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Phoenix aus der Asche

Worte: 4.176
Inhalt: Jack war das Element gewesen, dass sie und Ianto auseinander gehalten hatte. Nun war er das Element, das sie zusammen brachte.
Charaktere: Gwen Cooper, Ianto Jones, Jack Harkness, Owen Harper, Toshiko Sato
Pairing: Jack/Ianto, Gwen/Rhys (angedeutet), Jack/Gwen (unerwidert?)
Rating: R
Spoiler: Cyber Woman, Aus dunkler Vorzeit, Captain Jack Harkness, Das Ende aller Tage / Doctor Who: Utopia
Setting: während Das Ende aller Tage, nach Das Ende aller Tage
Warnungen: Sex, nicht so nette Ausdrücke
Anmerkungen: Geschrieben zuerst für meinen Prompt-Table auf 5_prompts  und den Prompt #1 – He's not coming back. Dann etwas umgeschrieben und auf den ficlet_las  Prompt Brand New Day gemünzt. Passt aber noch für beide.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prompt Table

***
***


Gwen räusperte sich, schluckte und blickte kurz zur Decke. Sie holte tief Luft, ließ sie langsam wieder entweichen und wiederholte diese Übung so lange, bis sie nicht mehr glaubte, vor Trauer schreien zu müssen. Als sie den Kopf wieder senkte, lag Jack noch immer leblos und kalkweiß auf der Bahre; die Hand, die sie in ihren hielt, kalt, als hätte sie niemals Leben enthalten. Als wäre er schon seit Jahrhunderten tot – und vielleicht stimmte das auch. Vielleicht war er nie wirklich unsterblich gewesen, sondern ein lebender Toter. Möglicherweise war er gestorben und nie wieder wirklich zum Leben erwacht, vielleicht war er die ganze Zeit in einem Fegefeuer gefangen gewesen – tot und doch nicht tot. Wie in den Bildern, die sie aus einem Buch ihrer Großmutter kannte.

Menschen, die im Fegefeuer verbrannten und schrien … die Teufel, die sie quälten … und sie konnte sich plötzlich lebhaft vorstellen, wie Jack in diesem Feuer stand und schrie und …

… sie schreckte hoch, schwer atmend und zitternd. Ihre schweißfeuchten Hände fanden die eiskalte Bahre und brachten sie in die Realität zurück. Ein Albtraum. Sie musste kurz eingenickt sein.

Gwen strich sich die langen Haare hinter die Ohren und nahm einen weiteren, tiefen Atemzug. Es war totenstill in der Basis und Gwen fragte sich, ob die anderen gegangen waren. Ihr Mund fühlte sich trocken an und ihr Rücken schmerzte von der Sitzposition auf dem unbequemen Hocker, aber sie wollte nicht aufstehen. Sie nahm nur die nötigsten Pausen. Manchmal saß Tosh bei ihr und versuchte, sie davon zu überzeugen, dass Jack tot war – dieses Mal ohne Wiederkehr. Aber Gwen wollte das nicht glauben und der verzweifelten Hoffnung in Toshs Augen nach zu urteilen wollte sie das ebenfalls nicht.

Owen setzte sich nie zu ihr. Er stand mit den Händen in den Hosentaschen oder verschränkten Armen da und starrte sie anklagend an, während er sie daran erinnerte, dass die Basis nach der Überladung des Rissmanipulators und der resultierenden Explosion in Ordnung gebracht werden müsste. Sie wusste das und sie fühlte sich etwas schuldig, weil sie die anderen mit dieser Aufgabe so allein ließ. Aber dann sagte Owen immer, dass Jack ohnehin nicht zurückkommen würde und das ließ sie nur umso mehr an ihrer Wache festhalten. Irgendjemand musste an Jack glauben. Und wenn es sonst niemand tun wollte, dann war es ihre Aufgabe.

Eine Bewegung in der Peripherie ließ sie den Kopf drehen und sie sah Ianto, der mit einer Flasche und einem in Plastik gewickelten Sandwich auf sie zukam. Er bewegte sich beinahe lautlos in seinem wie üblich perfekt sitzenden Anzug. Er sah sie nur kurz an, als er bei ihr stehen blieb, dann blickte er auf Jack hinunter und schluckte schwer. Tosh hatte Gwen bei ihrem letzten Besuch gesagt, dass sie sich Sorgen um Ianto mache, weil er so still sei. Gwen wusste nicht, warum Tosh besorgt war. Ianto war immer still. Auf der anderen Seite hatte Gwen ihn nie besonders gut verstanden oder sich sonderlich Mühe gegeben, das zu ändern, also konnte sie es eigentlich nicht beurteilen. Sie und Ianto arbeiteten zusammen, aber es war nicht viel mehr als das.

