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Brute Force 8/14

Worte: 45.503
Inhalt: Banken in L.A. werden scheinbar wahllos ausgeraubt. Die Räuber sind dem FBI immer einen Schritt voraus - bis Charlie sich in die Ermittlungen einbringt und selbst ins Visier der Bande gerät.
Charaktere: Charlie Eppes, Don Eppes, Colby Granger, David Sinclair, Megan Reeves, Larry Fleinhardt, Amita Ramanujan, OCs
Pairing: Charlie/Amita (Pre-Ship)
Rating: PG-13
Spoiler: Keine
Setting: Zwischen Season 1 und 2 – Megan und Colby sind schon dabei, aber sie kennen Charlie noch nicht.
Warnungen: Gewalt, verbale Homophobie
Anmerkungen: Meine erste Numb3rs-Story. Es hat etwas gedauert, sie zu übersetzen, ich wollte aber die englische und die deutsche Version gleichzeitig auf meinem LJ veröffentlichen.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Numb3rs und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 6
Brute Force Masterlist

***
***


7.


Brian Wilder lag in einem bewachten Einzelzimmer des Krankenhauses. Angeschlossen an diverse Monitore und Infusionen hätte man ihn für das Opfer halten können. Don und Megan wussten es besser. Brian ebenfalls. Seine dunklen Augen folgten den Agents misstrauisch, während Megan ihren kleinen Notizblock herausholte. Colby hatte ihnen noch auf dem Weg ins Krankenhaus Dank der Fingerabdrücke, die sie vor der Operation am Vortag genommen hatten, den Namen und das Vorstrafenregister ihres Bankräuber durchgegeben. Wilder war ein ehemaliger Häftling, verhielt sich nun aber auf den ersten Blick Gesetzestreu. Kein Strafzettel, keine sonstigen Vergehen seit der Entlassung. Tatsächlich hatte er sogar einen Job.

“Mir wird auf einmal klar, warum Ihre Komplizen die Lagereinheit geräumt haben, ehe wir dort ankamen, Mr. Wilder. Weiß Ihr Chef, dass Sie nicht wirklich Jason Cox heißen?“

Wilder wich Dons Blick aus. “Ich arbeite da nicht mehr. Ich habe den Namen geändert, weil ich den Job wollte und er hätte mich nicht eingestellt, wenn er von meiner Vergangenheit erfahren hätte. Er hat nie nachgefragt.“

Megan nickte verstehend. “Klar. Er hat ja auch kein Interesse daran, was seine Kunden lagern, solange der Preis stimmt und niemand nachfragt. Sie waren also das Frühwarnsystem, falls wir Ihnen dort auf die Schliche kommen sollte. Ein Jammer, dass ihr Chef nervös wurde, sobald wir die Fahndung nach dem Van raus gegeben haben.“

“Keine Ahnung, was Sie meinen. Ich habe niemanden gewarnt.“

Don warf einen Blick auf die Monitore und die Infusionen. “Morphium, Mr. Wilder?“, fragte er beinahe amüsiert. “Ich hoffe, die Schwestern haben Sie von der Zufuhr abgeschnitten, bis unsere Befragung vorüber ist. Alles sollte korrekt ablaufen.“

Brian machte ein mürrisches Gesicht. “Schon vor Stunden. Weil der Arzt meinte, Sie würden mich sprechen wollen. Ich habe Ihnen aber nichts zu sagen.“

“Sind Sie sicher?“, fragte Don. “Sie haben auf drei Agents und einen Zivilisten geschossen, während Sie versuchten, mit Ihren Komplizen von einem Tatort zu fliehen. Wir können Ihnen über acht Banküberfälle nachweisen.“

“Gar nichts können Sie“, antwortete Wilder. “Haben Sie Fingerabdrücke? DNA?“

Megan lächelte und bluffte: “Sie haben keine Ahnung, was wir haben, Mr. Wilder.“ ’Gar nichts’, dachte sie für sich. Aber das musste er nicht wissen. Die Männer auf den wenigen Videos, auf denen die Räuber tatsächlich zu sehen waren, waren nicht zu erkennen, es gab keine Fingerabdrücke oder DNA an den Tatorten. Sie hatten nur Brian. “Mit wem arbeiten Sie zusammen?“

