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Brute Force 10/14

Worte: 45.503
Inhalt: Banken in L.A. werden scheinbar wahllos ausgeraubt. Die Räuber sind dem FBI immer einen Schritt voraus - bis Charlie sich in die Ermittlungen einbringt und selbst ins Visier der Bande gerät.
Charaktere: Charlie Eppes, Don Eppes, Colby Granger, David Sinclair, Megan Reeves, Larry Fleinhardt, Amita Ramanujan, OCs
Pairing: Charlie/Amita (Pre-Ship)
Rating: PG-13
Spoiler: Keine
Setting: Zwischen Season 1 und 2 – Megan und Colby sind schon dabei, aber sie kennen Charlie noch nicht.
Warnungen: Gewalt, verbale Homophobie
Anmerkungen: Meine erste Numb3rs-Story. Es hat etwas gedauert, sie zu übersetzen, ich wollte aber die englische und die deutsche Version gleichzeitig auf meinem LJ veröffentlichen.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Numb3rs und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 9
Brute Force Masterlist

***
***


10.


Kenny Jacobson starrte auf den Bildschirm seines Laptops und ließ dann den Blick kurz durch die verlassene Lagerhalle am Rande des Industriegebietes Vernon schweifen, die Connor als ihre Basis auserkoren hatte. Die Halle war verhältnismäßig klein, bot gerade genug Platz für den Van, einen Tisch, ein paar Stühle, eine Couch und einen Fernseher. Ein abgetrennter Raum, der einmal ein Büro gewesen sein musste, diente als Schlafstätte und im hinteren Bereich fand sich ein winziger Lagerraum mit einer schweren Metalltür davor. Kenny konzentrierte sich wieder auf den Bildschirm, knabberte nervös an seinem Daumennagel und schloss dann müde die Augen. Er stützte den Kopf auf eine Hand und blickte zu Connor und Justin hinüber, die sich am Van unterhielten. Möglicherweise sollte er aufhören, so lange er noch konnte. Ein paar Banküberfälle und eine Schießerei würden sich vielleicht auf eine geringere Strafe eingrenzen lassen, wenn er sich stellte und geständig war.

Es war besser als Massenmord. Connor konnte es nennen, wie er wollte, für Kenny blieb der nächste Schritt in Connors Plan genau das. Vielleicht schaffte er es deshalb nicht, seinen Teil des Deals zu erfüllen. Unterbewusst hinderte er sich vielleicht selbst daran, das Passwort zu knacken. Die Ironie war, dass er wahrscheinlich einfach nachts wegschleichen könnte und er wäre innerhalb von 20 Minuten an der nächsten Polizeistelle. Und das war der Punkt, an dem ihm Gefühle in den Weg kamen. Dieselben, die ihn überhaupt erst hierher gebracht hatten. Connor hatte ihm im Gefängnis gesagt, dass er nicht mitmachen musste. Er hatte ihm versichert, dass er beim Ausbruch nicht wie die Wärter und die anderen Gefangenen in dem Transport erschossen werden würde. Sie wären getrennte Wege gegangen. Aber er schuldete Connor zu viel … und er wollte in seiner Nähe bleiben. Seine Gedankengänge wurden unterbrochen als Steve Klein seinen Körper in sein Blickfeld schob und sich an den Tisch lehnte.

Kenny blickte zu ihm auf. Steve trug ein hinterhältiges Lächeln auf den Lippen. “Mein Angebot bleibt bestehen, Kleiner.“ Er lehnte ich vor und Kenny drückte sich an die Stuhllehne, wandte den Blick ab. “Es bringt doch nichts, sich nach jemandem zu sehnen, der einem sowieso keine Beachtung schenkt.“ Und er legte beiläufig eine Hand auf Kennys Oberschenkel. “Oder zumindest nicht die Beachtung, die ihr kleinen Schwuchteln gerne habt.“

“Steve“, unterbrach Connor streng und Kenny stieß erleichtert die Luft aus. Steve wandte sich von Kenny ab und starrte zu ihrem Anführer. “Wie oft soll ich es dir noch sagen?“, zischte Connor und Steve schnitt eine Grimasse.

