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Weinende Erde 9/17

Serie: Mosaik
Worte: 41.067
Inhalt: Coedwig Street war lange Zeit eine friedliche Nachbarschaft, doch seit neuestem treibt sich dort ein geheimnisvolles Wesen herum, das die Anwohner verschreckt und Torchwood auf den Plan ruft. Das Team ahnt nicht, dass es sich mit einer Kraft anlegt, die älter als der Planet selbst ist … und gefährliche Verbündete hat. Und während Gwen mit Beziehungsproblemen kämpft und Ianto mit der Tatsache, dass er sich zu Jack hingezogen fühlt, scheinen die Feen noch eine Rechnung mit dem Captain offen zu haben.
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Gwen Cooper, Toshiko Sato, Owen Harper, Rhys Williams, die Feen, Andy Davidson, Myfanwy, OCs
Pairing: Jack/Ianto, Gwen/Rhys
Rating: PG-13
Spoiler: Wie alles begann, Die Geistermaschine, Aus dunkler Vorzeit, Offenbarungen, Charaktere aus Kinder der Erde (Iantos Familie) / Romane: Slow Decay / Doctor Who: Andeutungen auf The end of the World und The Sound of Drums, sowie The Last of the Time Lords
Setting: nach Aus dunkler Vorzeit
Warnungen: MPreg eines OCs, in der Vergangenheit.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Beta: Vistin, alt_universe_me  und danian . Danke.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 8
Masterliste

***
***


9.


Ianto blickte aus dem Autofenster auf die dunkle Straße. Noch während sie unterwegs gewesen waren, hatte es zu regnen begonnen und obwohl der Regen inzwischen etwas nachgelassen hatte, prasselte er noch immer stetig auf das Autodach. Coedwig Street schlief. In keinem der Häuser brannte mehr Licht und ein Blick auf die Uhr verriet Ianto, dass es bereits weit nach Mitternacht war.

Jack spielte mit dem Radio und suchte nach einem neuen Sender. Er seufzte zufrieden und lehnte sich in seinem Sitz zurück, als Oldies aus den Lautsprechern drangen. Ianto sah ihn kurz an und fasste dann wieder die Straße ins Auge. Aus dem Augenwinkel sah er Jack den Kopf drehen und in seine Richtung blicken. Er war während der letzten zwei Stunden verdächtig ruhig gewesen, aber Ianto schätzte, dass die Ruhe nicht mehr lange halten würde. Er sollte Recht behalten.

“Alles klar?“, fragte Jack.

Ianto verschränkte die Arme und starrte weiter aus dem Fenster. “Ja.“

Einige Minuten lang hörte er nichts außer der Musik, dem Regen auf dem Autodach und Jacks ruhigem Atem. Ianto erinnerte sich an das eine Mal, als Jack mit ihm aus der Stadt gefahren war, bei strömendem Regen, und irgendwo an der Küste Halt gemacht hatte, ein bübisches Grinsen auf den Lippen, bevor er sich hinüber gelehnt und Ianto geküsst hatte. Seit dieser Nacht war das Geräusch von Regen auf dem Autodach eines der intimsten, die Ianto kannte.

Jack nahm seine Hand und Ianto schreckte aus seinen Erinnerungen. Er blickte in Jacks besorgte Augen und Jack lächelte aufmunternd. “Bist du sicher?“

Ianto nickte. Er wollte nicht darüber reden, dass er sich absolut unsicher war, wie er zu Jack stand – auf der einen Seite das Verlangen, zu ihm zu steigen und ihn zu küssen, auf der anderen Seite die Zweifel – also zog er seine Hand weg und fragte: “Kann ich morgen Vormittag frei bekommen?“

Jack runzelte die Stirn, als Ianto sich seinem Griff entzog, aber er überspielte die Miene mit einem fragenden Gesichtsausdruck. “Sicher.“ Er fragte nicht wieso.