Jack war das Element, das sie und Ianto auseinander hielt.

Manchmal fühlte Gwen sich auf kindische Art angegriffen, wenn Jack Ianto seine Aufmerksamkeit zuwandte oder ihn anlächelte oder wenn sie eine Berührung austauschten, die offenbar niemand hätte sehen sollen und die Gwen wahrscheinlich nur aus einem einzigen Grund bemerkte: Sie hatte es weder Tosh noch Owen je erzählt, aber Gwen wusste, dass Jack und Ianto miteinander schliefen. Natürlich wussten Tosh und Owen es auch – sie vermuteten es zumindest. Owen hatte Gwen gleich in ihrer ersten Woche zu verstehen gegeben, dass Ianto von Jack engagiert worden war, weil er ein hübsches Gesicht hatte.

“Einen Archivar oder Sekretär brauchen wir hier nicht wirklich“, meinte Owen und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er sah zu Ianto, der an der Kaffeemaschine stand und so tat, als könne er Owens Worte nicht hören. Aber die Art, wie er die Stirn runzelte und die Lippen zusammenkniff, verriet Gwen, dass er ihn verstehen konnte. Owen schien das ebenfalls zu wissen, denn er behielt Iantos Reaktionen genau im Auge, als er hinzufügte: “Aber Ianto hat Jack offenbar von seinen anderen Qualitäten überzeugt.“

Gwen hatte bereits gemerkt, dass Ianto eine Außenseiterposition im Team hatte. Er kümmerte sich um alles und versorgte sie mit allem, was sie brauchten, aber er sprach nur wenig, wirkte höflich aber distanziert und wenn er nicht gebraucht wurde, verschwand er in den Tiefen der unterirdischen Basis und wurde oft stundenlang nicht gesehen. Wenn das Team abends in den Pub ging, dann begleitete Ianto sie nicht. Er wurde nicht mal gefragt. Gwen musste zugeben, dass sie eine Mitläuferin geworden war. Es war nicht ihre Art, Menschen auszugrenzen, aber dieser ganze Job war so immens überwältigend. Sie – PC Gwen Cooper – jagte Aliens. Deshalb hatte sie noch nicht die Nerven oder die Zeit gefunden, sich mit dem traurigen Ausdruck in Iantos Augen zu beschäftigen, der nur dann auftauchte, wenn er sich scheinbar unbeobachtet fühlte.

Ianto kam mit einem mit Kaffeetassen beladenen Tablett zu ihnen und reichte erst Gwen und Tosh je eine Tasse, bevor er Owen seinen Kaffee gab. Owen sah ihn herausfordernd an. Gwen kannte diese Miene aus ihrem vorherigen Job bei der Polizei. Jugendliche, die sich einen Spaß daraus machen wollten, Polizisten zu ärgern, trugen oft denselben Ausdruck auf dem Gesicht: Neugierig, wie weit sie gehen konnten, sich aber durchaus bewusst, dass sie dünnes Eis betraten.

Owen sagte: “Kaffee und Sex. Kein Wunder, dass er Jacks Liebling ist.“

Ianto wandte sich ab und ging mit der letzten Tasse zu Jacks Büro. Kaum war die Tür zugefallen, da fragte Tosh vorwurfsvoll: “Musst du dich so aufführen?“

Owen sah sie fragend an.

Tosh schüttelte fassungslos den Kopf. “Iantos Freundin ist vor ein paar Wochen gestorben. Er hat eine grausame Schlacht überlebt. Manchmal bist du ein richtiges Arschloch.“ Sie wandte sich ihren Bildschirmen zu und beschäftigte sich mit ihren Analysen.

Owens Gesichtsausdruck hatte sich verhärtet. “Mag sein, aber ich bin nicht derjenige, der sich mit Blowjobs Vorteile verschafft.“

“Du hast keine Beweise dafür“, meinte Tosh.

