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Brute Force 9/14

Worte: 45.503
Inhalt: Banken in L.A. werden scheinbar wahllos ausgeraubt. Die Räuber sind dem FBI immer einen Schritt voraus - bis Charlie sich in die Ermittlungen einbringt und selbst ins Visier der Bande gerät.
Charaktere: Charlie Eppes, Don Eppes, Colby Granger, David Sinclair, Megan Reeves, Larry Fleinhardt, Amita Ramanujan, OCs
Pairing: Charlie/Amita (Pre-Ship)
Rating: PG-13
Spoiler: Keine
Setting: Zwischen Season 1 und 2 – Megan und Colby sind schon dabei, aber sie kennen Charlie noch nicht.
Warnungen: Gewalt, verbale Homophobie
Anmerkungen: Meine erste Numb3rs-Story. Es hat etwas gedauert, sie zu übersetzen, ich wollte aber die englische und die deutsche Version gleichzeitig auf meinem LJ veröffentlichen.
Feedback: Brauche ich wie Luft zum Atmen.
Disclaimer: Diese Fanfiction wurde nicht zu kommerziellen Zwecken verfasst. Die Serie Numb3rs und die in ihr vorkommenden Personen gehören den verantwortlichen Produzenten und Autoren. Jegliche Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Kapitel 8
Brute Force Masterlist

***
***


9.


Als Don seine Jacke über die Lehne seines Stuhls hängte, kam David ihm aufgeregt entgegen. “Don, ich wollte dich gerade anrufen. Wir haben eine Identität für Charlies Angreifer – und vermutlich hängt der Vorfall mit den Banküberfällen zusammen.“ Don fühlte sich, als hätte ihm jemand neue Energie verliehen und er folgte David in den Konferenzraum. Dort war Merrick bereits anwesend. Er saß am Konferenztisch und blickte aufmerksam auf das Telefon. Als Don und David eintraten, erklärte eine Frau am anderen Ende der Leitung gerade: “… kann Ihnen möglicherweise auch die Namen einiger seiner Komplizen nennen. Ich werde mich so bald wie möglich auf den Weg zu Ihnen machen.“

Merrick antwortete: “Danke, Agent Hailey. Wir erwarten Sie.“ Er legte mit einem Knopfdruck auf. “Glück gehabt“, meinte er in Dons Richtung, die Auseinandersetzung in seinem Büro vor ein paar Stunden scheinbar schon vergessen. “Wir haben das Phantombild an alle FBI-Zweigstellen gesendet und in Denver hat sich was getan. Einer der Agents dort ist bereits auf dem Weg zu uns. Linda Hailey. Sie hat den Mann als Connor Hill identifiziert. Er saß wegen dreifachen Mordes und Bankraub bereits ein. Ist vor fast einem Jahr geflohen, als er mit ein paar Mitgefangenen in ein anderes Gefängnis transportiert wurde. Eine organisierte Flucht. Er hatte Helfer von außen, die die Straße blockierten, die Wachmänner aus dem Hinterhalt töteten und auch einige der Gefangenen erschossen.“ Don ließ sich überwältigt in einen der Stühle fallen. Bisher waren die Ermittlungen so schleppend vorangekommen und sie waren vor so viele Wände gelaufen, dass er schon beinahe nicht mehr mit einer heißen Spur gerechnet hatte. Und jetzt hatten sie sogar mehr als das – sie hatten einen Namen.

David erklärte: “Ich lasse Hill bereits überprüfen. Ob er hier in L.A. aufgetaucht ist, Kreditkarten, Mietverträge und so weiter. Aber er wird einen falschen Namen benutzen.“

Don antwortete: “Das mit Sicherheit. Aber es ist ein Anfang.“

***

Charlie schüttelte den Kopf. “Nein. Ich bleibe hier.“ Don seufzte und ließ sich auf Charlies Bett sinken. Charlie saß an seinem Schreibtisch, den Stuhl in Dons Richtung gedreht. Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Fachbücher, die in den Regalen, in der Garage und in Charlies Büro auf dem Campus keinen Platz mehr gefunden hatten. Der einfache, große Tisch aus hellem Holz war das einzige, was schon während Charlies Kindheit in diesem Zimmer gestanden hatte. Das Bett, die Kommode und die Bücherregale waren relativ neu. Ein Ergebnis der Renovierungsarbeiten.