Ianto dachte, dass er gerade deshalb verdiente, es zu wissen. “Ich will Rhiannon besuchen.“

Jack lächelte begeistert. “Das ist großartig.“

Ianto war sich da nicht so sicher. “Ich schätze, ich kann so um eins bei der Arbeit sein.“

“Wenn du mehr Zeit brauchst meldest du dich“, antwortete Jack. Ianto nickte mit einem dankbaren Lächeln und Jack legte kurz eine Hand auf seine Schulter, bevor er sie zurück auf seinen Oberschenkel zog und aus dem Frontfenster schaute. Er spannte sich an. “Da.“

Ianto folgte seinem Blick. Am Ende der Straße, durch den Regen nur zu sehen, weil sie im Licht einer Straßenlaterne stand, wartete sie – eine Frau in einem weißen Kleid. Ianto konnte ihr Gesicht nicht ausmachen.

Er öffnete die Autotür. Sie stiegen beide aus und Ianto schloss die Tür so leise wie möglich. Neben Jack ging er auf die Frau zu. Regen lief ihm bereits nach wenigen Sekunden über das Gesicht und in den Kragen seines Mantels und er zog schützend die Schultern hoch. Die Frau schien auf sie zu warten. Ianto festigte den Griff um seine Pistole und warf Jack einen angespannten Blick zu, dann konzentrierte er sich auf die Frau. “Helô“, sagte er. “Ianto Jones ydw i.“ Er lächelte die Frau so versichernd wie ihm möglich war an. “Pwy wyt ti?“

“Fy mlentyn, fy mlentyn bach!“

Ianto runzelte die Stirn. Er konnte sie verstehen, aber die Worte ergaben keinen Sinn. Sie antwortete nicht auf seine Frage nach ihrem Namen. Er merkte, dass Jack ihn fragend ansah, aber ignorierte ihn, um sich auf die Frau zu konzentrieren. Sie schluchzte und sah zu ihm auf. “Fy mlentyn, fy mlentyn bach!“ Dann verschwand sie.

Ianto drehte sich zu Jack um. “Merkwürdig.“

“Was hat sie gesagt?“, fragte Jack.

“Sie trauert um ihr Kind“, antwortete Ianto. “Sie sagte: Mein Kind, mein kleines Kind.“

Jack runzelte die Stirn. “Was soll das heißen?“

“Keine Ahnung“, antwortete Ianto. “Aber sie scheint absolut nicht gefährlich zu sein.“

“Wir müssen sie trotzdem loswerden“, sagte Jack entschlossen.

“Warum spricht sie walisisch?“, fragte Ianto.

“Weiß ich nicht. Aber sie klingt dabei nicht so sexy wie du.“

Ianto verdrehte die Augen und Jack grinste.

***

Gwen starrte auf den blinden Fernsehbildschirm und seufzte tief, ehe sie den letzten Rest Wein trank. Sie nahm ihr Handy vom Küchentresen und wählte Rhys Nummer. Er hatte angedroht, nicht ans Telefon zu gehen, als er nach ihrem letzten Streit wütend die Wohnung verlassen hatte und so war sie nicht überrascht, als die Mailbox antwortete.

“Rhys? Ich … es tut mir leid. Ich hätte nicht so ausrasten sollen. Es ist nur … alles so schwierig im Moment und dass du Jack angerufen hast, hat mir echt Probleme bei der Arbeit bereitet, deshalb ... ich fange schon wieder an. Entschuldige. Also, wenn du die Nacht bei einem Freund verbringen willst, dann mach das. Wir sollten morgen reden. Ganz ruhig. Aber gib mir kurz Bescheid, dass du in Ordnung bist. Okay?“ Sie zögerte, dann flüsterte sie “Ich liebe dich“ und legte auf.

Als eine halbe Stunde später eine SMS kam, in der stand Ich bin okay, fühlte sie sich nur wenig besser.

***

Jack wusste, dass er träumte.

Die Basis sah etwas anders aus als aktuell, aber er kannte die soliden Schreibtische aus Holz und die Schreibmaschinen. Er kannte die Notizblöcke, die Bleistifte und Füllfederhalter. Eine Couch an derselben Stelle, an der nun auch eine stand, aber diese war rot und neu und um so vieles gemütlicher. Er wusste, dass er eine Erinnerung wieder erlebte, aber er konnte es nicht stoppen.

Er saß auf der Couch, umgeben von Akten, und las. Es waren Nachrichten aus dem ganzen Land. Und er suchte nach Hinweisen auf den Doktor.