Owen schnaubte. “Die brauche ich nicht. Ich kenne Jack länger als du. Er springt alles an, was jung und willig ist. Glaub mir … die beiden haben Sex.“

“Selbst wenn“, sagte Tosh, “geht es uns nichts an.“


Gwen hatte Owen nicht so recht glauben wollen, aber nur ein paar Wochen später erhielt sie die Bestätigung. Nachdem herausgekommen war, dass Ianto ein falsches Spiel getrieben hatte. Nachdem das Cyberwesen, das er im Keller der Basis heimlich versteckt und aufgepäppelt hatte, beinahe die Basis eingenommen und sie alle fast getötet hatte. Nachdem Gwen sich während Iantos vierwöchiger Suspendierung unendliche Vorwürfe gemacht hatte: Wie hatten sie nicht merken können, dass Ianto so zerbrochen und einsam war? Er war wirklich der Überzeugung gewesen, diese Maschine wieder zu dem Menschen machen zu können, der sie mal gewesen war – Iantos Freundin Lisa, von der sie alle geglaubt hatten, sie sei tot. Nun war sie es wirklich. Durch die Hände des Teams, das Ianto immer wie einen Unsichtbaren behandelte.

Getrieben von ihrer eigenen Schuld hatte Gwen versucht, Ianto eine Freundin zu sein, aber er hatte jeden subtil abgewiesen, der in seine Nähe kommen wollte, und Jack hatte ihr bald geraten, ihm Zeit zu lassen. Gwen aber war der Überzeugung gewesen, dass Ianto sofort Hilfe und einen Freund brauchte. Also hatte sie eines Abends den Ersatzschlüssel für Iantos Wohnung aus der Basis geholt – sie alle hatten für den Notfall eine Kopie dort hinterlegt – und war zu ihm gefahren. Als weder auf ihr Klingeln, noch ihr Klopfen ein Antwort gekommen war, hatte sie aufgeschlossen.

Sie wollte gerade Iantos Namen rufen, da hörte sie ein Stöhnen, ein Flüstern und dann Ianto: “Ah … bitte ...“

Gwen wünschte, sie hätte ihre Waffe dabei, aber die lag nutzlos in der Basis. Wieder ein Stöhnen. Gwen war sich nicht sicher, was vorging, aber Jack hatte ihr beigebracht, immer das Schlimmste zu vermuten. Sie griff sich einen Stockregenschirm und versuchte, das absurde Bild aus ihren Gedanken zu vertreiben, das sie abgeben musste. Sie schlich mit erhobenem Schirm zu Iantos Schlafzimmer und öffnete die angelehnte Tür einen Spalt, dann weiter … und erstarrte.

Sie hatte einen Eindringling erwartet, der Ianto in seiner Gewalt hatte.

Stattdessen war es Jack.

Er drückte Ianto auf das Bett, nackt, ihn küssend, Iantos Stöhnen schluckend, sein schweißnasser Körper auf Ianto, um Ianto … in Ianto. Sie hatten Sex.

Gwen wandte sich ab. Es war nicht die Tatsache, dass Ianto Sex hatte, die sie schockierte, sondern die, dass er mit Jack Sex hatte. Dem Mann, dem er angedroht hatte, ihn sterben zu lassen sollte sich ihm die Gelegenheit bieten. Dem Mann, den er ein Monster genannt hatte, den er verraten hatte … und dann konzentrierten sich ihre Gedanken auf die Tatsache, dass Jack mit Ianto Sex hatte. Es überraschte Gwen etwas, wie sehr es wehtat. Da war etwas zwischen ihr und Jack. Es war aufregend und selbst nach all den Wochen, die sie bereits für Torchwood arbeitete, noch neu und unerforscht und irgendwie verboten. Ein Tanz auf der schmalen Linie zwischen Flirt und mehr. Während der Zeit in der Basis und auf Einsätzen dachte sie gerne daran, wie sie und Jack diese Linie übertreten könnten. Er schien immer so fokussiert auf sie, so offen für alles, so interessiert an mehr. Aber vielleicht täuschte sie sich auch, denn er flirtete auch mit anderen, nicht zuletzt Ianto, schenkte Tosh viel Aufmerksamkeit und lieferte sich mit Owen erhitzte Wortgefechte, die eine tiefe Zuneigung überspielen könnten.

Sie fragte sich, ob sie nur eine von vielen war – ob Ianto nur einer von vielen war – doch dieser Gedanke wurde von der Frage übertönt, warum Jack mit Ianto schlief. Ianto hatte ihn verraten und Jack hatte so hasserfüllt ihm gegenüber gewirkt.

