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Torchwood: Splitter (Fanfiction)

Splitter

Worte: 4.312
Inhalt: Manchmal fühlt Jack sich wie ein Splitter oder ein Echo seines früheren Lebens und das Warten wird zu lang.
Charaktere: Jack Harkness, Ianto Jones, OC
Pairing: Jack/Ianto
Rating: R
Spoiler: Die Gestrandeten
Setting: nach Die Gestrandeten
Warnungen: Kraftausdrücke, eine Szene, die Dub-con überschreitet und etwas in den Non-con-Bereich rutscht
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Beta: Vistin – immer kritisch, äußerst selten im Unrecht. ;) Danke. alt_universe_me , die mich dazu gebracht hat, noch einmal über das Ende nachzudenken.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Torchwood und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

***
***


Manchmal war Jack ein anderer Mensch.

Nicht der flirtende Draufgänger oder besorgte Anführer oder zuverlässige Freund, sondern ein Spiegelbild all der schlechten und schmerzvollen Tage, die er erlebt hatte.

Dann spürte er die Splitter des Mannes, der für Geld betrogen, gekämpft, gefoltert und getötet hatte, mit schmerzenden Stichen in sich. Die Frustration über seine Unsterblichkeit, darüber diesem Schmerz nie entrinnen zu können, suchte ihn dann heim.

Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er diesen Schmerz in Alkohol und Sex ertränkt. Doch seit er das Kommando und die Verantwortung für vier junge Menschen übernommen hatte, war es ihm gelungen, die Finsternis tief in sich einzusperren und sich nur auf sein Team zu konzentrieren.

Lange war ihm das gelungen. So lange, dass er beinahe selbst geglaubt hatte, er könnte mit den Narben leben, die seine Vergangenheit zurückgelassen hatte. Lange genug, um seinen Platz auf der Erde, zumindest vorerst, zu akzeptieren. Der Tod von John Ellis hatte jedoch alles zerstört. Er hatte ihm gezeigt, dass auch er nicht hierher gehörte, dass nichts hier sein eigen war, da es nicht seine Welt, nicht seine Zeit oder sein Volk war, mit dem er lebte. Die Frustration und Verzweiflung waren zurück gekehrt, stärker denn je, und wurden durch die Anwesenheit seines allzu sterblichen Teams nur noch schlimmer.

Wenn Jack zurückrechnete, wie lange er bereits ein Leben ohne Ziel führte, nur wartete, wurde die Frustration zur Wut. Die Frage, ob der Doktor Cardiff vielleicht absichtlich mied, weil er wusste, dass Jack hier war, ließ ihn nicht los. Er wartete schon zu lange. Solange der Doktor ihm keine Antworten geben konnte, würde Jack keine Ruhe finden. Solange er nicht selbst wusste, wer er war – was er war – konnte er sich niemandem ganz hingeben, denn niemand konnte ihn verstehen, wenn er es nicht mal selbst tat. An dieser Unsicherheit und an der Sehnsucht nach Antworten, die ihm kein Mensch auf diesem Planeten geben konnte, waren seine Ehen gescheitert und seine Beziehungen zerbrochen. Sogar seine Freundschaften hatten darunter gelitten, sodass er sich inzwischen weigerte, jemanden so nah an sich heran zu lassen, dass er Jacks hässliche Seiten sehen konnte.

Er starrte in das Dämmerlicht seines Büros und versuchte zu ignorieren, dass Gwens und Iantos Schatten auffällig oft durch die Spalten seiner heruntergezogenen Jalousien zu sehen waren. Das Team schien zu spüren, dass Jack eine seiner depressiven Phasen hatte. Sie ließen ihn in Ruhe und er versuchte sich davon zu überzeugen, dass ihm das recht war. Jack ballte die Hände zu Fäusten und wünschte sich, dass eine Armee von Weevils über Cardiff herfallen würde, nur damit er diese Wut in etwas nützliches umwandeln konnte. Doch wenn man die Kreaturen mal brauchte, waren sie friedlich. Wenn man den Riss mal brauchte, rührte er sich nicht.

Die Tür öffnete sich und Jack quittierte Iantos Eintreten mit einem fragend irritierten Blick.

"Mittagessen?", fragte Ianto und hielt eine Pizzaschachtel hoch.