“Ich will, dass du mit Colby und David gehst.“

“Ich will bleiben.“

“Mach es mir nicht so schwer“, bat Don.

“Warum sollte ich gehen? Ich kann dir noch immer helfen. Jetzt, wo wir wissen, wer hinter den Überfällen stecken könnte, kann ich viel detailliertere Rechenwege entwickeln. Ich brauche nur Hills Akte über die anderen Überfälle, für die er im Gefängnis war. Dann kann ich Ähnlichkeiten -“

“Charlie“, unterbrach Don ihn, eine Härte in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete.

Charlie hielt inne, starrte Don einige Sekunden schweigend an, dann fragte er: “Warum schickst du mich weg?“ Don war sich sicher, dass Charlie den Grund kannte. Aber offenbar wollte sein Bruder Dons Sicht der Dinge hören.

“Weil ich nicht will, dass so was wie gestern wieder passiert – und nächstes Mal womöglich schief läuft.“

“Colby und David können mich hier bewachen. Oder ich bleibe in der FBI-Zentrale.“

“Es wäre mir lieber, wenn du gehen würdest.“

“Aber du kannst mich nicht zwingen, oder?“ Charlie legte fragend den Kopf schief. Don stieß gereizt die Luft aus.

Es klingelte an der Tür und er warf einen Blick auf die Uhr. “Das werden Colby und David sein.“ Er hörte, wie sein Vater öffnete und die Agents eintreten ließ, der Smalltalk war durch die geschlossene Tür von Charlies Zimmer nicht zu verstehen, aber es würde nur eine Frage der Zeit sein, bis die beiden Agents unten nach ihrem Vorgesetzten fragen würden. Er stand auf und ging zur Tür. “Bitte pack deine Sachen.“

“Don -“

“Verdammt noch mal, Charlie! Kannst du nicht einfach mal auf mich hören?“, fragte Don wütend und fuhr zu seinem Bruder herum. “Glaub mir, das ist für mich auch nicht leicht. Ich würde auch lieber persönlich dafür sorgen, dass dir nichts passieren kann, aber es geht nicht. Ich bin der leitende Ermittler in diesem Fall, ich muss mich darauf konzentrieren können. Und wenn ich diese Position aufgebe, dann hängt nicht an mir, wer sich um deine Sicherheit kümmert, sondern an irgendeinem anderen Agent, der wahrscheinlich Merricks Meinung sein wird und nur einen Anfänger für dich abstellt, um auf Nummer Sicher zu gehen. Tatsache ist, dass da draußen ein dreifacher Mörder, Bankräuber und entflohener Häftling mit wahrscheinlich ebenso reizenden Komplizen darauf wartet, dich mitzunehmen, um Gott weiß was mit dir anzustellen.“

Charlie stand nun ebenfalls auf und antwortete gereizt: “Ist das nicht meine Entscheidung? Mein Risiko? Wenn ich es eingehen will -“

“Als mein ziviler Berater stehst du in der Rangliste unter mir, Charlie.“

“Aber als dein Bruder nicht. Ich kann selbst entscheiden, was das Beste für mich ist.“

“Als du das letzte Mal getan hast, hätte dir ein Heckenschütze beinahe ein Loch in der Stirn verpasst.“