Owens zynische Stimme schlich sich in ihren Kopf (“Kaffee und Sex. Kein Wunder, dass er Jacks Liebling ist.“) und Gwen verzog angeekelt das Gesicht. Doch dann schämte sie sich. Sie hatte Rhys. Rhys, der hinnahm, dass sie merkwürdige Arbeitszeiten hatte und dass sie ihm nichts über ihre Arbeit erzählen konnte.

Jack schrie leise auf und Ianto tat es ihm nach. Dann war es fast still. Nur noch ihr keuchender Atem und das Geräusch von Lippen, die keusch – erschöpft – aufeinander trafen. Gwen wurde sich bewusst, dass sie gehen musste. Sie eilte zurück in den Flur, zur Tür, hörte Schritte hinter sich und floh in die Küche. Die Badezimmertür schloss sich laut und Gwen stieß erleichtert die Luft aus.

Sie machte sich auf den Weg zur Tür und erschrak, als Jack plötzlich vor ihr stand, bis auf eine Unterhose nackt, und sie zurück in die Küche schob. Er schloss leise die Tür, bevor er sich zu ihr umdrehte. “Was zum Teufel tust du hier?“, fragte er flüsternd.

Im Bad begann die Dusche zu laufen.

Gwen bemühte sich, ihren Blick nicht auf Jacks Brust zu heften – athletisch, gebräunte Haut, noch immer feucht –, sondern sah ihm in die Augen. “Ich wollte nach Ianto sehen“, sagte sie leise.

“Das hast du.“ Er schüttelte den Kopf. “Du kannst froh sein, dass er dich nicht gesehen hat. Es wäre ihm unangenehm.“

“Gut“, antwortete Gwen giftig, “denn das würden wir nicht wollen.“

“Genau“, sagte Jack, “und er wird nie erfahren, dass du hier warst. Geh jetzt.“

Wut kochte in Gwen hoch. Wut angetrieben durch ein Gefühl, dass sie nicht nennen wollte: Eifersucht. “Er benutzt dich“, sagte sie, “um seinen Job zu behalten.“ Sie kam sich im nächsten Moment dumm vor. Jack sollte nicht den Eindruck erhalten, dass sie seinem Urteilsvermögen nicht vertraute.

Jacks Gesicht versteinerte. “Ianto und ich hatten ein paar intensive Gespräche in den letzten Tagen. Ich vertraue ihm.“

Sie fragte sich, ob dies derselbe Mann war, der den Feen ein kleines Mädchen geopfert hatte, der kompromisslos tat, was er für richtig hielt. Diese Wut in seinen Augen, in seiner Stimme, als Iantos Verrat entdeckt worden war … er hätte ihn erschießen können. Aber er hatte es nicht getan. Und wenn diese Entscheidung gefällt worden war, weil Jacks Schwanz die Oberhand gewonnen hatte, dann war das falsch.

Sie schüttelte den Kopf und schenkte ihm einen dunklen Blick. “Dein Risiko.“

“Genau“, zischte er. “Es ist mein Risiko.“ Er rieb sich die Stirn. “Jetzt geh. Ich will nicht, dass er dich sieht.“ Seine Augen fanden ihre. “Und erwähne es ihm gegenüber nicht, verstanden?“ Damit wandte sich ab. An der Küchentür jedoch blieb er noch einmal stehen und drehte sich zu Gwen um.“Ich bin unsterblich und das bedeutet, dass ich niemanden nah genug an mich heranlassen kann, um eine Beziehung einzugehen. Ich habe keine Zeit, mir anonyme One Night Stands zu suchen und ich ziehe es vor, mit jemandem zusammen zu sein, der sich tatsächlich für mich interessiert.“ Er zuckte mit den Schultern.“Vielleicht benutzt er mich, weil er einsam ist oder Lisas Tod verarbeitet, aber ich benutze ihn auch.“ Er ging ins Bad. Zu Ianto.

Gwen blieb in der Küche zurück.


Jetzt, neben Jacks totem Körper sitzend, bereute Gwen jeden subtilen bösen Blick Blick, den sie Ianto in den letzten Monaten zugeworfen hatte. Denn hier stand er, neben ihr, mit geröteten Augen und einem tapferen Lächeln, und bot ihr etwas zu essen an.

Gwen nahm das Sandwich und die Wasserflasche entgegen. “Danke.“

“Du solltest eine Pause machen“, sagte er leise und Gwen erinnerte sich, gehört zu haben, wie Owen dieselben Worte in den letzten Tagen immer wieder Ianto hinterher gerufen hatte. Sie jetzt hier zu hören, in der Gegenwart von Jacks Leiche … in der Gegenwart von Jack, machte sie nur wieder wütend, weil er sie vielleicht hören konnte und was würde er dann denken? Dass sie ihn einfach aufgaben, nach allem, was er für sie getan hatte. Es spielte keine Rolle, dass Jack unsterblich war – und Gwen musste daran glauben, dass sich daran nichts geändert hatte, er würde aufwachen –, er hatte sich für sie geopfert.