Jack wandte den Blick ab. "Nein."

Ianto schloss die Tür und stellte die Pizza auf den Schreibtisch.

"Du hast nicht gefrühstückt."

Der Geruch von Salami erfüllte langsam das Büro. Jack beobachtete Ianto, während der Archivar ein paar Akten zusammen suchte, die Jack am Vortag durchgearbeitet hatte, und sie sich unter den Arm klemmte. Dann legte Ianto ihm drei Formulare vor.

"Deine Unterschrift, bitte."

Widerwillig griff Jack nach einem Kugelschreiber und setzte seine Signatur unter die Formulare. Ianto nickte ihm zu.

"Wir müssen auch noch das Budget beim Premierminister-"

"Ianto!", unterbrach Jack ihn harsch.

Ianto blickte ihn ruhig an.

"Sir?"

"Morgen."

"Nein. Du schiebst die Sache schon seit einer Woche vor dir her. Ich musste schon meine Überredungskünste einsetzen, um Mildred davon zu überzeugen, dass wir bis heute Zeit bekommen. Mitternacht, Jack."

Unwillig drückte Jack seine Fäuste auf den Schreibtisch.

"Mach du es."

"Das kann ich nicht. Es gibt Teile des Budgets, in die ich keine Einsicht habe. Ich brauche dich dafür."

Jack kniff die Lippen zusammen und drehte den Stuhl weg, sodass er Ianto den Rücken zuwandte. Ianto seufzte nachsichtig.

"Ich gebe dir den Nachmittag, okay? Und bleibe länger, damit wir-"

"Du gehst heute Abend." Jacks Stimme war schneidend und entschieden.

"Aber, Jack-"

"Ich will dich heute Abend hier nicht sehen, Ianto. Weder für das Budget, noch für sonst irgendetwas. Ich brauche dich heute nicht mehr." Jack wusste, dass die Worte unangebracht grob waren. Die Stille war nur eine Bestätigung dafür. Aber er wusste auch, dass Ianto es hinnehmen würde, der perfekte Assistent.

Er behielt recht, denn Ianto räusperte sich nach einer Weile lediglich und sagte förmlich: "Wir müssen das Budget heute einreichen, Sir. Mitternacht."

Jack weigerte sich noch immer, ihn anzusehen. Iantos Schritte entfernten sich Richtung Tür.

"Ianto", sagte er harsch, "nimm die verdammte Pizza mit." Jack hörte, wie Ianto gehorchte und dann die Tür schloss.

***

Ianto dachte sich eine Lüge aus und verbrachte die erste halbe Stunde seines Feierabends damit, die Sekretärin des Premierministers davon zu überzeugen, dass sie einen Tag länger Zeit brauchten. Mildred seufzte genervt.

"Ianto, das ist der absolut letzte Aufschub, den ich euch geben kann."

"Du bist ein Engel", sagte er und lehnte sich gegen seinen Kühlschrank. "Wir hatten heute so viel zu tun. Die ganze letzte Woche war die Hölle."

"Hm", machte Mildred, nicht überzeugt. "Sag deinem Captain, dass Papierarbeit nun mal erledigt werden muss. Torchwood ist eine staatlich finanzierte Einrichtung und auch ihr müsst euch an gewisse Regeln halten."

"Ich sage es ihm."

"Nicht, dass es viel bringen würde", murmelte Mildred. "Er hat Glück, dass er so gut aussieht."

Ianto lachte.

"Ich richte es ihm aus."

"Morgen um Mitternacht, Ianto." Damit legte sie auf.

Ianto seufzte tief. Er ging zum Herd und starrte einen Moment lustlos in den Topf Suppe, der langsam wärmer wurde. Er schüttelte den Kopf, plötzlich nicht mehr hungrig, stellte den Herd ab und verließ die Küche.

Auf dem Wohnzimmertisch stapelten sich Akten. Ianto setzte sich auf den Boden, den Rücken gegen die Couch gelehnt und begann damit sich durch einige Berechnungen zu kämpfen. Er wollte so viel wie möglich erledigen, damit Jack am nächsten Morgen nur noch seinen Teil der Arbeit hinzufügen musste. Natürlich nur vorausgesetzt, Jack würde morgen kooperativer sein als heute.