“Süße, ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon Sie sprechen“, antwortete Brian. Er richtete unschuldige, braune Augen auf Don. “Da geht man abends spazieren und schon wird man in eine Schießerei verwickelt. Mein Instinkt, mein Leben zu retten, wurde als Flucht verstanden.“

“Wir fanden eine Waffe bei Ihnen“, sagte Don. “Wir haben Projektile aus dieser Waffe über die ganz Straße verteilt entdeckt.“

“Ich habe mich nur verteidigt“, antwortete Brian. “Ich habe ein Recht auf meine Sicherheit.“

Megan übernahm: “Mr. Wilder, Sie sind vorbestraft. Diebstahl, Raubüberfälle …“

Brian seufzte. “Ich hatte eine schwere Kindheit und habe Mist gebaut. Ich habe meine Zeit abgesessen. Ich habe einen Job. Ich zahle Steuern.“

“Ja, nachts überfallen Sie Banken und tagsüber bewachen Sie die Lagereinheiten Ihrer Komplizen.“

Brian lächelte. “Beweisen Sie es mir.“ Don und Megan blickten sich an.

Auf dem Weg zum Fahrstuhl fluchte Don leise. “Er weiß genau, dass wir nichts gegen ihn in der Hand haben.“

“Er ist clever“, bestätigte Megan und wich einem Pfleger aus, der eine Patientin im Rollstuhl vor sich her schob. “Und überheblich“, fügte sie hinzu. “Er wird seine Komplizen nicht verraten.“

“Vermutlich gibt es da einen Deal. Sonst würde er nicht loyal bleiben.“ Don drückte auf den Rufknopf für den Fahrstuhl. Dann rieb er kurz über den Verband an seinem Oberschenkel, der unter der Hose verborgen war.

“Juckt es?“, fragte Megan mitleidig und band sich die langen Haare zurück.

Er zuckte mit den Schultern. “Mal juckt es, mal schmerzt es.“

“Das bedeutet, dass es heilt“, meinte seine Partnerin.

Don warf ihr einen amüsierten Blick zu. “Mit solchen Weisheiten bewaffnet kannst du jederzeit Mutter werden.“ Megan lachte.

***

“Und es geht dir ganz sicher gut?“, fragte Amita und schaltete ihren Laptop ein, ehe sie ihn an Charlie weitergab. Er stellte das Gerät auf seinem Schoß ab und drehte den Kopf kurz zur Küche, wo sein Vater Zutaten für das Abendessen bereit stellte - prüfte, ob Alan mitbekam, dass Amita das neue Gesetz im Hause Eppes brach: Charlie war unter allen Umständen der Kontakt mit einem Laptop verboten. Nachdem er es aufgegeben hatte, seinen Vater um den Garagenschlüssel zu bitten, hatte er Larry und Amita eingeladen, ihn zu besuchen – und Amita gebeten, ihren Computer mitzubringen. Jetzt saßen die drei Wissenschaftler gemeinsam mit Shanti im warm erleuchteten Wohnzimmer der Eppes. Amita und Larry teilten sich die Ledercouch, während Charlie es sich im Sessel gemütlich gemacht hatte, die Beine auf einem Sitzhocker ausgestreckt. Amita und Larry hatten seinem Bericht über die schief gelaufene Überwachung gespannt verfolgt. Nur leider zeigten sie nun dieselbe unterschwellige Sorge wie sein Vater.

“Mir geht’s gut“, versicherte er und drehte sich wieder zu Amita, schloss kurz die Augen, als ihm schwindelig wurde, was seine Worte Lügen strafte.