“Fragen kostet nichts.“ Er machte sich auf den Weg zu der Mikrowelle, die neben dem Fernseher stand.  

Connor hielt seinen Arm fest – kleiner als Steve und nicht so muskulös wie er wirkte er doch überlegen. “Lass die Finger von dem Kleinen.“ Steve riss sich los und ging weiter. Kenny lächelte Connor dankbar an, als dieser zu ihm kam und neben seinem Stuhl stehen blieb. “Wie geht’s voran?“

Kenny räusperte sich. “Gar nicht. Ich schaffe es nicht, Connor. Das Programm ist zu gut. Selbst wenn ich das Passwort knacken könnte, würden die uns sofort finden.“

Connor stützte sich mit einer Hand auf Kennys Stuhllehne ab und beugte sich zum Bildschirm, betrachtete nachdenklich die Benutzeroberfläche der FBI-Webseite. “Tja, dann müssen wir es wohl doch mit Eppes versuchen.“ Er richtete sich auf, Entschlossenheit in seiner Haltung. “Finde sein Handy.“

Kenny nickte. “Alles klar.“

***

Die junge Frau hinter dem Empfangstresen des Motels wirkte gelangweilt und Colby hatte den Verdacht, dass sie unter dem Einfluss von mehr als einem Joint stand. Sie wickelte ihre schwarz gefärbten Locken um den Zeigefinger und blickte den Agents Kaugummi kauend entgegen. Auf dem kleinen Fernseher, den sie zum Zeitvertrieb liefen ließ, löste ein Talkshowmaster die Probleme der amerikanischen Gesellschaft. Die Flyer von nahen Fast-Food-Tempeln und Nachtclubs bildeten einen verschieden neonfarbenen Kontrast zu den langweilig weiß gestrichenen Wänden.

“Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie und klang dabei so, als hätten David und Colby sie bei etwas wichtigem unterbrochen.

“Ein Zimmer auf den Namen Johnson“, erklärte Colby. Die Frau hob die Augenbrauen, ließ den Blick zwischen Colby und David hin und her schweifen und seufzte schließlich.

Sie warf einen Blick in ihren Computer. “Das ist Zimmer 23. Doppelbett.“ Die junge Frau nahm den Schlüssel aus einem Körbchen hinter der Theke und ließ dann ein amüsiertes Grinsen sehen. “Wir haben eine große Auswahl an Schwulen-Pornos auf Kanal 16. Kostet pro Stunde. Wenn Sie wollen, können Sie sich einen Flyer von der Lotus Lounge mitnehmen – ein Nachtclub hier in der Nähe mit asiatischem Flair und süßen Go-Go-Tänzern. Hier an der Rezeption können Sie außerdem diverse Spielzeuge ausleihen, so zum Beispiel Handschellen -“

“Danke, wir kommen klar“, unterbrach Colby. Er schnappte sich den Schlüssel und ging nach draußen. David folgte ihm grinsend und begann zu lachen, als die Tür zufiel. “Ein Doppelbett?“, fauchte Colby und warf David einen missmutigen Blick zu. “Ich bringe Megan um, wenn das hier vorbei ist.“

David zuckte mit den Schultern. “Eigentlich ist es keine schlechte Idee, Colby. Die perfekte Tarnung. Wir werden das Zimmer nicht oft verlassen. Soll sie doch denken, was sie will.“

Colby schnaubte nur und meinte dann: “Ich gehe das Zimmer sichern.“ Er war zufrieden, als er feststellte, dass Megan das Zimmer gemietet hatte, das am weitesten von der Rezeption entfernt lag. Er sicherte den kleinen Hauptraum mit dem Doppelbett, der kleinen Kochnische und dem Fernseher, ehe er auch kurz ins Bad blickte. Dann trat er wieder vor die Tür und nickte David zu, der mit dem Wagen inzwischen näher an ihr Zimmer herangefahren war. Ein älterer Mann kam aus dem Nebenzimmer, in seiner Begleitung eine kichernde, junge Frau. Colby wandte den Blick ab, als er glaubte, in dem Mann einen der Richter zu erkennen, der häufiger in der Zeitung wegen seiner Wohltätigkeitsaktionen erwähnt wurde. Die Frau in seiner Begleitung war unter Garantie weder seine Ehefrau, noch seine Tochter – und ganz sicher nicht seine Nichte. David wartete, bis der Mann und die Frau in einen Sportwagen gestiegen und davon gefahren waren, dann stieg er mit Charlie aus. “Alles sicher“, erklärte Colby. “Allerdings hatte ich keine Zeit, die Bettwäsche genauer zu untersuchen. Also, wer weiß, was in diesem Laden darin lauert.“ Sie betraten das Zimmer und David verriegelte die Tür, während Charlie sich umsah.

