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Torchwood: Weinende Erde 7/17 (Fanfiction)

Weinende Erde 7/17

Serie: Mosaik
Worte: 41.067
Inhalt: Coedwig Street war lange Zeit eine friedliche Nachbarschaft, doch seit neuestem treibt sich dort ein geheimnisvolles Wesen herum, das die Anwohner verschreckt und Torchwood auf den Plan ruft. Das Team ahnt nicht, dass es sich mit einer Kraft anlegt, die älter als der Planet selbst ist … und gefährliche Verbündete hat. Und während Gwen mit Beziehungsproblemen kämpft und Ianto mit der Tatsache, dass er sich zu Jack hingezogen fühlt, scheinen die Feen noch eine Rechnung mit dem Captain offen zu haben.
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Gwen Cooper, Toshiko Sato, Owen Harper, Rhys Williams, die Feen, Andy Davidson, Myfanwy, OCs
Pairing: Jack/Ianto, Gwen/Rhys
Rating: PG-13
Spoiler: Wie alles begann, Die Geistermaschine, Aus dunkler Vorzeit, Offenbarungen, Charaktere aus Kinder der Erde (Iantos Familie) / Romane: Slow Decay / Doctor Who: Andeutungen auf The end of the World und The Sound of Drums, sowie The Last of the Time Lords
Setting: nach Aus dunkler Vorzeit
Warnungen: MPreg eines OCs, in der Vergangenheit.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Beta: Vistin, alt_universe_me  und danian . Danke.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 6
Masterliste

***
***


7.


Meistens war Rhys ein sehr ruhiger Mensch. Er war stolz darauf, immer ruhig und gefasst sein zu können. Aber diese Situation mit Gwen ging ihm an die Nerven und machte ihn zu einem Nervenbündel. Er gab Torchwood die Schuld. Und diesem Kerl, der Gwen oft – manchmal auch mitten in der Nacht – anrief und dessen Befehlen sie folgte, ohne zu protestieren. Er war ihr Boss, das war Rhys durchaus klar, aber es gab Grenzen. Sogar bei Spezialkommandos. Da war er sich ziemlich sicher.

Und jetzt schlief sie neben ihm, friedlich und unschuldig, als hätte sie den ganzen Abend nicht ihr bestes getan, der Diskussion über eine neue Wohnung und eine gemeinsame Zukunft aus dem Weg zu gehen. Und nicht nur das. Gwen ging ihrer ganzen Beziehung aus dem Weg und Rhys hatte das ungute Gefühl, dass dieser Jack Schuld daran war. Gwen lächelte immer so, wenn sie ans Telefon ging.

Rhys wusste, dass er kein aufregender Typ war. Er war ein normaler Mann aus Wales. Er liebte Rugby, Bier und Frauentausch. Er war nicht der sportlichste. Vielleicht sollte er über eine Diät nachdenken. Obwohl … nach den desaströsen Folgen, die die letzte gehabt hatte, wollte er das nicht wirklich. Außerdem hatte Gwen bisher nichts gegen seine paar Pfunde zu viel gehabt. Bisher. Möglicherweise war dieser Jack ein Supermodel. Groß, schlank, in engen Jeans und mit einer Lederjacke. Er hatte wahrscheinlich ein Motorrad und blaue Augen, in denen man versinken konnte.

Rhys verzog das Gesicht. So konnte das nicht weiter gehen. Er vernichtete sich selbst mit solchen Gedanken. Es war Zeit, dass er einschritt und sich offen zeigte. Er wollte Gwens Verhalten nicht mehr nur hinnehmen. Er musste aktiv etwas dagegen tun.

Er glitt vorsichtig aus dem Bett und schlich um das Fußende herum zu Gwens Nachttisch. Dort lag es – ihr Handy. Immer griffbereit.

Rhys nahm es und verließ das Schlafzimmer. Er schloss die Tür, schaltete das Licht im Flur an und ging ins Wohnzimmer. Der leere Platz dort, wo das Sofa hätte sein sollen, machte ihn noch entschlossener und er ging Gwens Kontaktliste durch. Zeit für ein paar klare Worte. Wenn Gwen nicht zuhören wollte, dann musste Rhys wohl die Quelle des Übels ansprechen.