Verärgert versuchte Ianto sich auf die Arbeit zu konzentrieren, aber ihm ging Jacks Verhalten nicht aus dem Kopf. Schon am Morgen war klar gewesen, dass Jack an diesem Tag schwierig werden würde. Seine schlechte Stimmung schlug sich in der gesamten Basis nieder und vergiftete die Luft. Spätestens nachdem Jack Owen angefahren hatte, nur weil Owen ihn zum gemeinsamen Frühstück eingeladen hatte, hielt sich das gesamte Team von dem Captain fern.

Glücklicherweise verhielt sich der Riss ruhig. Owen, Tosh und Gwen waren so früh wie möglich gegangen. Ianto war etwas länger geblieben, in der Hoffnung, dass Jack seine Meinung das Budget betreffend ändern würde, aber irgendwann hatte auch er aufgegeben und die Basis ohne ein Wort des Abschieds verlassen.

Das Problem war nicht, dass Jack schlechte Laune hatte, das Problem war, dass Ianto nicht wusste wieso. Sie alle hatten schlechte Tage, aber immer wusste mindestens einer des Teams früher oder später woran es lag. Nur Jack war unberechenbar in diesen Dingen.

Gestern noch war alles in Ordnung gewesen. Sie hatten einen anstrengenden Tag gehabt, aber Jack hatte sie alle mit einem Lächeln und ein paar Scherzen beim Abendessen aufgemuntert, bevor Owen, Tosh und Gwen gegangen waren und Ianto noch bei Jack geblieben war. Anschließend war er aber nach Hause gefahren.

Er fragte sich, ob er hätte bleiben sollen. In diesen paar Stunden war etwas mit Jack passiert. Vielleicht war es auch nur die Tatsache gewesen, dass Jack das erste Mal seit einer Woche allein in der Basis geblieben war. Ianto hatte die letzten sechs Nächte bei Jack verbracht. Seit John Ellis Tod. Vielleicht hätte er ihn wirklich noch nicht alleine lassen dürfen. Ianto hatte gesehen, wie sehr Johns Tod Jack getroffen hatte.

Er zuckte zusammen, als es klingelte. Stirnrunzelnd sah er auf die Uhr. Zu spät für Besuch - erst recht, wenn man bedachte, dass Ianto nie Besuch bekam. Seine Wohnung war ein sicherer Hafen, in dem er sich vor dem Rest der Welt abschotten konnte. Nicht einmal Tosh war bisher hier gewesen – nicht mal Jack.

Es klopfte laut und klingelte wieder und Ianto stand genervt auf.

Er hatte kaum die Tür geöffnet, da betrat Jack auch schon die Wohnung.

"Sir?", fragte Ianto und Jack drehte sich zu ihm um.

"Ianto", antwortete er. Ianto schloss die Tür und verschränkte die Arme. Er fühlte sich in seinem T-Shirt und der Jogginghose merkwürdig entblößt gegenüber Jack, der seinen Mantel sogar zugeknöpft hatte.

"Kalt draußen", sagte der Captain und grinste kurz. Es wirkte aufgesetzt. Eine Hand öffnete die Knöpfe seines Mantels, während Jacks Augen den kleinen Flur und den Teil des Wohnzimmers, den er durch die geöffnete Tür sehen konnte, absuchten. Dann starrte er wieder Ianto an und zeigte ein weiteres, falsches Grinsen, bevor er ihn plötzlich gegen die Wand drängte und küsste. Ianto gab einen überraschten Laut von sich und legte automatisch die Hände auf Jacks Schultern. Jack vertiefte den Kuss und stolperte einen Schritt zur Seite, als er das Gleichgewicht verlor. Er brach den Kuss nicht, sondern lachte leise gegen Iantos Lippen. Ianto realisierte, dass Jack getrunken haben musste, mehr als üblich. Eine von Jacks Händen grub sich in Iantos Haare und die andere legte sich auf seine Hüfte. Er zog ihn näher, dann drückte er ihn mit seinem ganzen Körper gegen die Wand.

Ianto spürte, dass er hart war. Jack schob seinen Oberschenkel zwischen Iantos Beine und drückte ihn gegen Iantos Schoß. Seine Hand glitt von Iantos Hüfte zu seinem Rücken und schob sich in Iantos Hose, legte sich auf seinen Hintern.