“Er kommt zurück. Er braucht nur etwas Zeit.“ Sie sah zu Ianto auf und vielleicht wollte sie, dass er wütend wurde, denn dann könnte sie ihre Wut, ihre Schuld – sie hatte Jack verraten wie alle anderen auch, getötet hatten sie ihn – endlich los werden. Also fragte sie: “Oder willst du, dass er wirklich tot ist?“ Sie hatte dieselben Worte Owen erst am Nachmittag entgegen geschleudert und Owen hatte mit einem wütenden “Fick dich doch“ geantwortet, bevor er gegangen war.

Aber Ianto wirkte nur, als hätte Gwen ihn geschlagen, seine Augen auf Jack gerichtet, die Hände tief in die Hosentaschen vergraben und so, so müde. “Nein.“ Er atmete tief durch. “Ich wollte dir vorschlagen, dass ich bei ihm bleibe, während du etwas Schlaf nachholst.“

Er wurde nicht wütend. Möglicherweise hatte er es sich selbst verboten, wütend über Beleidigungen zu werden und somit zu riskieren, doch noch seinen Job zu verlieren. Seit Lisas Tod hatte er nur ein Mal die Fassung verloren: Als er Owen angeschossen hatte. Und der Grund dafür war einfach – Loyalität Jack gegenüber. Was Owen sagte, war gleichgültig. Ianto hatte nicht auf ihn geschossen, weil Owen ein paar beleidigende Dinge gesagt hatte – die hörte Ianto seit Monaten von ihm –, sondern weil Owen entgegen Jacks striktem Verbot gehandelt hatte.

Ihr wurde bewusst, wie blind sie gewesen war. Ianto hatte einen Fehler gemacht. Und er wusste das. Und er hatte in den letzten Monaten nichts anderes getan, als versucht, ihn wieder gutzumachen. Und gleichgültig, wie oft er gegen Wände gelaufen war, er hatte es einfach weiter versucht. Ianto wollte diesen Job, aber er musste nicht mit Jack schlafen, um ihn zu behalten. Er war gut. Kaffee und Snacks standen immer bereit, wenn Gwen sie wollte, er recherchierte, wenn keiner es tun wollte und er kümmerte sich darum, dass die Basis nicht im Müll versank.

Eine von Iantos Händen verließ die schützende Hosentasche, zögerte, doch dann strichen die zitternden Finger durch Jacks Haare. Als würde er noch leben. Und Gwen verstand. Owen zweifelte an Jacks Rückkehr von den Toten. Tosh hoffte, dass er aufwachen würde. Aber Gwen und Ianto – sie glaubten daran.

Sie legte das Sandwich auf den kleinen Tisch neben ihrem Hocker und stellte die Flasche daneben. Dann befreite sie seine andere Hand aus der Tasche und zog ihn näher. “Setz dich zu mir“, sagte sie sanft, versöhnlich, und zog einen zweiten Hocker unter der Bahre hervor, den Tosh manchmal benutzte, wenn sie bei ihr war.

Iantos Blick glitt zum Hauptraum der Basis. “Ich muss noch so viel tun. Alles in Ordnung bringen ...“ Das für ihn blieb unausgesprochen, aber sie hörten es beide. Das hielt Ianto also davon ab, mit ihr Wache zu halten. Gwen hätte beinahe gelacht. Er blieb der perfekte Assistent, der alles für seinen Chef bereit machte und in Ordnung hielt. Und alles, was Tosh ihr erzählt hatte, um sie auf dem Laufenden zu halten, setzte sich plötzlich zu einem Bild zusammen. Ianto nahm die Telefonanrufe an und koordinierte die Aufräumarbeiten. Er versorgte das Team und kümmerte sich um eine Lüge für die Presse. Er erledigte Jacks Papierarbeit. Und während er alles tat, um Jacks Leben und Werk – Torchwood – vor dem Tod zu retten, tat Gwen alles, um Jack vor dem Tod zu retten … und sie ergänzten sich.

Sie waren eine Einheit.