Charlie machte einen Schritt zurück. “Wow“, murmelte er. Don schloss die Augen und wandte sich ab. Er hatte das Thema nicht aufbringen wollen, wusste, dass Charlie noch immer Alpträume deshalb hatte. Don selbst ebenfalls. Charlie räusperte sich. “Du glaubst noch immer, dass ich keine Ahnung von der Realität habe. Du denkst, ich lebe immer noch in dieser Blase, von der so gern redest. Dabei weiß ich ganz genau, wie das Leben da draußen läuft, Don. Du bist nicht der einzige, für den ich arbeite. Und nicht jeder meiner Auftraggeber behandelt mich wie ein rohes Ei.“

Don fuhr zu ihm herum. “Weil ich derjenige bin, der Schuld ist, wenn dir etwas zustößt. Das war ich immer.“

“Du hättest mich nie um Hilfe bitten sollen, wenn es dich so stört, Don. Ich kann für mich selbst entscheiden. Ich bin kein lebender Abakus, den du in die Ecke stellen kannst, wenn du ihn nicht brauchst.“

“Ja, so ein Pech für mich.“ Don wandte sich von Charlie ab und atmete tief durch.

Charlie räusperte sich. “Dann hättest du mich nie um Hilfe bitten sollen, Don“, wiederholte er leise.

“Ja“, murmelte Don. “Möglicherweise nicht.“ Damit wandte er sich ab und verließ das Zimmer. Auf dem Weg nach draußen schlug er die Tür zu. Charlie starrte seinem Bruder nach, zu überrumpelt, um etwas zu sagen, Don nachzurufen oder sich überhaupt zu bewegen. Das letzte mal war sein Bruder an dem Tag so wütend auf ihn gewesen, an dem ihre Mutter gestorben war. Damals hatte Charlie den Wutausbruch kaum registriert, so gefangen war er in seiner eigenen Trauer und in den Zahlen vor ihm auf der Tafel gewesen, aber jetzt hatte er jedes Wort gehört. Es stimmte, dass ihre Eltern Don immer viel Verantwortung für Charlie übertragen hatten. Don hatte Charlie ein Jahr lang jeden Tag von der Grundschule abgeholt, als Sam Titchell es auf ihn abgesehen hatte. Sie hatten dieselbe Highschool besucht und Charlie – viel jünger als die anderen – hatte seinen älteren Bruder als Schutz vor Schlägern gebraucht. Don hatte geholfen, wenn auch manchmal widerwillig. Und selbst jetzt, als sie erwachsen waren, zählte Alan darauf, dass Don auf Charlie achtete, wenn sie an einem Fall arbeiteten.

Don und Charlie versuchten Alan so wenig wie möglich über die gefährlichen Situationen zu erzählen, in die sie gerieten. Aber er hatte einen Instinkt für solche Sachen. Die Beinahe-Katastrophe mit dem Heckenschützen hatte er bereits am nächsten Tag aus Don heraus bekommen. Er versuchte immer, ruhig zu bleiben und darauf zu vertrauen, dass seine Söhne die Situation unter Kontrolle hatten. Aber seit die Überwachung vor ein paar Tagen schief gegangen war, war Alan nervöser als vorher und Charlie wusste, dass es ihm am liebsten wäre, wenn er gar nicht mehr für das FBI arbeiten würde. Oder für irgendeine Behörde.

“Charlie!“, hörte er Don aus dem Erdgeschoss rufen. “Zehn Minuten!“ Er seufzte schwer. Die Wahrheit war, dass er bleiben wollte, weil er in der Nähe sein wollte. Um zu helfen, um sofort Bescheid zu wissen, wenn irgendetwas passierte. Wenn er etwas hasste, dann war es das Gefühl, nutzlos zu sein.