“Du könntest mich aufwärmen“, flüsterte Jack. Seine andere Hand glitt unter Iantos T-Shirt – Ianto zuckte zusammen, als sich kalte Haut gegen seine drückte – und Fingernägel gruben sich in Iantos Brust. Jack küsste ihn wieder, fordernd und tief.

Ianto fiel es schwer, Luft zu holen, denn Jack drückte ihn noch immer gegen die Wand und ließ nicht von seinen Lippen ab. Ianto drehte den Kopf zur Seite.

“Jack, lass das“, keuchte er atemlos. Der Captain schüttelte den Kopf und fing Iantos Mund für einen neuen Kuss ein. Ianto lachte kurz, ehe er sich daran erinnerte, dass er noch wütend sein sollte. Er schob Jack von sich, jedoch ohne wirklichen Nachdruck, auf das der andere Mann sofort wieder an ihn gepresst war und seine Halsbeuge küsste.

“Jack“, lächelte Ianto. “Vergiss es. Ohne eine Entschuldigung läuft hier gar nichts.“ Er meinte es nicht wirklich ernst und Jack schien das zu wissen, denn er machte Anstalten, Ianto das T-Shirt auszuziehen. Ianto umfasste Jacks Gesicht und drückte einen kurzen Kuss auf seine Lippen.

“Du bist unmöglich“, sagte er und Jack hielt inne. Er blickte zu Ianto auf und der junge Mann hätte einen Schritt zurück gemacht, wenn er nicht bereits an die Wand gelehnt gestanden hätte. Jacks Augen glänzten fiebrig, ungeduldig und wütend. Sie hatten nichts von dem ansonsten so fröhlichen, neckenden, leidenschaftlichen oder zumindest freundlichen Funken in sich, den Ianto kannte, seit sie miteinander schliefen. Plötzlich hatte das Grinsen, das Jack ihm nach seinem Eintreten geschenkt hatte, etwas mechanisches und all seine Bewegungen etwas unpersönliches und kaltes. Und Kälte war etwas, das Ianto im Schlafzimmer nie mit Jack assoziieren könnte, völlig gleichgültig, wie anstrengend der Tag gewesen war, wie müde oder genervt Jack war. Etwas stimmte nicht.

“Jack?“

Die Hände des anderen Mannes zogen wieder an Iantos T-Shirt, Iantos Worte komplett ignorierend, und Ianto wurde bewusst, dass Jack ihn gar nicht als Person wahrnehmen wollte. Und das war nicht der Mann, den Ianto kannte, sondern ein völlig Fremder. Aus einem Spiel wurde allmählich etwas Beängstigendes. Ianto zog das T-Shirt hastig wieder herunter und Jack stieß ein ungeduldiges Knurren aus. Ianto schüttelte den Kopf.

“Jack, warte. So einfach geht das nicht.“

Jack brachte ihn mit einem weiteren – beinahe schmerzhaften – Kuss zum Schweigen und griff nach Iantos Hosenbund. Ianto drehte nun nicht nur das Gesicht, sondern auch seinen Körper weg. Jack folgte ihm und drückte ihn wieder an die Wand.

“Hab dich nicht so.“

Seine Hände lagen um Iantos Hüfte und der Griff wurde beinahe schmerzhaft fest, die Finger gruben sich in Iantos Haut. Ianto runzelte die Stirn, schob gegen Jacks Brust. Die Kontrolle über die Situation rann ihm wie Sand durch die Finger und etwas Kaltes legte sich in Iantos Nacken. Jack war ein aufmerksamer Liebhaber. Es kam vor, dass sie während dem Sex etwas härter zueinander wurden, aber Ianto hatte sich immer darauf verlassen können, dass Jack spürte, wenn er etwas nicht wollte. Ihn festzuhalten, obwohl Ianto sich entfernen wollte, passte nicht zu ihm. Iantos Atem beschleunigte sich und er umfasste Jacks Handgelenke.

“Jack, bitte … lass mich los.“

Jack ergriff Iantos Hände und drückte sie neben seinen Hüften an die Wand.

“Ist doch nur ein Spiel“, grinste er.