Larry legte die Fingerkuppen seiner Hände aneinander und meinte skeptisch: “Ich weiß nicht, Charles. Du wirkst etwas blass.“

“Ich bin immer blass“, antwortete Charlie. Er öffnete das Programm auf Amitas Desktop, das er brauchte. Amita lehnte sich in die weichen Kissen zurück, die noch Margaret Eppes für die Couch ausgesucht hatte, und nahm dann Shanti aus dem Kinderwagen auf ihren Schoß. Die Kleine zappelte unruhig und begann zu quengeln.

“Kann ich sie rumlaufen lassen?“, fragte Amita.

Charlie nickte abgelenkt. “Sicher.“ Shanti murmelte ein paar undeutliche, aber eindeutig zufriedene Worte, als Amita sie absetzte und machte sich daran, auf etwas wackligen Beinen das Wohnzimmer zu erkunden. Charlie warf einen Blick auf den Block, der auf der Armlehne seines Sessels lag und auf dem er in den letzten Stunden Formeln für Dons Fall notiert hatte. Alan hatte den Block und den Kugelschreiber bemerkt, allerdings nichts dazu gesagt. Charlie nahm an, dass sie einen stummen Konsens gefunden hatten. “Dad hat mir die Garage verboten“, erklärte er. “Aber ich brauche das Programm, um für Don ein paar Karten mit neuen heißen Zonen zu erstellen. Kannst du die morgen bitte für das Team ausdrucken und zum FBI bringen? Dad lässt mich garantiert nicht weg.“

Amita runzelte die Stirn, ignorierte die Frage. “Du arbeitest noch an dem Fall?“

“Klar“, antwortete Charlie.

“Man sollte annehmen, dass dein Vater einen Grund hatte, dir die Garage zu verbieten“, meinte Larry.

Charlie verdrehte die Augen. “Na ja … eigentlich sollte ich mich ausruhen.“ Er warf noch einen prüfenden Blick Richtung Küche, sah aber nur Shanti Richtung Esszimmer laufen. Dann gab er auf Amitas prüfenden Blick hin zu: “Und Bildschirme meiden.“

Amita blickte ihn strafend an. “Charlie.“

“Mir geht’s gut“, erwiderte er.

Amita griff nach ihrem Computer. “Wenn dein Vater herausfindet, dass ich dir meinen Laptop gegeben habe, bringt er mich um.“

Charlie hielt ihn außerhalb ihrer Reichweite. “Mir geht’s bestens.“

“Bestens“, wiederholte Larry in einem Ton, den Charlie aus einer Zeit kannte, in der er in Princeton viele Probleme mit andere Studenten gehabt hatte. Damals hatte sein Mentor ihm nie geglaubt, wenn er beteuerte, es ginge ihm gut.

“Mir ist vielleicht etwas schwindelig“, gab Charlie zu, “und schlecht. Und ich habe vielleicht ein kleines bisschen Kopfschmerzen.“ Was die Untertreibung des Jahrhunderts sein musste. Er erwähnte erst gar nicht die Müdigkeit, gegen die er seit einigen Stunden ankämpfte. Die Schmerzmittel machten es ihm schwer, sich zu konzentrieren, aber er war es glücklicherweise gewohnt, gegen die Bedürfnisse seines Körpers zu arbeiten und hatte dem Schlaf nicht nachgegeben. Amita lehnte sich über ihn und wollte wieder nach ihrem Laptop greifen. “Lass das“, lachte Charlie. Amita erwischte ihren Laptop und zog ihn an sich, ließ dabei den Bildschirm zuklappen.

Sie blieb über Charlie gelehnt stehen und starrte ihm beschwörend in die Augen. “Es ist schon genug passiert. Ruh dich bitte aus.“

Charlie erkannte, dass sie sich wirklich Sorgen machte und wurde ernst. “Mir geht’s gut.“

Sie legte eine Hand in seinen Nacken. “Bitte“, murmelte sie. Charlie schloss die Augen, als Amita einen Kuss auf seiner Stirn platzierte und sich dann wieder auf ihren Platz begab.