***

Larry und Amita standen hinter Alan und Charlie, als diese von der Haustür aus beobachtete, wie Colby und David Charlies Tasche in den hellgrauen Kombi packten und mit Don die letzten Details durchgingen. Colby blickte aufmerksam die Straße entlang, aber seine Körperhaltung verriet, dass er keine Gefahr erkennen konnte. Die beiden Agents trugen zivile Kleidung und der Wagen gehörte zum Fuhrpark der Zivilfahrzeuge des FBI. Alan schloss Charlie in die Arme und drückte ihm dann die Schmerztabletten in die Hand, die das Krankenhaus verschrieben hatte. “Es geht mir wieder gut, Dad“, versuchte Charlie, ihn zu beruhigen.

Alan schüttelte den Kopf. “Tu mir den Gefallen.“ Charlie steckte die Tabletten in seine Jackentasche.

Amita umarmte ihn. “Pass auf dich auf“, bat sie.

Charlie erwiderte die Umarmung. “Mach dir keine Sorgen“, murmelte er. Larry nickte ihm zu. Er sagte aber nichts.

Don kam zu ihnen und stemmte die Hände in die Hüften. “Ihr solltet los“, erklärte er. Charlie ging neben ihm zum Auto. Sie starrten beide zu Boden. Als Don schließlich sprach, schlug er einen Befehlsgewohnten Tonfall an: “Halte dich an Colby und David. Wenn sich was ändert, melde ich mich bei euch.“ Charlie nickte. Don sagte nichts weiter, aber seine Körperhaltung verriet Anspannung und Wut. Charlie legte eine Hand auf das Autodach und sah Don nicht an.

Er wusste, dass es keine gute Idee war, aber er musste es sagen: “Ich habe ein schlechtes Gefühl bei der Sache, Don. Was, wenn Dad was passiert? Oder Amita und Larry.“

“Lass das meine Sorge sein“, antwortete Don knapp. “Ich habe diesen Job gelernt, okay?“ Er öffnete auffordernd die hintere Autotür, während David und Colby bereits vorne einstiegen. David ließ den Motor an. Charlie blickte zu seinem Vater, Larry und Amita zurück. Dann stieg er ein und Don schlug die Autotür zu.

Colby schnallte sich an und drehte den Kopf zu ihrem Schützling zurück. “Keine Sorge, Charlie. Es wird alles gut gehen.“ Don steckte die Hände in die Hosentaschen und sah dem Auto nach. Dann starrte er zu Boden und stieß die Luft aus. Sein Bruder hatte Recht. Auch ihm lag ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend. Don hatte sich immer auf seine Instinkte verlassen können. Er hoffte, auch dieses Mal recht zu behalten.

***

Im Auto war es nach einer Stunde Fahrt noch immer still. Charlie starrte blicklos aus dem Fenster, während Colby nach Verfolgern Ausschau hielt und David sich auf den Verkehr konzentrierte. Schließlich seufzte Charlie gelangweilt und fragte: “Warum fahren wir das dritte Mal hier lang?“

Colby drehte den Kopf in seine Richtung. “Wir werden so lange durch die Gegend fahren, bis wir sicher sind, dass niemand hinter uns herfährt. Dann machen wir uns auf den Weg ins Motel.“ David bog in eine ruhigere Straße ein und Colby nickte, als ihnen niemand folgte. “Was denkst du?“, fragte er seinen Partner.

“Sieht gut aus“, antwortete David.

Charlie fragte: “Wo werden wir hinfahren?“

Colby drehte sich wieder zu ihm. “Kleines Motel am Stadtrand in der Nähe des Flughafens.“ David fädelte sich in den Verkehr Richtung Flughafen ein.

Er warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel. “Wir wechseln unser Motel übermorgen aber wieder. Zur Sicherheit.“

Colby ergänzte: “Wenn du irgendwas brauchst, sagst du es uns und wir werden es besorgen.“

“Was für ein Zimmer habt ihr gebucht?“

Colby antwortete: “Megan hat das übernommen. Sie wird aber nur zwei Gäste angemeldet haben.“

“Die Kontrolle in solchen Motels ist lasch. Hauptsache, die Miete wird gezahlt. Wir werden dich reinbringen, sobald wir beide eingecheckt haben. Wir sind offiziell die Bewohner und das sollen die ruhig auch wissen. Dich werden sie nicht zu Gesicht bekommen. Du wirst das Zimmer nicht verlassen.“

Charlie seufzte missmutig. “Ist ja schlimmer als im Gefängnis.“ Colby und David warfen sich einen Blick zu. Don hatte ihnen empfohlen, Charlie schmollen zu lassen.