“Ich will nicht spielen“, antwortete Ianto fest und starrte Jack an. Er bekam Angst und Panik legte sich um seinen Hals und drückte ihm die Luftröhre zu. Atmen wurde schwer und er glaubte, seinen eigenen Herzschlag hören zu können. Ianto wand sich in Jacks Griff und der Captain ließ seine Hände los. Einen Moment lang dachte Ianto, Jack wäre endlich zur Vernunft gekommen und würde sich zurückziehen, aber dann presste Jack wieder ihre Lippen aufeinander. Ianto stieß ein halb ersticktes “Nein“ aus und stemmte die Hände gegen Jacks Brust. Instinktiv drückte er ein Knie gegen das des anderen Mannes, stellte das andere Bein hinter Jacks und brachte ihn mit einem kräftigen Stoß zu Fall. Jack schlug mit dem Kopf auf dem Boden auf und der Schmerzlaut, den er von sich gab, machte Ianto bewusst, was er getan hatte. Er schnappte erschrocken nach Luft und machte einen Schritt auf Jack zu, aber der Captain richtete sich selbst wieder auf. Der mörderische Ausdruck in seinen Augen ließ Ianto zurück an die Wand taumeln, noch immer atemlos. Er versuchte, seine Atmung zu beruhigen, aber es gelang ihm nicht wirklich. Jack kam auf die Füße und stürmte auf Ianto zu. Obwohl er ein paar Zentimeter von ihm entfernt stehen blieb, zuckte Ianto zusammen und zog schützend die Schultern hoch.

“Ich habe Nein gesagt“, flüsterte Ianto, fast fassungslos, dann wiederholte er lauter: “Ich habe Nein gesagt, Jack.“

Jack starrte ihn wütend an.

“Wo liegt dein Problem? Gestern war das noch gut genug für dich.“

“Gestern hast du dich auch nicht wie ein totales Arschloch verhalten.“ Defensive Wut mischte sich in Iantos Stimme und als Jack drohend das Kinn vorschob, straffte Ianto die Schultern. “Du solltest gehen.“

Jack lachte kalt.

“Du wirfst mich raus.“

Es war keine Frage, also antwortete Ianto nicht. Jack wandte sich ab und rieb sich den Kopf dort, wo er auf den Boden aufgeschlagen war. Er schien sich zu beruhigen und Ianto atmete leise auf. Er verschränkte zögerlich die Arme und bemühte sich um einen ruhigen Tonfall, als er besorgt fragte: “Was ist los mit dir?“

Jack lachte humorlos, aber er antwortete nicht.

“Jack?“

Der Captain fuhr zu ihm herum und Ianto zuckte zurück.

“Du hast nicht das geringste Recht, diese Frage zu stellen, Ianto. Ich ficke dich vielleicht, aber das war es auch schon, kapiert?“ Er schlug mit dem letzten Wort gegen die Wand dicht neben Iantos Kopf und der junge Mann hob abwehrend die Hände. Erschrocken stellte er fest, dass sie zitterten und er versuchte, seine Reaktion zu verbergen, indem er sie zu Fäusten ballte. Jack starrte ihn immer noch wütend an.

Ianto schluckte und nahm einen tiefen Atemzug, um jegliches Zittern aus seiner Stimme zu verbannen.

“Raus hier.“ Er starrte Jack entschlossen an, die Schultern gestrafft und beide Hände gehoben. “Verschwinde sofort oder ich werfe dich raus.“

Jack lachte spöttisch.

Iantos Stimme wurde schneidend: “Glaub nicht, dass ich das nicht kann, Jack.“

Der Captain trat dicht an ihn heran und drängte Ianto zurück an die Wand. Iantos rechte Hand lag drohend auf Jacks Brust und er starrte ihn fest an, direkt in die Augen. Jack machte einen Schritt zurück und senkte den Blick, wirkte eine Sekunde lang verunsichert. Dann siegte sein Trotz und er verzog die Lippen zu einem falschen Grinsen.

“Weißt du was? Ich bin dich sowieso leid.“ Er ging und schlug die Tür hinter sich zu.

***

Ianto schlief in dieser Nacht nicht.