***

Coedwig Street war die Art Straße, in der Jack wohl leben würde, wenn er einen normalen Job und ein normales Leben hätte. Ordentliche Gärten, nette Häuschen … er konnte durchaus der häusliche Typ sein, auch wenn der größte Teil seines Teams davon überzeugt schien, dass er jeden mit ins Bett nahm, der ihn schief ansah. Es war ein Ruf, den er gar nicht so ungern pflegte. Während seiner Zeit bei der Zeitagentur war man geachteter, je beliebter man war und man war beliebt, wenn man schmutzige Geschichten zum besten geben konnte. Und eine Weile lang – als er jung gewesen war – hatte er dieses Leben auch genossen. Aber alle wurden erwachsen. Jack war verheiratet gewesen, hatte zahllose Beziehungen geführt. Er war nicht unfähig zu lieben oder monogam zu sein. Im Gegenteil – er mochte es. Mit seiner gegenwärtigen Situation konnte er es sich nur nicht mehr erlauben. Die Ankunft des Doktors war ihm für dieses Jahrtausend prophezeit worden. Jack würde keine Beziehung eingehen, wenn er nicht sicher sein konnte, dass er in ein paar Monaten noch da war. Er konnte Ianto nicht mehr bieten als ein Intermezzo. Er fragte sich, ob Ianto sich deshalb so zurückhielt, ob er vielleicht mehr wollte. Jack bezweifelte, dass er dafür schon bereit war – so kurz nach Lisas Tod. Aber es fiel ihm schwer, Iantos Zeichen zu deuten, also zog er alle Möglichkeiten in Betracht. Vielleicht sollte er wirklich mal mit ihm reden, die Karten auf den Tisch legen. Er war sich sicher, dass Ianto es verstehen würde.

Er stieg aus dem SUV und ging die Straße entlang. Alles war ruhig, keine Spur von einer unheimlichen Frau in einem Kleid. Er hatte sich spontan dazu entschlossen, hierher zu kommen, nachdem er Ianto zu Hause abgesetzt hatte. Es war nicht nötig gewesen, ihn zu fahren, das wusste Jack. Es war noch nicht allzu spät und Ianto konnte sich wehren. Aber Jack hatte sichergehen wollen, dass Ianto nach Hause ging und sich nicht wieder die halbe Nacht in der Basis aufhielt, um zu arbeiten.

Jacks Handy klingelte und er zog es aus der Manteltasche, bevor er einen kurzen Blick auf die Anruferanzeige warf. “Gwen Cooper! Lust auf ein wenig Action? Ich könnte da etwas bieten“, sagte er grinsend.

Es war einen Moment totenstill am anderen Ende. Dann räusperte sich ein Mann.

Jack blieb abrupt stehen. “Wer ist da?“, fragte er angespannt, auf das schlimmste vorbereitet.

“Rhys Williams.“ Seine Stimme klang bemüht ruhig.

Jack lächelte erleichtert und entspannte sich etwas. “Der Freund, richtig? Ich bin Captain Jack Harkness, was kann ich für Sie tun?“

“Die Finger von meiner Freundin lassen.“ Er klang wütend und sprach gepresst, als müsse er sich zwingen, leise zu sein.

Jack runzelte die Stirn, beschloss aber, die Situation mit Humor zu nehmen. Er wollte es sich nicht mit Gwens Freund verscherzen.

“Das … ist so ein Klischee.“

“Hören Sie, Sie Held, alles was ich verlange, ist etwas Abstand, okay?“

Jetzt würde Jack doch etwas wütend. “Ich halte Abstand. Glauben Sie mir, ich akzeptiere Grenzen, die durch eine Beziehung gesetzt sind.“

“Ja, das merkt man“, murmelte Rhys.

Jack kniff die Lippen zusammen. Die Bemerkung schmerzte mehr, als er zugeben wollte. Er tat nichts anderes, als Abstand von Gwen zu halten. Sie war eine attraktive Frau, Jack würde das niemals bestreiten, und da war … etwas zwischen ihnen. Ein Funke vielleicht oder einfach Anziehung. Aber er wusste, dass sie in einer Beziehung lebte und er wollte, dass das so blieb. Gwen brauchte ein Stück normales Leben. Rhys konnte ihr das geben.

Er räusperte sich und antwortete ruhig: “Ich muss arbeiten, Mr. Williams. Wenn das also alles war ...“

“Nein, das war nicht alles. Ich will, dass Sie Gwen nicht so einspannen. Ich verstehe, dass sie in einer Spezialeinheit ist, aber ich kann nicht akzeptieren, dass sie mehr Zeit mit Ihnen als mit mir verbringt.“

Bevor Jack die Gelegenheit hatte zu antworten, hörte er Gwens Stimme am anderen Ende: “Ist das mein Handy?“

Rhys schien eine Hand über den Hörer zu halten, denn Jack konnte die kurze Diskussion der beiden nicht verstehen und dann erklang wieder Gwens Stimme, viel deutlicher und näher: “Jack, tut mir so leid.“

Er stemmte seine freie Hand auf die Hüfte. “Normalerweise spreche ich gerne mit den Liebschaften meiner Kollegen, aber im Moment bin ich etwas beschäftigt“, sagte er gereizt.