Jemand setzte sich neben ihn und ein vorsichtiger Kuss wurde in seine Halsbeuge gedrückt. Er war immer so leise gewesen und so schüchtern. Jack lächelte sanft.

“Matthew.“...


… Er schreckte hoch und fand sich in seinem Quartier in seinem schmalen Bett wieder, schweißgebadet und außer Atem. Er hörte ein sanftes Lachen und das Geräusch von Flügeln. Jack setzte sich auf. “Was wollt ihr?“, fragte er. “Ich habe euch Jasmine gegeben. Ihr habt euch Estelle genommen. Was wollt ihr noch? Matthew?“ Er lauschte, aber es kam keine Antwort. “Ihr könnt ihn nicht haben.“ Er lächelte bitter. “Nicht mal ihr könnt ihn jetzt noch erreichen.“

Stille.

***

“Morgen!“, rief Gwen und betrat mit einer Donutschachtel in der Hand den Hauptraum der Basis. Myfanwy glitt aus ihrem Nest und zog einen Kreis um den Wasserturm in der Mitte des Raums. Sie näherte sich dem Boden und landete schließlich in der Nähe des kleinen Flusslaufes, den, wollte man Jacks Worten Glauben schenken, ein Torchwood-Agent in den 80ern angelegt hatte, um eine ruhigere Arbeitsatmosphäre zu gewährleisten. Gwen fand nicht, dass es funktionierte. Nur jetzt, in den frühen Morgenstunden, bevor die ersten Rissalarme oder Meldungen hereinkamen, war die Basis wirklich ruhig.

Gwen stellte die Schachtel mit den Donuts, die sie für das Team gekauft hatte, auf den Tisch bei der Couch und ging zu ihrem Schreibtisch. Tosh und Owen saßen an ihren Arbeitsstationen. Tosh war bereits in ihre Analysen vertieft und Owen las seine E-Mails. Gwen stellte ihre Tasche auf den Boden und hängte ihre nasse Jacke über den Stuhl, bevor sie sich einen Stapel Polizeiakten von ihrem Schreibtisch nahm und sich damit auf die Couch zurückzog. Myfanwy stieß ein leises Gurren aus und watschelte zu Owens Schreibtisch. Sie zog mit ihrem Schnabel an seinem Ärmel.

“Verschwinde“, sagte er und Myfanwy stieß einen protestierenden Schrei aus. Gwen schnalzte mit der Zunge und hielt einen Donut hoch, als Myfanwy hoffnungsvoll den Kopf in ihre Richtung drehte. Eifrig kam der Pteranodon zu ihr hinüber und Gwen warf ihr den Donut hin. Myfanwy erhob sich mit ihrer Beute zurück zu ihrem Nest, hoch über den Köpfen der drei Agenten. Owen hatte sie beobachtet und verdrehte die Augen. “Gib ihr nicht diesen Mist“, sagte er.

Gwen streckte sich auf der Couch aus, die Akten auf ihrem Bauch. “Wieso nicht?“

“Es ist nicht gut für sie“, antwortete Owen. Tosh drehte ihren Schreibtischstuhl in Gwens Richtung und nickte zustimmend.

Gwen runzelte die Stirn. “Ianto gibt ihr Schokolade.“

Owen kam zu ihr und schob ihre Beine von der Couch, um sich setzen zu können. Mit einem schnellen Griff konnte Gwen verhindern, dass ihre Akten zu Boden fielen. Sie warf Owen einen gereizten Blick zu. Ihn schien das nicht sonderlich zu stören. “Ianto sollte das nicht tun.“

Er griff nach den Donuts, doch Gwen schnappte ihm die Schachtel weg. “Die sind für meine netten Kollegen“, sagte sie.

Owen schnaubte. “Wo sind wir hier? Im Kindergarten?“ Er griff nach der Box, Gwen lehnte sich weg, aber Owen zögerte nicht, über ihre Hüfte zu klettern und sich die Donuts zu holen. Die Akten verabschiedeten sich nun doch und landeten auf dem Boden.

Gwen fluchte und versuchte, Owen einen Tritt hinterher zu schicken, doch er war bereits zu weit weg.