Er wandte sich zu den beiden Agents um. “Also, irgendjemanden von uns kann Megan nicht leiden, oder?“, fragte er.

Colby zuckte mit den Schultern. “Ist nur halb so schlimm.“ Er hatte schon in unbequemeren Quartieren übernachtet.

“Hat einer von euch Hunger?“, fragte David. Charlie nicke kurz und setzte sich an den kleinen, runden Tisch nahe der Kochnische. Er packte seinen Laptop aus. “Ich gehe zu Burger King. Der ist nur ein paar hundert Meter die Straße runter“, erklärte David und Colby nickte.

“Klingt gut.“

David nahm ihre Wünsche entgegen und verließ dann das Zimmer wieder. Colby schloss hinter ihm die Tür ab. Dann stemmte er die Hände in die Hüfte und wandte sich an Charlie. “Was machst du?“

Charlie blickte nur kurz auf. “Ich muss ein paar Berechnungen für eins von Larrys Projekten machen.“ Colby nickte. Charlie fuhr fort: “Wenn ich Hills Akte hätte, könnte ich weiter an dem Fall arbeiten, aber scheinbar will Don mich raus halten“

Colby nahm einen der Stühle und stellte ihn ans Fenster, ehe er sich rittlings darauf setzte und durch die gelblich verfärbten Gardinen spähte, die wohl einmal weiß gewesen waren. “Aus Sorge.“

Charlie nickte. “Mir ist klar, dass er sich Sorgen macht, aber …“ Er brach ab. “Ich bin nicht völlig hilflos“, fuhr er dann fort.

Colby zuckte mit den Schultern, behielt den Parkplatz im Auge. “Wir reden hier über eine Gruppe hoch motivierter, vorbestrafter Verbrecher, Charlie. Don ist nur vorsichtig.“

Charlie seufzte schwer. “Ich weiß.“

***

Connor zog einen Stühle näher zu Kenny und setzte sich. “Hast du was?“

Kenny nickte. “Ich habe Professor Eppes Handynummer über die Uni herausbekommen, mich in ein paar GPS-Systeme eingeklinkt und ihn gefunden.“ Er deutete auf den Bildschirm des Laptops, wo ein Satellitenbild gezeigt wurde. “Das ist der Flughafen und der Professor ist hier. Ich habe die Adresse gecheckt und es gibt in Motel in dieser Straße. Dort muss er sein.“

“Perfekt“, antwortete Connor. “Du bleibst mit Justin hier. Ich und Steve werden den Professor holen.“ Steve nickte Connor zu und ging zum Van hinüber, wo sie ihre Waffen aufbewahrten. Er begann, zwei Berettas zu laden. Kenny nickte, erleichtert, dass Connor Steve mitnehmen würde.

Justin stand von der Couch auf, die vor dem Fernseher stand und stemmte unzufrieden die Hände in die Hüften. “Du sagtest, es ginge uns um Banküberfälle.“

Connor nickte und schob die Beretta in seinen hinteren Hosenbund. “Ja. Die Überfälle waren der Anfang, um die Waffen, die Halle, den Van und die gefälschten Dokumente bezahlen zu können. Außerdem war für jeden von uns noch mehr als genug Honorar drin. Aber mit dem, was ich jetzt vorhabe, machen wir mindestens doppelt so viel Geld in derselben Zeit mit viel weniger Aufwand.“

“Du willst mich in eine Entführung mit reinziehen. Scheiße, bei Menschenraub mache ich nicht mit“, antwortete Justin. Steve und Kenny hielten in ihren Arbeiten am Van und am Laptop inne und sahen Justin an. Wenn er aussteigen sollte, waren sie nur noch zu dritt. Die Festnahme von Brian hatte bereits eine große Lücke in die Gruppe geschlagen. Wenn Justin jetzt gehen würde – ihr Safe-Experte …