“Wo bist du? Brauchst du Hilfe?“

“Nein, danke, Gwen. Wenn ich Hilfe brauche, rufe ich Owen oder Tosh an. Sieh du zu, dass du dein Privatleben von deiner Arbeit trennst.“ Damit legte er auf und steckte das Handy weg. Als er wieder aufblickte, stand sie ihm gegenüber. Sie trug ein weißes Kleid. Sie hielt den Kopf leicht gesenkt und das verfilzte Haare schützte ihr Gesicht wie ein Vorhang. Die für ihren schmalen Körperbau riesigen Hände hingen an ihren Seiten.

Jack machte einen erschrockenen Schritt zurück, fing sich jedoch sofort wieder und legte eine Hand auf seine Waffe. “Hallo, Lady“, sagte er. Sie hob langsam den Kopf und starrte ihn aus dunklen Augen an, die tief in den Höhlen eines schmalen Gesichts lagen. Tränen liefen über ihre verrunzelte Haut. Sie war gewiss keine Schönheit, aber sie war auch unter keinen Umständen ein Mensch. Sie sagte etwas mit weinerlicher Stimme und Jack zuckte mit den Schultern. “Verstehe ich nicht.“ Er legte den Kopf schief. “Lass dich ansehen. Wo könntest du herkommen?“ Er stellte eine leichte Ähnlichkeit mit den Kioas fest. Er hatte die Sprache dieses Volkes schon lange nicht mehr gesprochen und fragte zögerlich: “Hol jeyer fiad?“

Sie schluchzte.

“Oh, so schlimm kann mein Kioas nicht sein, gute Frau.“ Er versuchte es mit Charme und lächelte breit. “Du verstehst mich nicht, oder?“ Er trat einen zögerlichen Schritt auf sie zu. “Warum weinst du?“

Sie sagte etwas.

Jack zog sein Handy aus der Tasche. “Testen wir eine Theorie.“ Er aktivierte die Aufnahmefunktion. “Sag etwas.“

Sie starrte ihn an.

“Nicht so schüchtern.“ Er fuhr zusammen, als sie schrie und verschwand.

***

“Ich kann nicht fassen, dass du so etwas tust“, sagte Gwen und hielt das Handy hoch als wäre es das entscheidende Beweisstück in einem Mordfall. “Er ist mein Boss.“

Rhys stemmte die Hände in die Hüften. “Er ruft dich an. Ständig. Tag und Nacht, wann immer wir etwas Zeit zusammen verbringen wollen. Man kann sich drauf verlassen, dass Jack uns stört.“

Gwen schüttelte den Kopf. “Er stört uns nicht, er ruft mich zur Arbeit. Das ist nicht wie bei der Polizei, Rhys. Ich muss bei Nacht und Nebel raus.“

Rhys schnaubte. “Und außer dir arbeitet niemand in dieser Einheit?“

“Das Team ist nicht groß. Wenn Jack mich anruft, dann ruft er auch die anderen an. Wir sind dann alle im Einsatz.“ Sie starrte ihn böse an. “Und das gibt dir nicht das Recht, dir mein Handy zu nehmen und ihn anzurufen. Hast du überhaupt eine Ahnung, in was für Schwierigkeiten du mich damit bringst?“ Er verschränkte trotzig die Arme und Gwen sagte langsam, als würde sie mit einem Kleinkind sprechen: “Er ist mein Boss, Rhys.“

Und obwohl er beleidigt sein wollte, weil sie auf diese Art mit ihm sprach, kam er sich plötzlich etwas albern vor. Möglicherweise hatte er es übertrieben. Aber der Trotz verließ ihn dennoch nicht so ganz und er ging in ihrem Streit ein paar Schritte zurück.

“Wie wäre es dann, ein paar Leute mehr einzustellen?“

Gwen stieß ein frustriertes Stöhnen aus und rieb sich die Stirn. “So einfach ist das nicht.“

“Warum zur Hölle nicht?“, fragte Rhys wütend. “Du verlangst, dass ich alles hinnehme, was du mir erzählst, aber woher weiß ich überhaupt, dass das alles stimmt?“

“Weil es nun einmal so ist, Rhys. Unser Job ist kompliziert und geheim. Abgesehen von unserem Archivar sind wir nur vier Leute.“

Rhys schnaubte. “Und alles, was ich habe, ist dein Wort und dieses verdammte Lächeln, dass du jedes mal trägst, wenn Jack dich anruft.“

Gwen starrte ihn schockiert an. “Rhys … ich schwöre bei Gott, ich habe keine Affäre. Und ich kann nicht fassen, dass du das von mir denkst.“ Sie ging an ihm vorbei ins Schlafzimmer und schlug die Tür zu.