“Amita?“, rief Alan und dann konnte Charlie hören, wie er von der Küche aus ins Wohnzimmer kam. Er drehte sich zu seinem Vater um. Alan hatte Shanti auf dem Arm. “Vermisst du jemanden?“

Amita lächelte und stellte den Laptop auf dem Couchtisch ab, um Charlies Vater Shanti abzunehmen. “Tatsächlich“, sagte sie. Shanti kicherte fröhlich und zog an Amitas dunklen Haaren, dann streckte die Arme in Charlies Richtung aus. Charlie warf ihr ein Lächeln zu. Tatsächlich verlor er allmählich den Kampf gegen die Müdigkeit. Er schloss die Augen.

Eine warme Hand legte sich auf seine Stirn und als er aufblickte, sah er seinen Vater über sich stehen. “Alles okay?“

“Etwas müde“, antwortete Charlie.

“Ja, der Arzt hat gesagt, dass das passieren kann.“

Charlie rieb sich die Augen und griff nach dem Block und dem Kugelschreiber. “Don kommt nachher vorbei. Ich will nur …“

Alan schüttelte den Kopf und nahm ihm sowohl Papier als auch Stift aus der Hand. “Du schläfst.“

“Ich bin nicht so müde, Dad“, antwortete Charlie. Alan warf Amita und Larry einen leidenden Blick zu.

Amita trat näher an Charlie heran und reichte ihm Shanti. “Du kannst auf sie aufpassen, während ich deinem Vater beim Kochen helfe.“ Ehe Charlie widersprechen konnte, war sie Richtung Küche geeilt.

Charlie seufzte und zuckte in Shantis Richtung mit Schultern. “Weg ist sie“, sagte er. Shanti lächelte, dann ließ sie ein Gähnen sehen und krabbelte zu Charlies Oberkörper, wo sie mit Kopf auf seiner Schulter prompt einschlief.

Alan lachte leise. “Hör auf die kleine Lady.“ Er wandte sich an Larry. “Ich weiß, dass Amita zum Essen bleiben will, aber wie sieht es mit dir aus?“

“Oh …“ Larry schien zu überlegen. “Eigentlich spricht nichts dagegen“, meinte er schließlich.

“Großartig.“ Alan wandte sich wieder zur Küche um.

Larry stand auf. “Ich werde dir ebenfalls bei den Vorbereitungen helfen.“ Alan schaltete demonstrativ das Licht im Wohnzimmer aus. Draußen war es bereits dunkel genug, dass die Straßenlaternen angeschaltet waren und im Wohnzimmer waren nur noch die Umrisse der Möbel zu erkennen. Ein Streifen Licht kam von der Küche, aber er erhellte den Raum nur wenig. Charlie gab die Idee, schriftlich weiter an den Gleichungen zu arbeiten, schnell auf. Er festigte seinen Griff um Shanti und beschloss, nachzugeben. Zumindest zum Schein. Er konnte im Kopf weiter rechnen, während er darauf wartete, dass das Essen fertig wurde. Anschließend konnte er seine Ideen aufschreiben. Er kam nicht weit, ehe die Schmerzmittel ihn in einen Traumlosen Schlaf rissen.

***

Don betrat das Haus um kurz nach zehn. Das Wohnzimmer war nur schwach von einer Lampe in einer der Ecken erleuchtet. Sein Vater saß mit einem Kreuzworträtsel auf der Couch. Charlie lag im Sessel, die Beine auf dem Hocker vor ihm ausgestreckt und schlief.

“Hey“, sagte Don leise.

“Hey, Donnie“, antwortete Alan und nickte Richtung Küche, ehe er aufstand und das Kreuzworträtsel weglegte. In der Küche nahm Don ein Bier aus dem Kühlschrank und lehnte sich an die Theke. “Schwerer Tag?“, fragte Alan.

“Kein Spur der Räuber“, antwortete Don. “Ich fürchte fast, die werden auch die nächste Bank überfallen, ehe wir sie kriegen.“

“Ihr seid aber vorbereitet, Donnie. Ihr kriegt sie“, meinte Alan zuversichtlich.