Connor verschränkte die Hände hinter dem Rücken. “Es steht dir frei, zu gehen“, sagte er ruhig. “Du hast deinen Anteil an den bisherigen Überfällen ja bereits bekommen.“

Justin schien einen Augenblick mit sich zu ringen, dann sagte er: “Das ist es einfach nicht wert.“ Er nahm seine Jacke von der Lehne der alten Couch und ging Richtung Ausgang, an Connor vorbei. Als er fast an der Tür war, erkannte Kenny aus dem Augenwinkel, wie Connor die Beretta zog, die hinten in seinem Gürtel gesteckt hatte und auf Justin richtete. Kenny zuckte zusammen, als der Schuss fiel und Justin leblos zu Boden stürzte. Steve wirkte, als wüsste er nicht genau, ob er selbst auf Connor schießen oder einen bösen Kommentar über den Toten machen sollte.

Schließlich entschied er sich für letzteres: “Verdammter Feigling!“

“Schaff ihn weg“, befahl Connor. “Wir fahren anschließend los.“ Kenny beobachtete schockiert, wie Connor die Waffe zurück in seinen Hosenbund steckte. Ihm würde übel. Connor drehte sich zu ihm um, bemerkte wohl sein blasses Gesicht und den starren Blick, den Kenny auf den toten Justin hatte, und meinte: “So ist das Business, Junge.“ Er kam zu ihm, klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter und ging dann, um den Fernseher auszuschalten. Kenny beobachtete, wie Steve Justin hochhob und dann mit ihm Richtung Keller verschwand.

***

Colby wurde langsam langweilig. Es war spät am Abend und er würde bald den Posten am Fenster von David übernehmen, der sich dann schlafen legen wollte. Charlie blickte vom Bildschirm seines Laptops auf und zu David, der in einer Zeitschrift las und ab und zu einen prüfenden Blick auf den Parkplatz vor dem Motel warf. Charlie seufzte und stützte den Kopf auf eine Hand. Die Kopfschmerzen waren inzwischen nur noch ein leichtes Hämmern, das er ohne Probleme ausblenden konnte. Ihn trieb die Tatsache zum Wahnsinn, dass er keine Tafel hatte. Er konnte so viel besser denken, wenn er die Gleichungen mit der Hand schrieb. Und der Streit mit Don ging ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte gedacht, dass sie inzwischen ganz gute Fortschritte in ihrer Beziehung zueinander machten, aber scheinbar hatte er falsch gelegen.

Colby warf die zerfledderte Fernsehzeitung, die zum Raum gehörte, auf das Bett, als sein Handy klingelte. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück und verzog das Gesicht, als sich eine der Sprungfedern in der Rückenlehne in seine Schulter bohrte. Ein Blick auf die Caller ID und er hob ab. “Granger.“

“Ist er artig?“, fragte Don. Colby grinste, wusste, dass Don diese Frage niemals gestellt hätte, wenn Charlie in der Lage gewesen wäre, sie zu hören.

“Ja“, antwortete er. Dann ging er in einen Bericht über: “Bisher nichts außergewöhnliches. Ich denke nicht, dass sie uns gefolgt sind. Wir haben auch sehr genau darauf geachtet.“

“In Ordnung“, antwortete Don, “wir haben hier Besuch aus Denver. Wir wissen, wer in die Überfälle verwickelt ist und überprüfen die Namen und ob sie in den letzten Monaten irgendwo in L.A. aufgetaucht sind. Bisher aber noch nichts. Vermutlich sind sie mit falschen Identitäten unterwegs, denn es gibt keine Spur von ihnen.“

“Na ja, dass sie nicht dumm sind, wussten wir ja schon vorher.“

Don machte ein zustimmendes Geräusch und bat dann: “Haltet nur weiter die Augen offen.“

“Klar“, antwortete Colby, “willst du Charlie sprechen?“ Der Professor blickte von seiner Arbeit auf. Colby wusste, dass er das Falsche gefragt hatte, als Don schwieg.