Rhys wollte sich entnervt auf die Couch fallen lassen, aber dann erinnerte er sich, dass sie nicht mehr da war. Er rief: “Und wo soll ich jetzt schlafen?!“

***

Als Ianto Jack am nächsten Morgen das erste mal sah, verließ er gerade sein Büro und zog den Mantel an. Ianto runzelte die Stirn. Er war stolz, stets alle von Jacks Terminen aus dem Kopf zu wissen. Für diesen Vormittag war nichts eingeplant. Erst für den frühen Abend; ein Gespräch mit dem Premierminister.

Ianto blieb auf halbem Weg zu Jacks Büro stehen und sah dem anderen Mann entgegen.

“Ist etwas passiert, Sir?“

“Nein. Ich muss etwas persönliches erledigen und nehme den Ersatz-SUV. Könntest du meine Anrufe entgegen nehmen und Tosh darum bitten, die Rissaktivitäten von gestern Abend zu checken? So zwischen elf und Mitternacht. Ich habe unsere geheimnisvolle Freundin getroffen.“ Jack war bereits am Tor angekommen und verließ die Basis.

Ianto folgte ihm zum Fahrstuhl, der hoch in die Touristeninformation und runter in die Tiefgarage führte.

“Natürlich“, antwortete er. “Willst du keinen Kaffee?“

Jack betrat den Fahrstuhl und lehnte sich an die Tür, damit diese geöffnet blieb.

“Ich hole mir unterwegs einen. Ich muss sowieso eine Weile fahren.“ Er lächelte. “Aber ich trinke gerne einen, wenn ich wieder komme. Jetzt muss ich los, ich bin spät dran.“ Damit trat er zurück und die Tür schloss sich.

Ianto starrte ihm verwirrt hinterher, dann seufzte er und ging zurück in die Basis. Er hatte bereits am Abend zuvor aufgeräumt, wie immer, und war daher zufrieden mit dem Zustand des Hauptraumes. Myfanwy gab einen unzufriedenen Schrei von sich und Ianto winkte ihr zu. Sie wartete immer ungeduldig auf ihr Frühstück, aber Iantos Uhr verriet ihm, dass er noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Fütterung hatte. Er betrat Jacks Büro und ordnete den Schreibtisch, schaltete das Telefon auf sein Handy um, und warf einen flüchtigen Blick auf Jacks Computerbildschirm. Er hielt inne, zögerte, und sah dann genauer hin. Die Internetseite einer Lokalzeitung von Pembroke. Und ganz unten eine Familienanzeige.

Wir laden zur Trauerfeier unserer geliebten Mutter und Großmutter ein

Ianto seufzte traurig, als er den Namen las und ahnte, dass Jack die Anzeige heute erst entdeckt haben musste. Deshalb hatte er ihm am gestrigen Tag nichts von persönlichen Plänen gesagt. Jack war unterwegs zu Estelles Beerdigung.

***

Jack war noch nie zuvor in Pembroke gewesen, aber er erinnerte sich daran, dass Estelle ihm einmal gesagt hatte, dass ihre Tochter dort mit ihrer Familie lebte. Sie hatte ihm auch erzählt, dass sie dort beerdigt werden würde. Jack hätte nicht gedacht, dass das so bald geschehen würde und auf diese Art. Die Trauerfeier hatte bereits angefangen, als Jack sich zu den Menschen an Estelles Grab dazugesellte. Er war froh zu sehen, dass viele gekommen waren. Es zeigte ihm, wie sehr sie geschätzt worden war. Das Grab lag in der Nähe einer Weide, die bei Sonnenschein ihren Schatten schützend auf Estelle werfen konnte. So wie heute, bei strahlendem Sonnenschein, trotz der Kühle. Jack ließ seinen Blick über die Anwesenden schweifen, während der Pfarrer sprach … er erkannte sie sofort. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und trotz der müden Augen und des verwischten Make-up wunderschön. Jack fühlte sich an die ersten Momente erinnert, in denen er Estelle gesehen und einfach nur beobachtet hatte. Ihre eleganten Schritte auf der Tanzfläche, wo sie sich alleine zur Musik bewegt hatte. Das einzige Mädchen, das alleine tanzte. Jack war von Anfang an fasziniert von ihr gewesen und zu ihrer inneren Stärke hingezogen worden. Estelle hatte ihm von Victoria erzählt. Ihre einzige Tochter, die glücklich verheiratet war und zwei beinahe erwachsene Söhne hatte. Der Wind spielte mit ihren dunklen Haaren und der schwarze Hosenanzug saß wie angegossen an der schlanken Figur. Einen Moment lang spürte Jack eine tiefe Sehnsucht nach ihr – einer Frau, die er überhaupt nicht kannte und er senkte betroffen den Blick auf Estelles Sarg.