David fühlte sich trotzdem genötigt, etwas zu sagen. “Charlie … ich verstehe, dass dir die ganze Sache nicht gefällt. Aber tu mir den Gefallen und arbeite mit uns zusammen.“ Ihre Blicke trafen sich im Rückspiegel und Charlie nickte.

***

Agent Linda Hailey aus Colorado war groß, hübsch und ihr schwarz-weißer Hosenanzug saß wie angegossen. Auf den ersten Blick wirkte sie nicht wie eine gut trainierte FBI-Agentin, sondern eher wie eine Stilbewusste Geschäftsfrau. Das feine Gesicht wurde von lockigen, schulterlangen Haaren eingerahmt und die braunen Augen blickten zwar scharf und aufmerksam, aber Vertrauen erweckend um sich. Ihre Figur war perfekt. Megan war beinahe etwas neidisch. Erst recht, als sie den Ehering sah, den die junge Frau trug. Der Mythos, dass es Agents beim FBI gab, die eine Ehe führten, hielt sich wacker. Möglicherweise konnte Megan sich später ein paar Tipps holen. Im Augenblick konzentrierte sie sich wie Don auch auf den Bericht der jungen Frau. Sie saßen im Konferenzraum zusammen und der Beamer projizierte ein Bild von Connor Hill von Lindas Laptop an die Wand. Sein überhebliches Grinsen und die blauen, kalten Augen machten es Megan nicht schwer zu glauben, dass er eine Familie getötet hatte, die ihre Schulden bei ihm nicht zahlen konnte.

Linda betrachtete gerade das Phantombild in ihren Händen, das Charlie mit dem Zeichner erstellt hatte. Als sie sprach, blickte sie Don und Megan am Tisch ihr gegenüber an. “Das ist er, eindeutig. Ihr ziviler Berater hat ihn so gut gesehen?“

“Ja. Er hat ihm direkt in die Augen sehen können. Hill hat sich nicht bemüht, sich hinter einer Maske zu verstecken“, antwortete Don. Was viel über das Selbstbewusstsein des Mannes aussagte. Auch bei den Überfällen trugen sie keine Masken. Sie hielten ihre Gesicht nur geschickt von jeder Kamera der umliegenden Geschäfte fern, die sie vielleicht aufzeichnen könnte.

Linda nickte langsam. “Tja, wir suchen Connor Hill bereits seit Monaten. Wie Sie sicher bereits wissen, saß er wegen Banküberfällen und einem Dreifach-Mord. Er brach gemeinsam mit zwei anderen Männern aus einem Gefangenentransport aus. Bei der Flucht wurde geholfen. Wir wissen nicht mit Sicherheit, wer sie raus geholt hat, aber wir wissen, wer mit Hill gemeinsam floh.“ Sie drückte eine Taste auf ihrem Laptop und Connors Bild wurde durch zwei andere Fotos ersetzt. Das eine zeigte einen breitschultrigen, leicht übergewichtigen Mann, der mit einem bedrohlichen Lächeln in die Kamera blickte. Die braunen Haare waren kurz geschoren. Das andere zeigte einen Jungen – Megan schätzte ihn auf Anfang 20. Er wirkte nervös im Angesicht des Polizeifotografen, die grünen Augen blickten nicht direkt in die Kamera, sondern scheinbar auf einen Punkt über der Schulter des Fotografen. “Steve Klein und Kenny Jacobson. Klein hat diverse Vorstrafen. Unter anderem Gewaltverbrechen wie Vergewaltigung oder schwere Körperverletzung. Er und Hill hatten im Gefängnis am Anfang einige Probleme miteinander. Es kam zu Streits, Prügeleien und ein Mal endete Hill sogar im Krankenflügel.“