Er ging früh zur Arbeit und stellte Jack seinen ersten Kaffee auf den Tisch, während der Captain duschte. Als die anderen kamen und Jack begrüßten, antwortete der Captain mit einem Lächeln. Er war deutlich entspannter und ruhiger und erkundigte sich bei seinem Team nach den Fortschritten in ihren jeweiligen Projekten, bevor er mit ihnen frühstückte. Als Ianto anschließend aufräumte und sich fragte, ob er sich die letzte Nacht nur eingebildet hatte, fing Jacks Blick den seinen und der Captain senkte nach einem Moment den Kopf. Von Ianto hielt er den Rest des Tages Abstand und Ianto tat es ihm nach. Gwen, Tosh und Owen gingen früh, sie wollten noch in einen Pub. Ianto schlug die Einladung aus und als Owen einen Scherz über Überstunden machte, die Ianto in Jacks Schlafzimmer abarbeitete, konnte er weder lachen noch wie sonst einen trockenen Kommentar abgeben. Die Worte taten das erste Mal weh.

Ianto ging in Jacks Büro und blieb vor seinem Schreibtisch stehen. Jack blickte von seinem Bildschirm auf. Er wirkte müde.

“Das Budget, Sir“, erinnerte Ianto ruhig.

Jack nickte.

“Ich bin fertig. Ich habe alles schon an Mildred geschickt.“ Er deutete auf einen Stapel Akten. “Kannst du die bitte wieder einsortieren?“

“Sicher, Sir.“ Ianto kam um den Schreibtisch herum und als er nach dem Aktenstapel greifen wollte, legte sich Jacks Hand zögerlich auf seinen Unterarm. Ianto hielt inne.

Jack drehte ihn sanft zu sich, ein Arm legte sich um seine Hüfte und er lehnte seinen Kopf an Iantos Bauch, dann sagte er leise: “Es tut mir leid.“

Ianto antwortete nicht, doch seine Hand legte sich in Jacks Nacken und seine Finger spielten kurz mit dem dunklen Haar.

“Und ich habe gelogen“, fuhr Jack leise fort. “Ich bin dich nicht leid. Ganz im Gegenteil.“

“Das ist nicht das Problem.“ Ianto trat einen Schritt zurück und Jack sah bittend zu ihm auf. Ianto ließ die Stille einen Moment über ihnen hängen, legte sich die Worte im Kopf zurecht.

“Ich habe mich nie von dir benutzt gefühlt, Jack - bis gestern.“

Jack senkte betroffen den Kopf.

Ianto fuhr fort: “Und ich hatte bisher auch nie Angst vor dir.“ Er seufzte. “Ich weiß, dass das zwischen uns nichts Festes ist oder gar eine Beziehung oder … was auch immer für ein Wort du so fürchtest. Das hast du mir oft genug gesagt und auch, dass du nicht weißt, wie lange du in Cardiff bleiben wirst. Ich habe das akzeptiert. Aber … gestern hast du mich wie dein Eigentum behandelt und das bin ich nicht. Und ich bin auch nicht dein Prügelknabe.“

“Ich war die letzten Tage … abgelenkt. Ich konnte nicht ...“ Jack brach ab, als würde er merken, dass er sich in Erklärungen verstrickte. “Ich war euch gegenüber nicht fair.“

“Das stimmt“, bestätigte Ianto sanft. Jack schien reden zu wollen und Ianto war bereit, ihm diese Chance zu geben. Auch er wollte ihre Nähe zurück und vollkommen gleichgültig, was zwischen ihnen vorfiel, er würde immer für Jack da sein.

Jack rieb sich über die müden Augen.

“Ich bin nur manchmal so unglaublich … wütend. Ich verliere mich darin und ich weiß, das ist nicht gut oder richtig oder fair, aber das bin ich nun mal. Manchmal, wie gestern, verliere ich die Kontrolle. Du hast keine Ahnung, wie es sich anfühlt, vollkommen allein zu sein.“

Ianto kniff die Augen zusammen. Er wusste, wie es sich anfühlte. Er hatte Lisa verloren und seine Eltern, er hatte seit Monaten nicht mit seiner Schwester gesprochen … aber er hatte Jack. Und Tosh, Owen und Gwen. Und Jack hatte ...

“Jack, du hast uns.“

Jack lachte traurig.

“Ich habe euch und ich bin trotzdem allein. Ich gehöre hier nicht her. Ich wurde zurückgelassen von jemandem … den ich … den ich liebe.“ Er lächelte hilflos. “Für den ich noch immer alles tue, für den ich sogar mein Leben gegeben habe, aber er ...“

Ianto lehnte sich gegen den Schreibtisch.