Schließlich meinte sein Vorgesetzter: “Nein … sag ihm einfach … er soll auf euch hören.“ Damit legte er auf. Colby blickte zu Charlie hinüber und ließ das Handy sinken. Charlie blickte ihn abwartend an.

“Ich soll dir sagen …“ Warum fühlte er sich plötzlich wie jemand, der in einen Familienstreit geraten war, mit dem er nichts zu tun hatte? “… dass du auf dich aufpassen sollst.“ Charlie seufzte, stand auf und ging zur anderen Seite des Zimmers, sah aus dem Fenster in den Hintergarten des Motels. Dieser bestand aus einem ungepflegten Stück Rasen, ehe einige hundert Meter Wald folgten. Dahinter lag der Flughafen. Colby und David blickten sich bezeichnend an. David hatte Colby gesagt, dass es einen heftigen Streit zwischen den Brüdern gegeben hatte, aber Colby hatte eher an eine kleine Meinungsverschiedenheit gedacht. Sah ganz so aus, als ob David recht behalten würde. Charlies auffälliges Schweigen und Dons angespannter Ton, sobald es um ein Gespräch mit seinem Bruder ging, sprachen Bände. Colby beobachtete, wie Charlie aus dem Fenster starrte und er hatte das Gefühl, etwas aufmunterndes sagen zu müssen. Etwas, das Charlie tröstete. “Don war wirklich im Stress.“ David warf ihm einen ungläubigen Blick zu und Colby zuckte mit den Schultern. Worte waren eben nie seine Stärke gewesen.

Charlie drehte sich zu ihm um. “Ich weiß“, antwortete er mit einem aufgesetzten Lächeln. Er wandte den Blick wieder nach draußen und fuhr leiser fort: “Das ist er immer, wenn er nicht mit mir reden will.“

***

Es fiel Charlie nicht leicht, einzuschlafen, aber er schaffte es. Noch immer bekleidet, da die Agents für alle Eventualitäten vorbereitet sein wollten. David hatte die andere Seite des Bettes für sich eingenommen, während Colby Wache saß. Das einzige Licht im Zimmer kam durch die halb geschlossene Badezimmertür und von den Straßenlaternen draußen auf dem Parkplatz. Das gedämpfte Licht machte es Colby leichter, das Gelände vor dem Motel zu sehen. Er sah auf die Uhr, seufzte und stand auf, um David zu wecken. Während sein Kollege aufstand, holte Colby ihm einen Becher Kaffee aus dem Automaten in der Nähe ihres Zimmers. Er nutzte die Gelegenheit, um seinen Blick über den Parkplatz schweifen zu lassen. Ein Pärchen stand an eine der Straßenlaternen gelehnt und küsste sich leidenschaftlich, Autos rollten Richtung Flughafen oder in die entgegen gesetzte Richtung, ansonsten war es ruhig. Colby ging zurück ins Zimmer. David saß bereits an dem kleinen Tisch in der Küchennische.

“Alles ruhig“, sagte Colby leise, dann erklärte er: “Ich habe Hunger und es hat gerade aufgehört zu regnen. Ich werde zu der Tankstelle an der Ecke gehen und ein paar Snacks holen, bevor ich schlafen gehe. Vielleicht haben sie ja schon belegte Brötchen für morgen früh.“

David nickte zustimmend. “Hört sich gut an.“

“Bin gleich zurück“, meinte Colby und nahm einen der Zimmerschlüssel mit, um von außen abzuschließen.

***

Connor beobachtete mit dem Fernglas durch das Verandafenster, wie Granger Sinclair weckte und dann das Zimmer verließ. Die beiden Männer waren wegen des gedämpften Lichts im Zimmer und den Vorhängen nicht viel mehr als Schatten für ihn, aber er hatte sich über Eppes Team kundig gemacht und die Agents erkannt. Der Professor schlief noch. Neben Connor trat Steve unruhig von einem Fuß auf den anderen. “Verdammt kalt hier“, murmelte er und stützte sich an einem Baum ab. Das Waldstück, das die Straße, in der das Motel lag, vom Flughafen abschirmte, war dunkel. Es hatte bis vor wenige Minuten stark geregnet und noch immer tropfte Wasser auf die Wartenden. Der Van stand nicht weit vom Motel entfernt in einer Seitengasse.