“Die sind clever. Wirklich gut“, meinte Don. Er rieb sich die Stirn und nahm einen Schluck Bier. “Wie geht’s Charlie?“

“Liegt im Koma“, scherzte Alan und ließ ein Lächeln sehen. “Er ist gegen sieben eingeschlafen. Ich habe ihn nicht mal zum Essen geweckt. Ich war zu froh, dass er endlich Ruhe findet.“ Don nickte verstehend. Alan machte ein besorgtes Gesicht. “Don, du hast ihn nach der Schießerei nicht zufällig weiter um Hilfe gebeten, oder?“

Don schüttelte den Kopf. “Er ist verletzt, Dad. Natürlich nicht. Warum glaubst du das?“

“Er rechnet schon wieder für dich.“

Don ließ den Satz einen Moment in der Luft hängen. “Ich habe ihn nicht darum gebeten.“

Alan zuckte mit den Schultern. “Du kennst ihn. Er will seinen großen Bruder immer beeindrucken. Und er will immer eine Hilfe für dich sein. Und er verlangt zu viel von sich, um dieses Ziel zu erreichen.“ Don nickte langsam. Als er jünger gewesen war, hatte sein Vater häufig dasselbe zu ihm gesagt. Immer, wenn Charlie Dons Hausaufgaben gemacht hatte und Maggie ihn dabei erwischt und Don gebeten hatte, selbst zu lernen. Oder wenn Alan und Don darüber stritten, dass Charlie ihm in der Highschool hinterher lief wie ein Welpe. Gerade mal zehn Jahre alt und schon in derselben Klasse wie Don, auf derselben Schule. Don hatte es gehasst. Wenn Alan ihm damals gesagt hatte, dass Charlie nur Dons Beachtung wollte, hatte er es als Schuldzuweisung gesehen. Als hätte er Charlies Heldenverehrung damals gewollt.

Heute hörte es sich an wie eine einfache Feststellung – und eine Aufforderung.

“Ich rede mit ihm“, sagte er.

“Danke“, antwortete sein Vater seufzend. “Auf mich hört er nämlich nicht.“

Don stellte die leere Flasche zum Altglas unter der Spüle. “Ich bringe ihn ins Bett und dann lege ich mich auch hin.“

“In Ordnung. Ich schließe noch ab.“

“Bis morgen, Dad.“

Don lächelte seinem Vater zu und ging dann zurück zu seinem Bruder ins Wohnzimmer. “Auf geht’s, Kumpel“, meinte er und zog Charlie aus dem Stuhl.

Sein Bruder ließ sich gegen Don fallen und murmelte: “Autsch.“

“Entschuldige“, antwortete Don. “Kopfschmerzen?“

“Als hätte mir Larry eine mit seinem Teleskop verpasst.“

Don lachte leise und legte einen von Charlies Armen um seine Schultern.

“Du weißt, wie sich so was anfühlt?“

Charlie seufzte und stand auf. Sie machten sich auf den Weg zur Treppe. “Tatsächlich hat er mir mal eine mit seinem Teleskop verpasst. Als er zur CalSci gekommen ist und sein Büro eingerichtet hat.“ Sie nahmen die ersten Stufen. “Ich frage mich noch immer, ob ich das Ding hätte kommen sehen müssen oder ob er Schuld ist.“ Sie kamen oben an. Charlie rieb sich die Augen, dann sah er zu seinem Bruder auf, als hätte er ihn eben erst wahrgenommen. “Don?“

Der Agent lachte. “Ja. Merkst du es erst jetzt?“ Er stieß Charlies angelehnte Zimmertür mit dem Fuß auf.

“Ich habe Neuigkeiten“, sagte Charlie. Er klang eindeutig wacher, stützte sich aber noch immer auf Don. “Es ist schwer, die nächste Bank zu bestimmen. Heisenbergsche Unschärferelation. Ich werde versuchen -“

“Mehr zu schlafen“, unterbrach Don und setzte ihn auf dem Bett ab. “Du solltest dich ausruhen. Vergiss das FBI mal für ein paar Tage. Und CalSci auch.“

Charlie streckte sich auf dem Bett aus. “Das ist wichtig“, murmelte er.