“Er hat dich verlassen.“

Jack nickte.

Ianto vermutete: “Der Doktor.“

Jack nickte wieder.

“Manchmal frage ich mich, ob er es absichtlich getan hat.“

Ianto verschränkte die Arme.

“Es tut mir leid, dass das passiert ist, wirklich, aber ...“

“Es ist keine Entschuldigung, ich weiß. Ich versuche nur, es zu erklären. Ich bin schon so lange hier und warte, ich bin es so müde auf ihn zu warten.“

“Woher weißt du, dass er überhaupt kommen wird?“

“Ich weiß es einfach.“

“Wie lange wartest du schon?“

Jack sah zu Ianto auf und in seinen Augen lag etwas, das Ianto nicht identifizieren konnte. Der Captain wirkte plötzlich alt, sehr alt.

“Lange.“ Jack atmete tief durch, rieb sich den Nacken und lehnte die Ellbogen auf die Knie. “So lange, dass ich mich beinahe damit arrangiert habe. Ich hatte eine schlimme Zeit am Anfang. Alkohol und … andere Dinge. Inzwischen geht es mir besser.“

“Bis auf gestern?“

“John Ellis“, antwortete Jack nickend. “Er hat mich daran erinnert, was ich bin. Dass ich nicht hierher gehöre.“

Ianto sah ihn abwartend an. Er hatte es nicht eilig, er würde Jack die Zeit geben, die er brauchte.

Jack sah zu Ianto auf und knetete einen Moment seine Hände, als wisse er nicht, ob er das richtige tue. Dann sagte er: “Ich bin letzte Woche gestorben. Zwei Mal. In deinem Auto mit John.“

Ianto schluckte.

Jack fuhr fort: “Das erste Mal für John. Das zweite Mal … für mich.“

“Jack ...“

“Ich warte seit über 100 Jahren. Ich kann nicht sterben. Es gibt eine Akte über mich aus den Archiven … in meinem Safe. Ich wollte nicht, dass du sie findest, also habe ich sie versteckt. Sie geht zurück bis ins Jahr 1899, als Torchwood das erste Mal Kontakt mit mir aufnahm. Ich kann sie dir nachher geben.“

Ianto schloss die Augen. Er hatte das Gefühl, schockierter sein zu müssen, aber möglicherweise hatte er es schon vermutet. Jack hatte einfach zu viel Glück gehabt, seit er ihn kannte. Ständig schien er mit einem blauen Auge davon zu kommen … und ohne Narben.

“Okay“, sagte Ianto. “Du stammst aus dem Jahr 1899?“

“Nein. Aus dem 51. Jahrhundert. Als ich dir das damals erzählt habe, war das kein Witz.“

Ianto atmete tief durch.

“Und du bist hier gestrandet? Wie?“

“Ist eine lange Geschichte. Aber ich kann hier nicht mehr weg. Nicht ohne Hilfe.“

Ianto nickte verstehend.

“Der Doktor hat eine Zeitmaschine.“

“Und er kann mir vielleicht sagen, was mit mir passiert ist. Warum ich nicht sterben kann.“

Ianto stützte eine Hand neben seiner Hüfte auf den Schreibtisch, mit der anderen fuhr er sich durch die Haare. Jacks Finger streichelten über Iantos Handrücken, ehe er seine Hand an sich zog und küsste.

“Das entschuldigt nichts von dem, was ich gesagt und getan habe.“

“Tut es nicht“, stimmte Ianto zu, noch immer etwas benommen. “Aber es erklärt einiges.“

“Du verdienst mehr als eine Entschuldigung. Ich werde es wieder gut machen.“

Ianto sah Jack in die Augen. Der Captain lächelte sanft.

“Ich wollte dich nicht anschreien oder dir Angst machen oder dich verunsichern. Du bist viel mehr als nur ein Zeitvertreib und es war dumm zu sagen, dass ich dich leid wäre.“ Er grinste. “Weil ich bezweifle, dass ich das je sein könnte, Ianto Jones.“

Ianto verdrehte die Augen.

“Charmeur.“

“Ich nehme das als Kompliment.“

“Nimm es, wie du willst.“

Jack nahm seine Hand.

"Verzeihst du mir?", fragte er.

Ianto schloss die Augen und verschränkte ihre Finger miteinander.