Megan fragte neugierig: “Worüber haben sie gestritten?“

“Kenny“, antwortete Linda. “Er kam nach Hill ins Gefängnis und teilte sich eine Zelle mit ihm. Klein wurde während dem Freigang auf Kenny aufmerksam und hat ihn belästigt.“

Megan fragte: “Belästigt?“

“Sexuell“, erläuterte Linda und Megan nickte. Sie hatte es sich fast gedacht. Kenny war schmal, niedlich und im Gefängnis wahrscheinlich eine der leichtesten Beuten für Schläger … und schlimmeres. “Hill übernahm die Rolle von Kennys Beschützer. Die beiden kamen sich während des Aufenthalts sehr nahe“, fuhr Linda fort. Don hob die Augenbrauen. “Nicht wie Sie denken“, meinte Linda, ehe er fragen konnte. “Hill behandelte Kenny wie einen Sohn. Und Kenny blickte zu ihm auf.“

Megan lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. “In Ordnung, aber Hill und Klein legten ihre Streitigkeiten irgendwann bei?“

Linda nickte. “Wahrscheinlich plante Hill schon seit dem Anfang seiner Haftstrafe neue Überfälle. Er wusste, dass Kenny ihm dabei nutzen kann, denn der Kleine sieht zwar harmlos aus, aber seine Qualitäten liegen in einer ganz anderen Liga.“

Don wurde ungeduldig, als der andere Agent eine Pause einlegte. “Die da wäre?“

Linda antwortete: “Hacking. Und ich weiß durch Ihre Berichte, dass sich jemand in die Dateien der Banken eingehackt hat, die überfallen wurden. Kenny war dazu verurteilt worden, sechs Jahre abzusitzen, weil er sich in die Systeme mehrerer Firmen und Regierungsbehörden eingehackt hat. Man konnte ihm nur etwa die Hälfte der Angriffe nachweisen, für die er angeklagt wurde und diese waren eher harmlos, deshalb die verhältnismäßig geringe Strafe.“

“Okay“, meinte Don, “wozu braucht Hill dann Klein?“

“Klein hatte Kontakte außerhalb des Gefängnisses. Wir vermuteten, dass zwei seiner Freunde die drei aus dem Transport befreit haben.“

Megan fragte: “Wie kommen Sie darauf?“

“Klein bekam öfter Besuch von den beiden, ehe er floh. Und sie haben zwar niemanden am Leben gelassen, der irgendetwas bezeugen könnte, aber da ihr Brian Wilder geschnappt habt, kann sein Kumpel nicht weit sein.“ Sie warf zwei neue Bilder an die Wand. Eines von Brian, das andere von einem schmalen, aber athletisch gebauten Mann mit dunklen Haaren. “Justin Finchley. Festgenommen für Bankraub. Saß die Zeit ab. Spezialisiert auf Safes. In der Branche heißt es, er kommt überall rein.“

Don lehnte sich vor, stützte sich auf sein Unterarme. “Okay. Hill hat versucht, einen Mathematiker zu entführen, der für das FBI arbeitet. Können Sie sich vorstellen, wieso?“

Hailey wirkte nachdenklich, dann schüttelte sie den Kopf. “Er hat eigentlich die perfekte Truppe für seine Banküberfälle zusammen. Das beweist die Tatsache, dass Sie ihn noch nicht schnappen konnten … das war keine Beleidigung.“ Don winkte ab.

