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Sherlock: Zum Besseren (Fanfiction)

Zum Besseren

Worte: ~1.600
Inhalt: "Willst du sie mal halten?", fragte John. Sherlock trat einen Schritt zurück, ballte seine Hände zu Fäusten … und fragte sich, warum er Angst hatte.
Charaktere: Sherlock Holmes, John Watson
Pairing: John/Mary (Hintergrund)
Rating: PG
Spoiler: The Sign Of Three
Setting: nach His Last Vow
Anmerkungen: Das hier begann mit einem Bild im Kopf. Den Rest habe ich drum herum gebaut.
Beta: tardisjournal, danke!
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Sherlock und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Komplette Fanfiction Masterlist

***
***


"Und da sind wir", sagte John, als er mit seiner Tochter im Arm auf Sherlock zu trat. Sherlock stieß sich von der Wand ab und schob die Hände in die Manteltaschen. Er war etwas nervös. Das ungewohnte Gefühl hatte sich in ihm breitgemacht, seit er Johns SMS vor einer halben Stunde bekommen hatte, mitten in einem nächtlichen Experiment, das der Frage nachging, wie Säure sich auf Fingernägel auswirkte.

Ich bin Vater. Kommst du ins Krankenhaus?

Nun, im grellen Licht des Krankenhausflurs, wirkte John etwas blass und sehr müde, aber er lächelte zufrieden. Er hielt seine Tochter im Arm, als hätte er nie etwas anderes getan. Sherlock blickte auf das kleine, rosafarbene Gesicht hinunter, das in die weiße Decke gekuschelt lag, in die sie gewickelt war. Ihre Augen waren geschlossen, ihre weichen Gesichtszüge entspannt, ihre Nase zuckte ab und zu, ihr Lippen waren gespitzt.

Sie war das hübscheste kleine Ding, das er je gesehen hatte.

John sprach gerade laut genug, um gehört zu werden. "Das ist Sherlock", flüsterte er und strich mit dem Zeigefinger über die Wange seiner Tochter. Die blauen Augen öffneten sich – langsam, als wäre sie nicht ganz sicher, ob Sherlock der Mühe wert sei.

"Habt ihr einen Namen?", fragte Sherlock.

"Noch nicht ganz."

Sie gab ein leises Geräusch von sich, ein kurzes Seufzen, bevor sie eine ihrer Hände in die Höhe streckte.

"Sieh dir das an", sagte John und lächelte zu ihm hoch. "Sie mag dich."

Sherlock war versucht, die Bemerkung als albern zu bezeichnen. Sie war kaum drei Stunden alt und wohl kaum in der Lage, irgendeine Art Zuneigung zu empfinden, die über die instinktive Liebe für die Eltern hinausging. Stattdessen sagte er: "Sie verfügt also über Menschenkenntnis."

Er behielt seine Hände in den Manteltaschen, obwohl ein Teil von ihm sie berühren und seine Finger durch das weiche blonde Haar kämmen wollte, um sicher zu gehen, dass diese kleine Person real und gesund war und … Sherlock schluckte und schloss einen Moment lang fest die Augen. Wie merkwürdig es doch war, so viel für jemanden zu empfinden, den er gerade erst kennengelernt hatte. Seine Verbindung zu John – die tiefste, die er bisher empfunden hatte – war ebenso rasch gewachsen, aber nicht von Beginn an so tief gewesen. Es war beinahe unheimlich, wie sehr er sich über sie lehnen wollte, näher an John heran, um sie zu beschützen.

"Willst du sie mal halten?", fragte John.

Sherlock trat einen Schritt zurück, ballte seine Hände zu Fäusten … und fragte sich, warum er Angst hatte.

John lachte leise. "Schon okay", sagte er dann und trat wieder näher. "Nimm sie einfach vorsichtig. So wie ich sie jetzt halte, siehst du?"

Sherlock runzelte die Stirn, aber er hob langsam die Hände, ließ zu, dass John sein Kind in seine Arme legte.

"Genau so", sagte John leise. "Gut." Er zupfte an der Decke herum, bis sie so um das Baby lag, wie er es wollte, dann grinste er zu Sherlock hoch. "Sei nicht so nervös. Sie wird nicht explodieren."

