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Torchwood: Die Schachtel (Fanfiction)

Die Schachtel

Worte: ~1.100
Inhalt: Jack hatte eine kleine Metallschachtel in seinem Quartier, verbeult und alt. In ihr befanden sich Fotos und Zeichnungen von Menschen, die er geliebt hatte.
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, Toshiko Sato
Pairing: Jack/Ianto
Rating: PG-13
Spoiler: Sie haben Suzie schon wieder getötet, Wundmale
Setting: nach Wundmale
Warnungen: Sad!Fic, Canon Character Deaths
Anmerkungen: Geschrieben für den prompttorchwood-Prompt #5 – Vergänglich.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

***
***


Ianto stand stoisch neben Jack, scheinbar ungerührt von der Kälte, mit einem versteinerten, neutralen Ausdruck auf dem blassen Gesicht. Der schwarze Anzug und die schwarze Krawatte komplettierten das Bild des perfekten Beerdigungsgastes.

Doch Jack wusste es besser. Er wusste, wie sehr Ianto litt; er wusste, dass Ianto schreien und weinen und zerstören wollte. Seine Hand verriet das alles, das leichte Zittern der Finger, die Jacks wie einen Schraubstock umklammert hielten. Er stand etwas zu nahe, um diese Geste als eine rein freundschaftliche abzutun. Doch das war egal. Beinahe alles war nun egal. Beinahe alles außer dem Loch im Boden und der Urne, die darin verschwand.

Jack hatte Tosh bereits vor langer Zeit eine Beerdigung versprochen, kurz nachdem sie bei Torchwood angefangen und dem Tod das erste Mal ins Auge geblickt hatte. Er hatte versprochen, dass sie nicht wie all die anderen Agenten in den Fächern enden würde, eingefroren – gefangen –, um für immer konserviert zu werden. Und nachdem Suzie zurückgekehrt war, hatte sie um einen weiteren Gefallen gebeten.

”Ich will nicht wieder zurückkommen”, sagte sie und ihre dunklen Augen waren ernst und voller Schmerz. ”Niemals, Jack. Versprich mir, dass du mich verbrennen lässt.”

Er hatte es versprochen.

(Viele Jahre später war Toshs Tod eine unsichtbare Narbe, die keine Spur auf Jacks Haut, wohl aber in seinen Erinnerungen hinterließ. Die Narbe gesellte sich zu vielen anderen: manche tief, andere nicht; manche hässliche Risse, andere beinahe schön; manche neu, andere bereits beinahe verblasst. Jack hatte viele Narben, das Resultat eines langen Lebens und zahlreicher Verluste. Manchmal fragte er sich, ob er irgendwann einen Punkt erreichen würde, an dem neue Narben keinen Platz mehr finden würden und ob er dann zusammenbrechen und innerlich sterben würde. Bis dahin waren die Narben jedoch stumme Zeugen von Jacks Trauer, die ihn nicht störten, bis jemand ihn an ihre Existenz erinnerte – dann schmerzten sie sehr und ließen ihn für viele Wochen nicht ruhen.)

Iantos Atem stockte, nur für eine Sekunde. Niemand außer Jack bemerkte es. Er zog Ianto näher, bot seine Schulter zum Anlehnen an. Es überraschte ihn nicht, als Ianto sich weigerte, angespannt und unbeweglich alleine stehenblieb. Jack wusste, dass Ianto es hasste, schwach zu erscheinen. Er würde später loslassen, wenn sie alleine waren, wenn Jack ebenfalls seine Trauer herauslassen würde. So gingen sie mit Traumata und Unglück und Angst um.

Sie bereiteten sich schweigend auf die Beerdigung vor. Bis Ianto sich plötzlich zu Jack umdrehte, mit einer Hand seine Krawatte richtend. ”Kannst du dich an die Menschen erinnern, die du vor 100 Jahren verloren hast?”

”Wie meinst du das?”, fragte Jack.

”Erinnerungen verblassen. Ich habe mich nur gefragt …” Ianto zögerte, räusperte sich und trat dann näher. “Da du unsterblich bist, verschwinden deine Erinnerungen an Menschen, die du mal geliebt hast irgendwann und werden durch Erinnerungen an die Menschen, die du jetzt liebst ersetzt?”

(Jack hatte eine kleine Metallschachtel in seinem Quartier, verbeult und alt. In ihr befanden sich Fotos und Zeichnungen von Menschen, die er geliebt hatte. Auf die Rückseite der Bilder hatte er ihre Namen geschrieben und die Dinge, die er an ihnen geliebt hatte, Erfahrungen, die sie geteilt hatten.