“Gib mir auch einen“, verlangte sie.

Owen schüttelte den Kopf. “Die sind nur für meine netten Kollegen.“ Er ging zu Tosh und hielt ihr die Schachtel hin. “Donut?“

Tosh lächelte ihn dankbar an. Gwen sammelte ihre Akten ein, während Owen sich mit einem schadenfrohen Grinsen in ihre Richtung auf den Rückweg zu seinem Schreibtisch machte, die Schachtel triumphierend in den Händen. Sie beschloss, ihn zu ignorieren und sich später zu rächen und streckte sich wieder auf der Couch aus. “Also“, meinte sie mit einem Blick in Toshs Richtung. “Was ist mit Jacks Armband? Hast du mal dran gedacht, in der Datenbank danach zu suchen? Vielleicht finden wir dann raus, wer er ist.“

Tosh lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme. “Seit ich ihn kenne habe ich danach gesucht. Ich habe ihn auch mal gefragt, ob ich es untersuchen kann, aber das wollte er nicht. In der Datenbank gibt es keine Hinweise. Ich bezweifle, dass es jemals für unsere Archive erfasst wurde.“

Gwen runzelte die Stirn. “Das würde bedeuten, dass es ihm gehört, oder?“

Tosh zuckte mit den Schultern. “Könnte sein.“

“Widerspricht das nicht der Theorie, dass er aus den 30ern hierher gekommen ist? Ich meine, das Ding kann ja wohl kaum aus den 30ern stammen.“

Owen ließ einen Moment von seiner Facebook-Seite ab, um einen Kommentar abzugeben: “Vielleicht kommt er aus der Zukunft.“ Er sagte es mit einem spöttischen Unterton, aber Gwen würde es nicht wundern, wenn es Tatsachen entspräche. Typisch Torchwood.

Eine Ebene über ihnen fiel die Tür zum Gewächshaus zu und Jacks laute Schritte auf dem Metallboden ließen sie verstummen und das Thema auf später verschieben.

“Hey“, rief Owen, sobald Jack in Sichtweite war, “wo ist Ianto? Ich will Kaffee!“

Jack verdrehte die Augen, kam die letzten Stufen hinunter und zog eine 20-Pfund-Note aus seiner Tasche. “Mädchen, Owen hat sich gerade bereit erklärt, für uns zu Starbucks zu gehen.“

Gwen grinste Owen triumphierend an und sah den Donut-Diebstahl als gerächt an. Es regnete in Strömen und Starbucks war etwa zehn Minuten entfernt. Es lohnte sich kaum, die Strecke zu fahren, denn die Filiale lag in einer Fußgängerzone. Owen würde nass werden. Das schien ihm ebenfalls aufzugehen, denn er verschränkte widerwillig die Arme. “In deinen Träumen, Harkness.“

Jack hob die Augenbrauen und hielt geduldig das Geld in Owens Reichweite. “Tja, Ianto hat heute Vormittag frei.“

“Wieso?“, fragte Owen.

“Etwas Persönliches.“

Owen runzelte die Stirn. “Etwas Per … Ianto hat nie etwas Persönliches. Das letzte persönliche war ein Cyber-“

“Wir wollten nicht mehr darüber reden, erinnerst du dich? Ich nehme einen schwarzen Kaffee. Danke, Owen“, unterbrach Jack ihn und warf ihm das Geld zu.

Gwen meinte knapp: “Latte Macchiato.“

“White Chocolate Moccha“, ergänzte Tosh die Bestellung. Owen gab sich geschlagen, stand auf und griff sich seine Jacke. Tosh lächelte ihn an. “Nimm einen Schirm mit“, sagte sie. “Es regnet in Strömen.“

Owen knurrte frustriert.

***

Die Häuser waren nicht heruntergekommen, aber definitiv um einiges billiger als die in der Coedwig Street. Zerrissene Kartons und leere Bierflaschen verschmutzten die nahe Bushaltestelle, manche Häuserwände waren mit aggressiven Parolen beschmiert worden. Ianto war in einer solchen Nachbarschaft aufgewachsen und obwohl er seine Kindheit nicht exakt in diesem Viertel verbracht hatte, so kamen die Erinnerungen doch wieder hoch.