Gwen streichelte nun ebenfalls durch Jacks Haare und fand Iantos kalte Hand zwischen den dunklen Strähnen. Sie verschränkte ihre Finger und sah zu ihm auf. “Er kommt zurück.“

Ianto presste die Lippen zusammen. Dann nickte er knapp. Gwen sah wieder auf Jack hinab. Auf ihre Hände, die neben seinem Kopf auf der kalten Bahre lagen.

Jack war das Element gewesen, dass sie und Ianto auseinander gehalten hatte.

Nun war er das Element, das sie zusammen brachte.

***

Jack wachte auf und dann verließ er sie. Das Team verbrachte die ersten Tage in der Stille, die nur die einhalten konnten, die schuldig waren. Jack war wieder auferstanden, er hatte ihnen gedankt und dann war er gegangen, während niemand hingesehen hatte. Möglicherweise nicht, weil sie ihm in den Rücken gefallen waren. Möglicherweise schon. Die Kameras hatten ihn aufgezeichnet, über den Roald Dahl Plass rennend und sich an eine blaue Telefonzelle klammernd, die einfach verschwand und ihn mitnahm. Er war freiwillig gegangen. Das Team machte weiter. Sie mussten.

***

Gwen schämte sich etwas, dass sie nicht sofort realisiert hatte, was Jacks Weggang für Ianto bedeuten musste. Eines Abends fand sie ihn an Jacks Schreibtisch sitzend und sich Tränen von den Wangen wischend.

“Ianto?“

Er schaute erschrocken zu ihr auf, doch im nächsten Moment schon hatte er seine Miene wieder unter Kontrolle und versteckte Ianto hinter dem professionellen Torchwood-Mitarbeiter. “Gwen.“ Er stand auf und zog seinen Anzug zurecht. “Ich dachte, alle wären längst gegangen. Was machst du so spät hier?“

“Ich habe mein Handy vergessen“, sagte sie und hielt es hoch, als wolle sie es beweisen.

“Oh.“ Er begann, Papiere auf dem Schreibtisch zu sortieren, die schon seit Tagen geordnet waren.

“Bist du okay?“, fragte Gwen zögernd.

“Sicher“, antwortete er mit einem kleinen Lächeln.

Gwen biss sich auf die Unterlippe. “Ianto ...“

Er sah sie an und seufzte tief. “Mir geht’s gut. Ich bin nur … erschöpft.“

“Ich weiß das von dir und Jack.“

Er erstarrte.

Sie fuhr fort: “Das war nicht nur ein Flirt. Ihr … wart ein Paar.“

Ianto lachte hilflos. “Wir waren kein Paar.“ Er sah zu ihr auf. “Das war nur … wir haben nur ab und zu ...“

“Oh!“, machte sie. Das ergab Sinn. Hätte sie die beiden nicht beim Sex gesehen, hätte sie nie sicher sein können, dass sie miteinander schliefen. Sie waren immer professionell während der Arbeit gewesen, sogar distanziert, nicht wirklich wie ein Paar. Der Kuss, den Jack Ianto nach seiner Auferstehung aufgedrückt hatte, war die erste öffentliche Geste in der Richtung, die die beiden gezeigt hatten.

“Ja“, sagte er mit einem kleinen, traurigen Lächeln und verließ Jacks Büro. “Lass uns nach Hause gehen. Sollte sich hier etwas tun, bekomme ich einen Alarm aufs Handy. Wir müssen nicht die ganze Nacht hier sein.“ Er schien zu bemerken, dass er Dinge erzählte, die Gwen längst wusste, und schwieg abrupt.

Gwen stoppte in der Tür zu Jacks Büro. Eine schwarze Reisetasche hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie stand neben Jacks Schreibtisch, unschuldig, als gehöre sie dort hin. Aber das tat sie nicht. Sie erinnerte sich an diese Tasche. Ianto hatte sie dabei gehabt, als das Team über Nacht in die Brecon Beacons gefahren war.

Sie räusperte sich. “Ianto?“

Er griff nach seinem Mantel und zog ihn an, scheinbar fest entschlossen, routiniert zu wirken. Aber etwas stimmte nicht. Als sie die Basis betreten hatte, waren die Lichter gedimmt gewesen – Nachtruhe. Ianto hatte nicht gearbeitet, nur in Jacks Büro gesessen und diese Tasche ...