Sherlock verzog das Gesicht, ging etwas in die Knie, um sie beruhigend zu wiegen. Allerdings fühlte er sich dabei so unwohl, dass er rasch wieder still stand. John beobachtete ihn mit einem amüsierten Lächeln und etwas beschämt meinte Sherlock: "Ihr solltet euch endlich für einen Namen entscheiden."

Er versuchte, etwas zu entspannen, aber es war schwer. Sie zu halten fühlte sich merkwürdig an, neu und auch etwas Furcht einflößend. Sie starrte ihn an, ihre Augen schienen seine Gesichtszüge nach zu fahren. Sherlock bewegte seine Arme etwas, fragte sich, ob er sie zu fest hielt oder sie zu eng an sich drückte oder ob sie bequemer läge, wenn er seine Hände anders hielte. Vielleicht, wenn er seine rechte Hand etwas höher schob und die linke …

"Du machst das großartig", sagte John ruhig. Seine Finger fuhren durch die Haare seiner Tochter. "Ich gehe nur kurz zu Mary und sehe, ob sie noch irgendetwas braucht, okay?"

"Aber du nimmst sie mit, oder?", fragte Sherlock.

"Sie fühlt sich doch gerade wohl bei dir. Lass sie einfach nicht fallen." John zwinkerte ihm zu und wandte sich ab.

Sherlock schüttelte den Kopf. "John-"

"Ist doch alles in Ordnung. Du bist ihr Onkel, Sherlock, lern sie etwas kennen. Ich bin doch in fünf Minuten wieder da und auch nur ein paar Türen entfernt, also kein Grund zur Sorge." Damit machte er sich auf den Weg zu Marys Zimmer.

Sherlock sah ihm nach, bis die Tür sich schloss und seufzte, dann blickte er zurück auf das Baby in seinen Armen. Sie musterte ihn noch immer skeptisch.

”Also ...”, sagte er und biss sich auf die Lippe, suchte nach Worten. Sie verstand noch nichts, aber es schien trotzdem enorm wichtig, etwas Bedeutendes zu sagen. Zumindest jetzt. Während ihrem ersten Treffen.

Sie gähnte und eine winzige Hand streckte sich nach oben, formte die kleinste Faust, die Sherlock je gesehen hatte. Ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein, fuhr er mit einem Finger über die weiche Haut ihrer Hand. Sie seufzte tief, ihre Nase zuckte.

”Du bist zu früh”, entschied Sherlock sich schließlich. ”Der errechnete Geburtstermin ist noch etwas hin. John hat das scheinbar ziemlich mitgenommen. Ich wäre nicht überrascht, wenn es deiner Mutter jetzt besser ginge als ihm.”

Ihre Nase zuckte wieder, als müsse sie niesen, und dann öffnete sich ihre Faust und ihre Handfläche drückte sich gegen Sherlocks. Er schloss sanft seine Finger darum. Sie starrte ihn an, als wäre er ein Rätsel, das sie lösen wollte, ein kleines Stirnrunzeln auf ihrem Gesicht und ihre blauen Augen konzentriert. Er konnte nicht anders, als die Farbe ihrer Iris irgendwo zwischen Marys und Johns anzusiedeln, obwohl sein wissenschaftlicher Geist darüber lachte. Er wusste eigentlich, dass sich Augenfarbe erst später entwickelte und dass sie ihn wahrscheinlich nicht mal richtig sehen konnte. Vermutlich war er nur ein verschwommener Schatten, der über ihr aufragte … aber Rationalität war ihm dieses Mal gleichgültig, denn sie lag sicher in seinen Armen und sie weinte nicht oder fühlte sich unbehaglich oder eines der anderen Dinge, vor denen er sich im Geheimen gefürchtet hatte.

Es war so wichtig, mit ihr zurecht zu kommen. Sie war die bedeutendste Person in Johns Leben und das machte sie zur eine der wichtigsten in Sherlocks. Er hatte sich dementsprechend vorbereitet: Ein Kinderzimmer in seinem Erinnerungspalast gebaut und es mit Wissen gefüllt; Dinge gekauft, die während Besuchen in seiner Wohnung gebraucht werden würden; eine Tabelle erstellt, auf der er all die Dinge vermerkt hatte, die er in den nächsten sechs Jahren für sie würde besorgen müssen.