Auf der Rückseite von Owens Bild stand:
Owen Harper, Freund und Kollege. Loyal bis zum Ende.

Auf einem anderen stand: Toshiko Sato, meine Heldin.

Er wusste, es war nicht genug. Er würde Dinge hinzufügen, irgendwann, wenn die Trauer langsam verblasste und er sich an die schönen Zeiten erinnern konnte.)

Iantos Hände fuhren durch Jacks Haar, ordneten es zärtlich und dämpften den Schmerz, den seine Narben seit Tagen ausstrahlten. ”Sind Erinnerungen an uns in deinem langen Leben nicht vergänglich?”


Gwen sah ihn von der anderen Seite des kleinen Grabes an, ihre Augen gerötet und feucht, Rhys’ Arm um ihre Schultern. Die Schmerzen wurden schlimmer, als Jack daran dachte, dass er sie ebenfalls verlieren würde – sie und Ianto. Tränen stiegen ihm in die Augen, als ihm nicht das erste Mal auffiel, dass die Narben zwar schmerzten, er aber nicht mehr sagen konnte, was (wer) manche von ihnen verursacht hatte. Nicht ohne seine kleine Schachtel mit seinem Tinte-auf-Papier-Gedächtnis.

Ianto sah ernst aus, traurig und verständnisvoll. Und Jack liebte ihn, das tat er wirklich. Ianto war sein Fels, sein Geliebter, sein Freund und alles, was Jack von ihm brauchte, außer einer Sache – er wollte nicht, dass Ianto vergänglich war. Und doch war er es.

”Muss ich darauf antworten?”, fragte Jack.

Iantos Augen wichen seinen aus und er schüttelte den Kopf. Seine Finger spielten noch immer mit den Haaren in Jacks Nacken, als würde er eines nach dem anderen glattstreichen. Jack hatte Angst vor dem Tag, an dem er Iantos Bild in die Schachtel legen würde. Er fragte sich kurz, was er auf die Rückseite schreiben würde, aber lenkte sich rasch von der Frage ab. Er konnte Ianto nicht die Wahrheit sagen. Die Worte erstickten ihn. Dieser Tag war traurig genug. Gleichgültig, wie gefasst Ianto reagieren würde, Jack konnte ihm nicht sagen, dass, verglichen mit seinem unendlichen Leben, Ianto nur ein Aufflackern war. Nur zwei Jahre. Zwei Jahre in einer endlosen See von Dekaden und Jahrhunderten …

”Ist okay”, sagte Ianto und küsste ihn. Seine Lippen waren warm und öffneten sich sofort, als Jack den Kuss stürmisch erwiderte, das Verlangen spürte, Ianto näher zu ziehen und ihn atemlos zu küssen.


Sie standen lange am Grab, stumm. Als sie schließlich gingen, hatte es zu regnen begonnen und die Tropfen auf dem Schirm und ihre Füße auf dem Kiesweg erzeugten die einzigen Geräusche.

(Jacks Hände fanden die Metallschachtel viele Jahre später in seinem Schrank, als er ein neues Bild hineinlegen wollte. Er blätterte durch seine Erinnerungen, fand Rhys Williams und Gwen Cooper vereint auf einem Bild, die Farben verblasst, aber ihr Lächeln noch immer glücklich. Seine Narben begannen zu schmerzen, als er das Bild herumdrehte, um die Worte zu lesen.

Rhys war ein Freund und Gwen kannte mich zu gut.

Er las sich die Liste an Erinnerungen durch und lächelte traurig, als die Worte nur leer erschienen. Die Erinnerungen waren beinahe vollkommen verblasst, zerbrochene Fragmente eines lang vergangenen Lebens.

Da war ein weiteres Bild, die Farben ebenso verblasst und das Lächeln ebenso glücklich. Alte Jeans und ein dunkler Kapuzenpullover und weise Augen. Der stumpfe Schmerz wurde schlimmer, baute sich zu einem brennenden Pochen auf, das Tränen in Jacks Augen trieb. Er drehte das Bild um.


Ianto Jones: Er verstand mich.)



ENDE
11/12

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Comments

( 2 comments — Leave a comment )
momo_uli
Nov. 22nd, 2012 04:12 am (UTC)
So traurig, und so schön.
*Eine Träne wegblinzelt*
Liebe Grüße
momo
jolinarjackson
Nov. 22nd, 2012 10:12 am (UTC)
Danke. :)
( 2 comments — Leave a comment )