“Ianto, schläfst du hier?“ Es war nur eine Vermutung. Die Art, wie Ianto in seiner Bewegung innehielt – für eine winzige Sekunde – beantwortete ihre Frage deutlicher als Worte es konnten. “Wo?“, wollte sie wissen. “Nicht die Couch, oder? Sie ist grauenhaft.“

“Jack hat ein Quartier unter seinem Büro.“

“Du schläfst in Jacks Bett“, sagte Gwen. Es war keine Frage, also antwortete Ianto nicht, sondern verließ die Basis.

Als sie die Oberfläche erreichten und ihnen die kalte Seeluft durch die Haare fuhr, nahm Gwen Iantos Arm und zog ihn zu der Balustrade, um aufs Meer zu schauen. Im sanften Licht der nächtlichen Stadt wirkte er älter als er war, die Ringe unter seinen Augen deutlicher zu sehen und die Trauer mit Schatten in seine Gesichtszüge geschnitten. Er stand steif neben ihr und sah sie nicht an. Sie konnte sehen, dass er am liebsten gehen würde, aber er war freundlich genug, ihrem Bedürfnis zu reden nachzukommen.

Gwen fragte: “Liebst du ihn?“

Ianto antwortete nicht. Er starrte auf das Meer hinaus und atmete tief.

Gwen drückte sich an seine Seite. “Ianto?“

“Was für eine Rolle spielt das? Er ist nicht mehr da. Er kommt nicht zurück.“ Seine Stimme war flach und leblos, der Funken Sarkasmus, der sonst immer in ihr mitschwang, erstickt.

“Es spielt eine Rolle für dich.“ Sie fügte in Gedanken hinzu: 'Für mich.' Die alte Wunde (Jack drückte Ianto auf das Bett, nackt, ihn küssend, Iantos Stöhnen schluckend, sein schweißnasser Körper auf Ianto, um Ianto … in Ianto) schmerzte noch immer. Sie fragte sich, wie es sein mochte, von Jack so berührt zu werden. Ob es ebenso außergewöhnlich war wie Jack selbst. Sollte Liebe im Spiel sein zwischen Jack und Ianto – gleichgültig, ob von Jacks Seite oder Iantos oder sogar von beiden Seiten – dann veränderte das alles. Dann war es keine Affäre, keine verzweifelte Suche nach etwas Gesellschaft, kein Chef, der sich mit seinem Assistenten vergnügte. Dann waren es Jack und Ianto. Und dann bedeutete es etwas. Dann bedeutete es vor allem, dass Gwen keine Chance bei Jack hatte, wenn er zurück kam.

Ianto flüsterte: “Ja.“

Gwen fragte sich, ob er es Jack je gesagt hatte, ob er es ihm zuflüsterte, wenn er kam. Und wie Jacks Antwort lautete.

Ianto drehte den Kopf, um sie anzusehen. “Aber das ist gleichgültig, weil Jack seinen Doktor gefunden hat.“

“Er wird zurück kommen.“

“Nein.“ Ianto schüttelte den Kopf. Gwen fühlte sich merkwürdig hoffnungslos ohne ihren Verbündeten. Er hatte mit ihr an Jacks Auferstehung geglaubt. Jetzt ließ er sie im Stich und das machte es endgültiger, wahrscheinlicher, dass Jack nicht zurückkehren würde.

Iantos Augen waren sanft. “Der Doktor … ist Jacks Rhys, seine Lisa. Nichts könnte ihn davon abbringen, bei ihm zu bleiben. Nichts außer dem Doktor selbst und er ist ...“ Ianto schüttelte den Kopf. “Wer würde Jack abweisen?“ Ein hilfloses Lächeln. “Wer sind wir gegen das Universum und die Möglichkeit, Zeit und Raum zu erkunden? Wir waren nie mehr als ein Zwischenhalt.“

Und tief in sich wusste Gwen, dass er recht hatte. Jacks Augen hatten immer geleuchtet, wenn er von seinem Doktor gesprochen hatte. Der unerreichbare Doktor, auf den er Jahrhunderte gewartet hatte. Nun war auch Jack unerreichbar. Sein Team hatte nicht die Möglichkeit, so lange zu warten wie er.

Sie verschränkte ihre Hand mit Iantos. “Dann kommen wir ohne ihn klar. Wir haben Owen und Tosh und uns beide. Wir fangen neu an. Gleich morgen. Tag 1.“

Sie wusste nicht, ob es ohne Jack ein Torchwood geben konnte, aber sie beschloss, nicht darüber nachzudenken. Ihnen blieb überhaupt nichts anderes übrig.