“Dass du gesund wirst auch“, antwortete Don. Charlie zog die Bettdecke hoch.

Er musste zugeben, dass er trotz des Schlafes noch immer ziemlich erschöpft war. “Ich werde mich gleich morgen an die Formeln setzen, Don“, meinte er leise. Sein Bruder verdrehte die Augen, gab sich aber mit der Tatsache zufrieden, dass Charlie zumindest für diese Nacht keine Berechnungen mehr plante.

“Wir werden morgen noch mal drüber sprechen, Kumpel.“ Er schaltete das Licht aus, als er das Zimmer verließ. Vor der Tür blieb er stehen und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Manchmal war er sich wirklich nicht sicher, ob es richtig war, Charlie in seine Arbeit mit rein zu ziehen. Und manchmal konnte er sich gar nicht vorstellen, wie sein Leben laufen würde, wenn er es nicht getan hätte. Würden er und sein Bruder noch immer jeden Kontakt meiden? Oder hätten sie schließlich einen anderen Weg genommen, um wieder zueinander zu finden? Don bezweifelte das. Er bezweifelte das sehr. Und daher bereute er es nicht.

***

“Zwei Stunden, Dad.“

Alan ignorierte seinen Jüngsten und konzentrierte sich stattdessen darauf, die Einkäufe wegzuräumen.

“Nur Essen mit Larry und dann meine Sprechstunde. Wir stehen kurz vor Semester-Ende. Die Studenten sind nervös. Ich muss die Sprechstunde persönlich leiten.“

“Amita kann das machen.“

“Nein, Dad, kann sie nicht. Sie hat Shanti und sie … die Studenten brauchen mich.“ Er stand vom Küchentisch auf und war äußerst zufrieden mit sich selbst, als der Raum nicht zu schaukeln begann. “Siehst du? Keine Übelkeit … kein Schwindel … mir geht’s gut.“

Er lächelte Alan an, der ihn prüfend anstarrte. “Kopfschmerzen?“, fragte sein Vater schließlich.

Charlie verzog das Gesicht, wusste, dass er nur einen Tag nach der Entlassung aus dem Krankenhaus darüber nicht lügen konnte. “Ich kann was dagegen nehmen, Dad. Und wenn ich nach Hause komme, lege ich mich auf die Couch und schlafe den restlichen Tag durch. Versprochen.“

Alan verschränkte die Arme, hob skeptisch die Augenbrauen. “Der Arzt sagte, kein Stress.“

“Es ist kein Stress. Ich rede mit Larry und ich rede mit den Studenten. Kein Stress.“

“Kein zu helles Licht.“

“Ich ziehe die Vorhänge im Büro zu.“

“Kein Lärm.“

“Ich esse nicht in der Mensa. Larry bringt mir etwas ins Büro.“

“Keine Anstrengung irgendeiner Art.“

“Ich werde nur sitzen und reden.“

“Ich stehe um zwei vor deiner Bürotür.“

“Ich komme sofort mit nach Hause.“ Alles, um nur ein paar Stunden das Haus verlassen zu können. Charlie hatte nicht mehr so viel Zeit außerhalb der Garage, Universität oder dem Leben vor der Haustür im Allgemeinen verbracht, seit er mit sieben Hausarrest bekommen hatte, nachdem eine seiner praktischen Beweisführungen in einem überfluteten Keller geendet hatte.

Alan schien noch immer nachzudenken, dann seufzte er geschlagen. “Na schön.“

Charlie lächelte. “Danke, Dad. Du wirst es nicht bereuen.“ Er drehte sich um und verließ die Küche, um sich umzuziehen.

Alan verdrehte die Augen. “Warum habe ich das Gefühl, dass ich das werde?“


Kapitel 8
Brute Force Masterlist

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