Doch letztlich hatte ihn nichts davon – die Bücher oder das wiederholte Auf- und Abbauen des Reisebetts oder die Vorräte an Windeln im Badezimmer – auf das hier vorbereitet: Sie zu halten und mit ihr zu sprechen und mit ruhigem Vertrauen und Akzeptanz betrachtet zu werden.

Sie gähnte wieder und ihr entkam ein leises, müdes Geräusch. Dann drehte sie den Kopf und grub ihr Gesicht in Sherlocks Brustkorb, in seinen Mantel. Sherlock bewegte vorsichtig seinen Arm, legte die Hand auf ihren Hinterkopf. Blondes Haar kitzelte seine Fingerspitzen.

Sie schlief zufrieden in Sherlocks Armen ein.

Bedingungsloses Vertrauen.

Außerhalb seine Familie hatte ihm das noch nie jemand entgegen gebracht. Sogar John hatte etwas Zeit gebraucht, um sich an ihn zu gewöhnen und war dann zu einer Hilfe geworden, hatte andere sehen lassen, dass Sherlock Respekt und Freundschaft verdiente. Sherlock verließ sich da gerne auf John.

Doch bei dieser kleinen Person brauchte er John nicht. Er konnte ihr alles geben, was sie brauchte und er fühlte sich deshalb wie der größte und beste Mann auf der Welt. Er entspannte sich etwas und lehnte sich an die Wand zurück, kreuzte die Beine an den Knöcheln.

Er war so davon abgelenkt, das Baby zu beobachten, dass er John erst hörte, als dieser leise fragte: ”Schläft sie?”

Sherlock warf ihm einen besorgten Blick zu und antwortete: ”Das solltest du auch.”

”Ich kann nicht. Ich bin zu aufgeregt.” Er starrte seine Tochter an und Sherlock konnte sich nicht einmal vorstellen, was John für sie empfinden musste. Seine eigenen Gefühle waren bereits so stark. Er wollte sie an John geben, aber der schüttelte den Kopf. ”Sie scheint es bequem zu haben.”

”Ist Mary okay?”

”Sie schläft. Total fertig.” Er starrte noch immer seine Tochter an und trat dann näher, um ihre Schläfe zu küssen.

”Sie ist wunderschön, John”, sagte Sherlock. ”Ich weiß, es gehört zu den sozialen Konventionen, das zu sagen, aber ich meine es ernst. Sie ist unglaublich.”

”Wenn du das sagst, ist es ein großes Kompliment.”

”Ich bin nur ehrlich.”

”Ich weiß. Danke, Sherlock.”

"Du kannst ruhig gehen", sagte Sherlock. "Ich bin sicher, du musst ein paar Anrufe machen." Er sah zu dem Baby hinunter. "Ich schaffe das noch ein paar Minuten."

John lächelte warm. "Ja." Er schüttelte den Kopf. "Aber ich möchte gerade nicht. Ich … brauche noch einen Moment." Er lehnte sich neben Sherlock an die Wand, sodass ihre Schultern sich berührten, und sah auf seine Tochter hinunter. Und Sherlock wusste, dass John dies wahrscheinlich bereits nach der Geburt mit Mary gemacht hatte – sie einfach nur angeblickt –, aber es bedeutete ihm alles, dass sie es jetzt noch einmal taten. Nur sie beide und die neue Person in ihrem Leben.

John holte tief Luft. "Es ändert nichts, das weißt du doch, oder? Zwischen uns, meine ich."

Da er wusste, dass John mit diesem Kommentar nur helfen wollte, dass er Sherlock nur versichern wollte, dass trotz seiner neu geordneten Prioritäten Sherlock noch immer mit an oberster Stelle stand, schnaubte er. "Das ist naiv. Es ändert alles."

Er sollte es nicht willkommen heißen. Er mochte es, wenn die Menschen um ihn herum sich nicht veränderten und dort blieben, wo er sie erwartete. Zuerst war Marys Präsenz schwierig für ihn gewesen. Johns abgelenkte Blicke auf sein Handy, die schnellen Anrufe, die SMS während Taxifahrten … doch inzwischen war alles Alltag. Und auch mit diese Veränderung würde es so sein.

Sherlock lächelte. "Es wendet alles zum besseren."


ENDE
03/14

Komplette Fanfiction Masterlist


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