Er stieg aus dem Auto und zog die Schultern gegen die Kälte und den Regen hoch. Langsam ging er auf das kleine, zweistöckige Haus zu, in dem seine Schwester mit ihrem Mann und den Kindern wohnte. Die Nachbarschaft war um diese Uhrzeit ruhig – alle Kinder in der Schule, die jungen Leute bei der Arbeit oder noch im Bett und die Hausfrauen mit der Hausarbeit beschäftigt, während ihre Männer arbeiteten oder vor dem Fernseher entspannten.

Ianto blieb stehen und schnappte nach Luft. Vielleicht war es Panik wegen dem bevorstehenden Treffen mit Rhiannon, aber er glaubte bereits jetzt, ersticken zu müssen. Dieses Leben hatte er nie gewollt und bisher auch umgangen. Mit Lisa wäre er irgendwann in eine nette Wohnung in der Stadt gezogen, mit zusätzlichen Zimmern für Kinder. Vielleicht sogar ein Haus in der Vorstadt. Bei Torchwood 1 wäre das gegangen. Torchwood 3 bot, schon allein wegen dem viel kleineren Team, nicht dieselben Möglichkeiten. Ianto fragte sich, wie lange Gwen bleiben würde oder Tosh. Wenn die beiden erst mal anfingen, über Kinder nachzudenken …

Die Tür zu Rhiannons Haus öffnete sich und Ianto trat unbewusst zwischen zwei parkende Autos, um nicht sofort gesehen zu werden. Er beobachtete, wie Rhiannon ihren Mann Johnny vorbei ließ und ihn auf die Wange küsste. Johnny nickte ihr zu und ging dann die Straße hinunter. Rhiannon sah ihm nach. Es ging ihr gut. Sie war da, Johnny war da und in dem kleinen Vorgarten lagen Spielsachen der Kinder, Davids Skateboard und Micas Fahrrad. Rhiannons Welt war in Ordnung. Ohne ihn und seine Probleme.

Sie verschwand im Haus und schloss die Tür. Ianto wandte sich ab und kehrte zu seinem Auto zurück.

***

Die Archive erstreckten sich über mehrere Räume auf einer der untersten Ebenen des Komplexes. Der größte der Räume – ein Saal, wenn man es genau nahm – enthielt Akten über alles und jeden, dem Torchwood je begegnet war. Kleinere Räume dienten als Aufbewahrungsorte für gefährlichere Artefakte und Technologien, für Waffen und in einem der hintersten, geschützt durch ein biometrisches Schloss, stand sogar ein kleines Raumschiff, das in den 20ern in der Nähe von Cardiff gelandet war. Iantos Arbeitsplatz war im Hauptarchiv, umgeben von Kisten mit unsortierten Akten. Die endlosen Regalreihen waren alphabetisch und chronologisch geordnet. Ianto hatte bisher sechs Regale durchgearbeitet. Jack wusste nicht genau, nach welchem Schema er vorging und für gewöhnlich interessierte es ihn auch nicht, da er Ianto freie Hand ließ.

Jetzt aber ging er die Regalreihen entlang und musste zugeben, dass er nicht wusste, wo er suchen sollte. Ianto hatte Kisten umgeräumt, von einer Ecke in die andere geschoben und geordnet, aufgestapelt und in die Regale geschoben oder um seinen Schreibtisch aufgetürmt. Nichts war mehr wie damals, im Jahr 2000, als Jack das letzte Mal nach der Akte von Matthew York gesucht hatte.

Er schob die Hände in die Hosentaschen und blieb stehen. Sein Headset knackte leise und dann hörte er Owens Stimme: “Jack. Dein Kaffee steht auf deinem Schreibtisch. Wenn er kalt wird, gehe ich garantiert nicht nochmal da raus.“

Jack lächelte. “Danke, Owen“, antwortete er. Er seufzte tief und ging mit schnellen Schritten zurück zur Tür. Ehe er das Licht ausschaltete, warf er einen letzten Blick in den großen Raum. Dann schloss er die Tür.