"Ich hatte wirklich Angst, Jack." Er atmete tief durch. "Du …" Er brach ab.

Jack blickte ihn ermutigend an. "Ja?"

Ianto schüttelte den Kopf.

"Ich verstehe jetzt, warum du nur wenig trinkst."

Jack räusperte sich.

"Ich kann ziemlich fies werden, wenn ich trinke", nickte er.

"Du hast die Kontrolle verloren“, korrigierte Ianto ihn. “Ich kenne diese Art von Verhalten, Jack. Und ich werde es nicht akzeptieren."

"Es passiert so gut wie nie."

"Darum geht es nicht", antwortete Ianto. "Ich will nicht, dass es wieder passiert. Und wenn doch …" Er schluckte. "Dann komm nicht zu mir. Ich komme mit so etwas nicht klar."

Jack kniff die Augen zusammen. "Warum?"

Ianto seufzte, ließ Jacks Hand los und senkte den Blick.

"Es hat etwas mit meinem Vater zu tun. Ist nicht weiter wichtig." Er wollte nicht darüber reden und Jack schien das zu akzeptieren. Ianto sah wieder zu ihm auf. "Was ich meine, ist … ich will nicht wieder gezwungen sein, gegen dich zu kämpfen."

Jack nickte.

"Okay. Ich verspreche, dass es nie wieder vorkommt."

"Danke", sagte Ianto. Er starrte zu Boden.

Jacks Augen ruhten schwer auf ihm, als versuchten sie … etwas zu sehen. Ianto war sich nicht sicher, wonach sie suchten, bis Jack vorsichtig fragte: "Kann ich heute mit dir nach Hause gehen?"

Ianto hob den Kopf und Jack fügte ernst hinzu: "Ich würde wirklich gerne zu dir nach Hause gehen."

"Und ich hätte dich gerne bei mir", antwortete Ianto mit einem kleinen Lächeln und legte eine Hand an Jacks Wange. "Aber … nicht heute." Er brauchte etwas Zeit für sich, etwas Zeit, um Jacks Geschichte zu verdauen und sich selbst in seiner Wohnung wieder sicher zu fühlen.

"Okay", sagte Jack. Er wirkte enttäuscht, aber erzwang ein Lächeln. "Sag mir, wenn-"

"Werde ich", unterbrach Ianto ihn und lehnte sich für einen festen Kuss zu ihm. "Versprochen."

Er lächelte noch einmal und stieß sich von Jacks Schreibtisch ab, um zu gehen.


ENDE
10/10

Komplette Fanfiction Masterlist

Comments

( 5 comments — Leave a comment )
ravenja1170
Dec. 14th, 2010 06:23 pm (UTC)
zur Abwechslung mal hier und auf deutsch :)

Die Geschichte hat mir super gefallen! Ein paar Eindrücke von Jacks dunkler Seite, die zumindest in der ersten Staffel viel zu selten gezeigt wurde. Sehr gut hat mir auch gefallen, wie du Ianto dargestellt hast - er weiß sich zu wehren, auch wenn er es nicht gerne tut ;)
jolinarjackson
Dec. 15th, 2010 04:14 pm (UTC)
Danke. :) *yay* Jemand hat die deutsche Version kommentiert. ;)
ravenja1170
Dec. 15th, 2010 04:57 pm (UTC)
es ist schon irgendwie witzig, daß ich bei dir zuerst die englischen Versionen angeklickt habe, obwohl du auch deutsch anbietest (danke für die Arbeit!) ;) Es "fühlt" sich irgendwie komisch an, TW auf deutsch zu lesen (ich habe TW nach 3 oder 4 Folgen auf englisch geguckt). ;) Eigentlich müßte ich beide Versionen lesen und kommentieren LOL
jolinarjackson
Dec. 15th, 2010 05:02 pm (UTC)
Das ist aber nicht nötig. :) Ich sehe es auch auf englisch und bin daher manchmal unsicher mit den deutschen "Stimmen" der Charaktere. Bestimmte Ausdrücke und so was.
ravenja1170
Dec. 15th, 2010 05:18 pm (UTC)
deine deutschen Stimmen passen aber wirklich gut. Ich habe in dieser Story John Hart und Ianto vor meinem inneren Auge 1A gesehen! :)
( 5 comments — Leave a comment )