“Wir können gleich loslegen“, meinte Connor beruhigend und er glaubte zu spüren, wie Steves Laune sich schlagartig verbesserte. “Einer von ihnen ist weg.“ Er steckte das Fernglas in seine Jackentasche und machte sich mit Steve auf den Rückweg zum Wagen. “Du holst den Wagen, während ich den Agent ausschalte. Dann hilfst du mir mit Eppes. Ich werde vorne reingehen, also komm von hinten.“

“Ich bezweifle, dass da Hilfe nötig ist“, schnaubte Steve.

“Ich gehe gerne auf Nummer Sicher. Als ich es das letzte mal alleine versucht habe, hat es nicht geklappt.“

Steve zuckte mit den Schultern. Sie kamen am Van an und Connor nahm seine Beretta vom Fahrersitz. “Komm mit dem Wagen so bald wie möglich rum, aber lass das Licht aus. Ich brauche nur ein paar Minuten bis zum Motel. Lass ihn direkt vor der Tür stehen und mach die Seitentür auf. Wir müssen schnell verschwinden. Versuch, Eppes nicht zu sehr zu verletzen.“ Steve nickte und stieg ein. Connor ging schnell, aber vorsichtig den Bürgersteig entlang auf das Motel zu. Er sah Granger die Straße entlang gehen, weg vom Motel und weg von Connor. Aber er schien sich zu beeilen, also beschleunigte auch Connor seine Schritte und wurde erst langsamer, als er den Parkplatz des Motels betrat. Er tat so, als krame er in seiner Jackentasche nach dem Zimmerschlüssel und ging an dem Zimmer vorbei, in dem die Agents eingecheckt hatten. Als er sich im toten Winkel des Fensters befand, drückte er sich an die Wand und zog seine Waffe. Er sah den Van unter den Straßenlaternen aus der Seitengasse kommen und wusste, dass er sich beeilen musste. Er nahm sich nur eine Sekunde Zeit, um durchzuatmen, dann schoss er auf das Schloss und trat die Tür auf. Motel-Zimmer waren noch nie sehr gut gegen Einbruch gesichert gewesen. Er wollte gerade das Zimmer stürmen, da schlug Sinclair die beschädigte Tür wieder zu.

Charlie fuhr im Bett hoch und sah, wie David sich gegen die Tür stemmte. “Charlie“, rief er, “wir müssen verschwinden! Hinten raus!“ Er feuerte auf die Moteltür und ihr Gegner zog sich zurück. David wusste, dass ihnen das nur ein paar Sekunden Zeit schenkte. Charlie riss das Fenster zum Hintergarten in dem Moment auf, in dem David sich zu ihm umdrehte. Als plötzlich ein großer, in schwarz gekleideter Mann vor Charlie auftauchte und nach ihm griff, zog David ihn vom Fenster weg und zu sich, in eine Ecke des Raumes. “Hinter mich. Hinter mich“, murmelte er und drückte Charlie an die Wand, stellte sich vor ihn und richtete die Waffe auf den Mann, der durch das Fenster in das Zimmer sprang. Die Tür flog auf und der zweite Eindringling betrat den Raum – David erkannte ihn sofort als Connor Hill wieder. Er wusste nicht, auf wen er zielen sollte. Er entschied sich für Hill, weil der eine Waffe in der Hand hatte. Die Sekunde, die er brauchte um diese Entscheidung zu fällen, war bereits zu lang gewesen. Hill schoss auf ihn und David wurde zurück in Charlies Körper geschleudert. Schmerz schoss von seiner Schulter durch seinen gesamten Oberkörper und ihm fiel seine Waffe aus der Hand.

Charlie versuchte entsetzt, ihn festzuhalten, als er zu Boden glitt. “David.“ Aber er bekam ihn nicht richtig zu fassen und wurde von dem Körper des Agents mit zu Boden gerissen. Wenn David ehrlich war, hätte er Charlie nicht zugetraut, dass er ihm seine Waffe aus der Hand nahm und sie auf Hill richtete. Seine Hand zitterte, aber Hill blieb trotzdem vorsichtig geworden stehen. Als der andere Mann einen Schritt auf Charlie zumachte, richtete der Professor die Waffe warnend auf ihn. Aber er blieb nicht stehen. Das letzte, was David mitbekam, war, dass Charlie abdrückte … und das letzte, an das David dachte, war, dass er wünschte, das Magazin wäre in ausgerechnet diesem Moment nicht leer.