Megan überlegte: “Die Frage ist, ob es bei Banküberfällen bleiben wird. Vielleicht plant er mehr. Ein neues Ziel. Und dafür braucht er einen Mathematiker.“

Don nickte. “Möglich.“

Linda seufzte. “Eins ist sicher. Hill, Wilder und Klein sind sehr gefährlich. Finchley ist wahrscheinlich nur auf den Profit aus, den die Überfälle bringen. Er ist nicht gerade für seine gewalttätige Ader bekannt. Was Kenny angeht, ich bin mir sicher, dass er sich an dieser Sache nicht freiwillig beteiligt.“

Don runzelte die Stirn. “Wie kommen Sie darauf?“

“Er ist jung und er hat Fehler gemacht, aber er hat niemandem dauerhaft geschadet. Er ist nicht der Typ für Schießereien, wie die, in der Sie mit den Räubern verwickelt waren. Und er arbeitet lieber vor dem Computer. Er mag Gewalt nicht. Und er wollte nach dem Gefängnis ein neues Leben anfangen.“ Linda sah die beiden Agents ihr gegenüber bittend an. “Bitte sehen Sie Kenny nicht als jemanden an, der dasselbe kriminelle Potential wie Hill hat. Ich denke, er ist ein Opfer.“

Don stand auf. “Wenn es stimmt, dass er freiwillig an den Überfällen beteiligt ist, kann ich ihn da nicht raus halten.“

Linda nickte, blies eine blonde Locke aus ihrer Stirn. “Das verstehe ich ja, aber … ich habe Kenny damals überführt und verhört. Ich kenne ihn, also sollte ich bei den Ermittlungen dabei sein. Er ist ein wirklich netter Junge. Es hat sich nur nie jemand um ihn gekümmert. Er ist hoch intelligent und er hat nie die Förderung erhalten, die so etwas verlangt. Intelligenz in diesem Ausmaß kann ein Fluch sein, Agent Eppes.“

Don lachte humorlos. “Glauben Sie mir, das weiß ich. Ich bin mit einem Bruder aufgewachsen, der mit 13 nach Princeton gegangen ist.“

“Tja, ich nehme an, Ihr Bruder ist ein Genie, das früh erkannt wurde. Immer gefördert von den Eltern und unterstützt von Ihnen, richtig?“

Don kniff die braunen Augen zusammen. “Was tut das zur Sache?“ Linda stand nun ebenfalls auf.

Sie klang beinahe wütend, als sie sagte: “Kenny hatte niemanden, Agent Eppes. Kein Familienmitglied hat sich für seine Intelligenz interessiert. Seine Lehrer sahen seine Weigerung, am Unterricht teilzunehmen, als Lustlosigkeit, anstatt Unterforderung. Seine Mitschüler haben ihn drangsaliert. Er schwänzte daraufhin und flog von der Schule. Seinen Eltern war das egal. Kenny hat also Wege gesucht, um seine Intelligenz zu testen. Er begann zu hacken. Was glauben Sie, wie Ihr Bruder unter ähnlichen Umständen sein Leben gemeistert hätte?“

“Sie setzen sich sehr für diesen Jungen ein. Vielleicht sind Sie zu befangen.“

“Nun, ich bin nicht die einzige in diesem Fall, die das ist, nicht wahr?“ Linda verschränkte die Arme und hob die Augenbrauen, blickte Don herausfordernd an. “Glauben Sie, ich habe mich nicht vorbereitet? Ich weiß, dass Ihr Bruder der zivile Berater ist, der angegriffen wurde. Ich rechtfertige das nicht. Aber Kenny ist kein Verbrecher. Ich bitte Sie nur darum, mir für diesen Fall einen Platz in Ihrem Team zuzusagen.“ Don starrte Linda einige Momente unentschlossen an, dann nickte er schließlich. Linda schien einen guten Zugang zu Kenny zu haben, was ihnen später vielleicht helfen könnte. Er blickte zu Megan und die nickte langsam, ganz seiner Meinung.

“In Ordnung“, meinte er. “Gehen wir wieder an die Arbeit.“

Kapitel 10
Brute Force Masterlist

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