefinger rieb über die glatte Oberfläche des Steins. Folter war nicht wirklich das, was er sich unter einer Strafe vorgestellt hatte. Eine Zelle, vielleicht.

Owen blickte zu Ianto, dann zu Jack und schließlich auf den Stein in seinen Händen. Wenn er ehrlich war, wusste er selbst nicht, was für eine Strafe er wollte. Aber sein Stolz und sein Vertrauen in Ianto hatten einen gehörigen Dämpfer verpasst bekommen, denn obwohl er es Ianto nie hatte wissen lassen, hatte er sich auf ihn verlassen. Ianto war schnell eine Konstante in der Basis geworden, immer anwesend und bemüht, dem Team die Arbeit leichter zu machen. Er hatte alles hingenommen, das Owen ihm entgegen geschleudert hatte – degradierende Sprüche, Witze oder Stimmungsschwankungen – und er hatte nie mehr getan, als eine gewitzte Antwort zu geben. Owen hatte ihm vertraut.

Er rollte seinen Stuhl zurück zu seinem Schreibtisch, noch immer mit dem Stein beschäftigt. Ianto kam die Stufen von der ersten Etage herunter.

”Owen, würde es dir jetzt passen?”, fragte er zögerlich.

Owen nickte, stand auf und schob den Stein in seine Jeanstasche.

”Sicher. Bringen wir es hinter uns.” Er holte seine Waffe und schob sie in den Hosenbund, dann sammelte er Verbände und antiseptisches Spray im Autopsieraum zusammen, ehe er zu Ianto stieß, der mit einem Eimer Fleisch auf ihn wartete. Als ob sie ahnen würde, dass sie kamen, gab Myfanwy einen warnenden Schrei von sich.

Owen schluckte.

”Dann kümmern wir uns mal um das zickige Monster aus der Vergangenheit. Das wird sicher lustig.”

Kapitel 2