Charlie kam das Klicken der Waffe unnatürlich laut vor und er drückte noch einmal ab.

“Das Magazin ist leer, Professor“, meinte Hill amüsiert. Sein Begleiter lächelte und kam die letzten Schritte auf Charlie zu, während dieser panisch noch versuchte, den Fehler woanders zu finden. Als der Mann Charlies Sweatshirt packte, holte Charlie mit der Waffe aus und versuchte, sie ihm gegen den Kopf zu schlagen, aber sein Gegner sah die Bewegung kommen und hielt seine Hand fest. Die Waffe fiel zu Boden.

In diesem Moment fand Charlie seine Stimme wieder. “Hilfe!“ Er trat aus, als der Mann ihn unter David hervor zerrte und an die Wand presste, eine Hand auf seinem Mund.

“Halt die Klappe“, zischte er. Charlie trat ihm in den Magen, bereute die Aktion aber, als dies seinem Gegenüber kaum etwas auszumachen schien und er Charlie wütend in Gesicht schlug.

“Das reicht!“, rief Connor. “Wir müssen verschwinden.“ Er ging voran aus dem Zimmer und Charlie wurde mitgeschleift. Charlie wehrte sich, als er nach draußen gezerrt wurde, sah einige Leute an den Fenstern ihrer Zimmer stehen und die Situation beobachten. Er fragte sich, warum niemand etwas tat und hoffte, dass sie wenigstens die Polizei gerufen hatten. Er ließ sich fallen und wollte seinen Entführer so zwingen, stehen zu bleiben, aber dem größeren Mann schien das egal zu sein, denn er griff Charlie um die Hüfte und zerrte ihn weiter. Als Charlie Polizeisirenen hörte, versuchte er erneut, seinen Entführer zu treten, aber der Mann war zu stark und stieß ihn in einen Van, der direkt hinter dem Wagen der Agents parkte. Er stieg hinter Charlie ein und schob die Tür zu. Es war nur einen Augenblick dunkel. Charlies Augen gewöhnten sich schnell an das bisschen Licht, dass durch die Frontscheibe und das Sicherheitsnetz in den hinteren Teil des Vans fiel. Charlie hörte den anderen Mann vorne einsteigen und der Motor startete. Verzweifelt  warf er sich auf die Tür zu, aber sein Gegenüber  packte ihn um die Hüfte und schleuderte ihn zurück an die Wand. Charlies Kopf schlug gegen das Metall und ihm wurde einen Augenblick schwarz vor Augen. “Stell ihn endlich ruhig“, verlangte Connor vom Fahrersitz und fuhr so schnell in eine Kurve, dass Charlie zur Seite kippte. Er sah, wie sein Entführer einen Lappen und eine Glasflasche aus der Jackentasche zog und begann, von ihm weg zu krabbeln, aber er kam nicht weit und drückte sich mit dem Rücken an die Lehnen der Vordersitze. Der Mann ergriff sein Bein und zog ihn zu sich, ehe er ein Knie in Charlies Magen stemmte und den Lappen mit der Flüssigkeit aus der Flasche tränkte. Charlie hatte bisher nur einmal in seinem Leben Chloroform gerochen, aber er erkannte es sofort wieder. Er wusste, dass er im Moment nicht weglaufen konnte. Und ihm war klar, dass er keine Chance gegen den größeren Mann hatte, der ihn zu Boden drückte. Aber er hatte vielleicht eine Möglichkeit zu fliehen, sobald sie wieder anhielten. Nicht aber, wenn er dann bewusstlos war.

Er hob die Hände. “Nein, nein. Warten Sie. Ich bin ruhig.“

Der Mann ließ ein sadistisches Lächeln sehen. “Oh, ja! Das bist du.“ Damit presste er das Tuch auf Charlies Gesicht.

Kapitel 11
Brute Force Masterlist

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