Als die Trauerfeier vorbei war und alle Gäste Victoria ihr Beileid ausgesprochen hatten, flüsterte Victorias Mann ihr etwas ins Ohr und ging mit den beiden Söhnen Richtung Parkplatz. Sie blieb alleine am Grab stehen. Jack löste sich aus den Schatten der Weide und trat auf sie zu, ein freundliches Lächeln auf den Lippen. “Mrs. Robinson?“ Er streckte die Hand aus. “Herzliches Beileid.“

Sie blickte etwas erschrocken zu ihm auf und Erkennen flackerte in ihren Augen. Offenbar konnte sie sein Gesicht aber nicht einordnen, denn sie nahm seine Hand und fragte: “Danke. Und Sie sind?“

“Jack Harkness. Ein Freund ihrer Mutter.“

Ein Lächeln stahl sich langsam auf ihre Lippen.

“Richtig“, sagte sie. “Die Fotos. Sie sind der Sohn von ...“ Sie brach ab, unsicher.

Er lachte leise. “Jack Harkness. Ich weiß, nicht sehr originell.“

“Genau, Jack Harkness.“ Sie lächelte. “Er hat meiner Mutter viel bedeutet. Und sie hat viel von Ihnen gesprochen. Sie war so glücklich, dass Sie den Kontakt zu ihr gesucht haben.“

Jack schob die Hände in die Taschen seines Mantels. Er fühlte sich plötzlich etwas unsicher. Für gewöhnlich sprach er nie jemanden auf den Beerdigungen an, die er besuchte. Meistens blieb er der Trauergemeinde fern und kam nur, um dem geliebten Menschen, den er verloren hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Aber nun war es zu spät, um noch etwas zu ändern; und eine Lüge blieb eine Lüge, also sagte er: “Nach den Geschichten, die mein Vater über sie erzählt hat, konnte ich nicht widerstehen.“

“Ich hätte Sie persönlich zur Beerdigung eingeladen, aber ich hatte keine Adresse oder Telefonnummer.“

Estelle hatte seine Nummer auswendig gekannt – für Notfälle, hatte er ihr mal gesagt, oder falls sie sich einsam fühlte. Eine Adresse hatte er ihr nie gegeben.

Er trat einen Schritt näher an Victoria heran und schüttelte den Kopf. “Keine Sorge. Das ist in Ordnung.“

“Was passiert ist, ist so schrecklich“, flüsterte Victoria und Jack legte eine Hand auf ihre Schulter. “Ertrunken. Aber man weiß nicht, wie.“ Sie seufzte. “Ich wünschte, sie hätte hier bei uns gelebt. Aber sie wollte Cardiff nicht verlassen. Wenigstens hat sie einer Beerdigung hier zugestimmt.“

“Sie konnte sehr stur sein“, bestätigte Jack.

Victoria blickte ihn an. “Sie hat Ihren Vater sehr geliebt. Und nie verstanden, warum der Kontakt abgebrochen ist.“

Jack zuckte mit den Schultern und suchte nach einer Erklärung, die Victoria zufrieden stellen würde, ohne ihn zu einem noch größeren Lügner zu machen.

“Es war eine schwierige Zeit für alle. Ich … kann Ihnen nicht genau sagen, wieso er nie zu ihr zurückgekehrt ist.“ Er seufzte und Victoria nickte verständnisvoll. Jack versicherte ihr: “Aber er hat Estelle geliebt. Sie war etwas Besonderes.“ Er schluckte Tränen hinunter und fügte hinzu: “Ich werde sie nicht vergessen.“

“Danke, Mr. Harkness.“

Er lächelte, wandte sich ab und ging über die Wiese Richtung Haupttor. Die Geräusche der Stadt hinter den Mauern des Friedhofs, wurden leiser, verstummten schließlich ganz, bis Jack nur noch seine Schritte und seinen zitternden Atem hörte.

Kapitel 8
Masterliste