***

Jack saß an seinem Schreibtisch und telefonierte, als Ianto in seiner Bürotür stehen blieb. Er nickte Ianto zu und lächelte, bevor er ihn näher winkte und ihm einen Klebezettel gab. “Such mir die Akte raus, okay?“, sagte Jack leise und kehrte dann zu seinem Gespräch zurück. Da Jack nicht gesagt hatte, dass er die Akte dringend brauchte, arbeitete Ianto zunächst seine übliche Liste ab: Er versorgte das Team mit Kaffee, räumte auf und stellte fest, dass Owen die Fütterung der Weevils und Myfanwys übernommen hatte. Er dankte ihm mit einem verhaltenen Lächeln. Owen und er hatten nicht die beste Beziehung zueinander, aber sie arbeiteten daran – nur würde das keiner von ihnen jemals zugeben.

Auf Iantos Dank reagierte Owen mit einem Augenrollen. “Als hätte ich eine Wahl gehabt“, moserte er. “Die Viecher haben keine Ruhe gegeben. Und Myfanwy hat mir meine Donuts geklaut.“

Ianto ging ins Archiv hinunter und suchte nach der Akte, die Jack wollte. Die Signatur führte ihn zu den Mitarbeiterakten aus den Jahren 1910 bis 1940, die er vorerst in ihren Kisten zu den anderen gestellt hatte, bis er Zeit haben würde, sie durchzugehen. Die Akten der Torchwood-Agenten standen ganz unten auf seiner Prioritätenliste. Er beschäftigte sich im Augenblick noch mit Technologien und einem Verzeichnis der außerirdischen Rassen, denen sie begegneten. Das Archiv war riesig und schon ewig nicht mehr gewartet worden. Ianto würde Jahre brauchen, um es auf Vordermann zu bringen. Aber er tat es gerne. Ebenso versorgte er das Team gerne und es machte ihm nichts aus, die Basis aufzuräumen oder die Touristeninformation zu verwalten. Dinge zu strukturieren und zu ordnen gab ihm eine gewisse Sicherheit.

Er wischte Staub von den Deckeln der Kartons und hustete. Dann fand er den richtigen. “York“, murmelte er und nahm einen Stapel Akten aus dem Karton. Er fand die gesuchte innerhalb einer Minute. “Matthew York.“ Neugierig schlug er sie auf und warf einen Blick auf das alte Foto. Es war vergilbt, aber Matthew war noch gut darauf zu erkennen. Er war jung, laut seiner Akte war er mit 22 angestellt worden, dunkle Locken hingen in seine Stirn und helle, intelligente Augen blickten in die Kamera. Er lächelte nur schwach, schüchtern, aber er war Ianto sofort sympathisch. Ianto lächelte das Foto an und schloss die Akte. Er nahm die restlichen in die Hand und wollte sie in die Kiste zurücklegen, doch dann fiel ihm der Name auf der obersten Akte im Karton ins Auge.

Harkness

Ianto hielt inne.

Harkness, Jack, Captain

Ianto legte die Akten auf den Boden zurück und nahm den Ordner aus dem Karton. Er wirkte abgenutzt, als wäre oft darin geblättert worden. Er schlug die Akte auf und starrte den Mann an, der ihn vom Foto aus angrinste. Es war eindeutig Jack. Aber wie konnte das sein?

Die erste Seite wies ihn darauf hin, dass diese Akte übertragen worden war von einer, die im Jahr 1899 angelegt worden war. Ianto fand den entsprechenden Karton und darin die Akte.

Harkness, Jack, Captain

Ein Foto, das dem anderen beinahe zum Verwechseln ähnelte, aber der Hintergrund war ein anderer und Jacks Lächeln etwas gezwungener. Er war als freier Mitarbeiter geführt, als bedenklich eingestuft. In einem kurzen Bericht stand, dass er laut eigener Aussage aus der Zukunft gekommen sei, sich aber weigere, mehr dazu zu sagen. Ein handschriftlicher Vermerk am Seitenrand.

Verbindungen zum Doktor?

Ianto schluckte. Mit zitternden Händen zog er den Karton mit Akten aus den Jahren 1940 bis 1970 zu sich. Dann die Kiste 1970 bis 1990.

Harkness, Jack, Captain

Immer derselbe Mann.

“Das kann nicht sein“, murmelte Ianto.

Kapitel 10
Masterliste