Sie lächelte Ianto aufmunternd an und drückte einen Kuss auf seine Wange. Er antwortete mit einem verhaltenen Grinsen, bevor er den Arm um ihre Schultern legte und sie an sich zog.

Jack war erst das Element gewesen, dass sie und Ianto auseinander gehalten hatte. Dann war er das Element geworden, das sie zusammen brachte.

Und nun lernten sie gemeinsam, ohne ihn zu leben.


ENDE
02/11

Wenn ihr diese (oder eine andere) Story als PDF haben möchtet, sende ich sie euch gerne. Schreibt mir einfach eine PM mit dem Titel der Story, der Sprache, in der ihr sie wollt und eurer E-Mail-Adresse und ich schicke sie euch. :)

Prompt Table
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Comments

( 4 comments — Leave a comment )
pechfeder
Feb. 7th, 2013 05:28 pm (UTC)
Mit dieser FF hast du mich übrigens von Gwen überzeugt :D
Es war eine der Ersten, die ich mit ihr wirklich in der "Hauptrolle" gelesen habe. Die meisten FFs richten sich ja irgendwie gegen sie und auch in der Serie war sie mir die meiste Zeit unsympatisch.
Aber mit dieser FF hast du mich wirklich, wirklich von ihr als Charakter überzeugt.
Sie ist gleichzeitig IC und dann wieder nicht, weil sie empatischer erscheint, einfühlsamer.
In der Serie kommt sie oft wie der egoistischste Charakter rüber, weil sie immer ihren Kopf durchsetzt und damit dann auch noch durch kommt.
Hier ist sie auf jeden Fall - Haha - menschlicher, was faszinierend ist und die FF zu etwas Besonderem macht.
Ich lese sie unglaublich gern :D

LG,
Federchen
jolinarjackson
Feb. 8th, 2013 08:55 am (UTC)
Danke. :)
Lustigerweise habe ich mich mit dieser FF selbst von Gwen überzeugt. Ich wollte etwas über sie und Ianto schreiben und der Prompt kam mir ganz recht. Ich finde, sie ist eigentlich ein guter Charakter, aber die Autoren haben sie teilweise sehr unsympathisch dargestellt.
pechfeder
Feb. 8th, 2013 09:58 am (UTC)
Gegen die Schauspielerin habe ich auch nichts und ich mag auch ihre Stimme, als sie In the Shadows vorgelesen hat. Aber wie du selbst schon sagtest ist ihr dargestellter Charakter oftmals sehr unsympatisch. In der Serie selbst hat sie mich erst ab CoE langsam überzeugt, als sie nicht mehr so an Jack geklettet hat und obwohl ich MD nur einmal gesehen habe und nie wieder sehen werde (ich finde es irgendwie lächerlich was die Autoren da verzapft haben) fand ich sie erst da richtig gut.
Ihre Familie ging ihr endlich vor und mal nicht Jack oder Torchwood. Ich denke, das "Mutter werden" hat da einiges getan :D

Um aber auf die FF zurück zu kommen, ich finde es toll, dass sie erst Eifersüchtig ist, als sie dass mit den Beiden rausfindet, Ianto dann böse Blicke zuwirft und ihm innerlich vorhält, dass er nicht wie sie Wache an Jacks Seite hält, sondern einfach weiter macht. Wie sie langsam erst das, was dahinter steckt, zu verstehen beginnt und vernünftige Schlüsse zieht und an diese dann anknüpft.
jolinarjackson
Feb. 9th, 2013 05:43 am (UTC)
Ich finde Gwens Charakter in den Episoden, in denen sie gut geschrieben ist, sehr menschlich. Wenn man bedenkt, dass Jack ihr nicht gerade eindeutige Zeichen gegeben hat, ist es schon verständlich, dass sie etwas in ihn verknallt war. Aber in anderen Episode wurde es zu extrem. Allgemein haben sich die Autoren manchmal nicht wirklich abgesprochen, glaube ich. Auch was Jack und Iantos Beziehung angeht.

Ich mochte MD eigentlich. Es war nicht so gut wie CoE, aber ich finde, dass CoE allgemein eine der besten Sci-Fi-Staffeln war, die es gibt und schwer zu übertreffen. MD hätte bereits enorm von weniger Episoden profitiert. Ansonsten fand ich das Thema sehr interessant. Was Torchwood sowohl in CoE als auch in MD gut dargestellt hat, war die Extreme, die die Menschheit bereit ist zu akzeptieren, um selbst gut und friedlich zu leben - selbst wenn das die Opferung anderer bedeutet.
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